Auf in den Gleichschritt, Marsch! Synchrontanz ist wieder im Kommen. Warum?«Murmuration» von Sadeck Berrabah treibt die Idee der Synchronizität auf die Spitze. Auf Social Media fasziniert das Phänomen Millionen. Nun kommt die Show live nach Zürich.Lilo Weber08.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDieses und alle folgenden Szenenbilder stammen aus «Murmuration – Level 2» von Sadeck Berrabah.Valentin FrelandWenn einer den Arm beugt, beugen ihn alle. Zur gleichen Zeit, im exakt gleichen Winkel, im gleichen Tempo. Oder ganz kurz nacheinander. 46 Mal oder einmal, das ist hier dasselbe. In der riesigen Sport- und Konzerthalle Le Zénith in Eckbolsheim bei Strasbourg verwachsen 46 Tänzerinnen und Tänzer zu einem einzigen Tänzerkörper. Vielmehr: zum Muster eines Körpers, einem geometrischen Gebilde, das wandert, in riesigen Wellen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Murmuration – Level 2» heisst die Show von Sadeck Berrabah. Ab 19. Juni ist sie in Zürich zu sehen. Sie treibt das Prinzip der Synchronizität, das wir aus Ballett und Revuen, von Massensportanlässen und militärischen Paraden kennen, auf die Spitze. Präzision bis in die Fingerspitzen ist hier gefragt, wer danebengreift, fällt – aus dem Rahmen.«Es sind Bilder», sagt Sadeck Berrabah. Seit seiner Kindheit im weiter nördlich gelegenen Forbach zeichnet der Choreograf. «Ich habe die Bilder im Kopf. Also zeichne ich sie mit den Armen, brauche die Arme der Tanzenden als Linie, und mit den vielen Linien lässt sich wiederum zeichnen und schreiben. Daraus werden Bilder, bewegte Bilder, wandernde Tanzwellen.» Auf diese Weise würden alle seine Choreografien entstehen, sagt er, auch «Murmuration» ist so entstanden. Die Show hat ihren Titel von dem magischen Luftballett der Stare, die sich zuweilen zu Tausenden und Abertausenden in die Lüfte erheben, zu einem synchronisierten Tanz über der Erde.«Ihr müsst euch vorstellen, ihr seid in der Mitte eines Rubik’s Cube», sagt Sadeck Berrabah.Valentin FrelandValentin FrelandChoreografien für Shakira und für OlympiaTutting wird der Tanzstil mit den kantigen Bewegungen genannt, er stammt aus dem Street Dance. Arme und Finger werden in rechtwinkligen Formen zu Musik bewegt und bilden geometrische Muster. «Beim Vortanzen erkläre ich den Tänzerinnen und Tänzern: ‹Ihr müsst euch vorstellen, ihr seid in der Mitte eines Rubik’s Cube, mit Formen vor euch, Linien auf der Seite, mit Punkten und Quadraten. Wenn ihr das versteht, seid ihr in der Mitte eures Würfels›», erläutert Sadeck Berrabah.Im Frühling 2017 schuf er mit seiner Gruppe Géométrie Variable ein Duo auf Video – und das ging umgehend viral. Seither sind seine getanzten Linien und Quadrate allseits gefragt: auf Modeschauen, an den Olympischen und den Paralympischen Spielen, auf dem Video «Girl Like Me» von Shakira und The Black Eyed Peas – und in den grossen Sporthallen wie dem Zénith bei Strasbourg. Das Publikum ist entzückt, will dabei sein, selber Arme beugen, Muster schaffen – als Ornament der Masse.Was fasziniert uns so sehr an 46 Tänzerinnen und Tänzern, die alle das Gleiche tun, im gleichen Takt? Der deutsche Soziologe und Geschichtsphilosoph Siegfried Kracauer (1889–1966), einer der brillantesten Feuilletonisten der Weimarer Republik, verglich 1927 in seinem Essay «Das Ornament der Masse» die exakt einheitlichen Bewegungen der populären Revuegruppe «Tiller Girls» mit den Menschen im Produktionsprozess. Die einzelnen Tänzerinnen seien «keine Mädchen mehr, sondern unauflösliche Mädchenkörper, deren Bewegungen mathematische Demonstrationen sind».Ähnliche Argumente konnte man ab den 1970er Jahren von zeitgenössischen Tanzschaffenden hören. Unisono tanzen – das war Ballett, da musste sich der oder die Einzelne einordnen in die Reihe von Schwänen, Geistern oder ähnlichen Rollen des Corps de Ballet. Dagegen wurde im zeitgenössischen Tanz nach Individualität und Vielfalt von Ausdruck, Bewegung und Körperformen gesucht.VValentin FrelandValentin FrelandLust an der Gleichschaltung?Im 21. Jahrhundert scheint sich dieser Gedanke nun wieder abzuschwächen. Nach wie vor gibt es unter den führenden Choreografen solche, die Synchronizität scheuen – etwa den Genfer Ballettdirektor Sidi Larbi Cherkaoui. Der Gleichtanz erinnert sie an Gleichschaltung und militärische Aufmärsche. Doch es hilft nichts: Auch im zeitgenössischen Tanz stellen angesagte Choreografinnen und Choreografen wie die Israelin Sharon Eyal, die Kanadierin Crystal Pite oder der Spanier Marcos Morau Synchronizität wiederholt in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten.Zu erinnern ist an Crystal Pites Stück «Emergence», mit dem das Ballett Zürich vor ein paar Jahren sein Publikum elektrisierte. Das Stück war inspiriert von der Arbeit eines Bienenschwarms – und der Effekt auf das Publikum umwerfend. Warum? Trifft die Synchronizität ein grundsätzliches menschliches Bedürfnis nach Verbindung zu einem grösseren Ganzen, wie Crystal Pite im Programmheft zu «Emergence» zitiert wird? «Als wären wir seit je voneinander getrennt und würden nun eine Einheit herstellen, die uns plötzlich ganz vertraut und wahrhaftig vorkommt.»Ähnlich argumentiert Sadeck Berrabah: «Ich glaube, die Menschen wollen Menschen sehen, die sich miteinander verbinden. Uns ist egal, woher jemand kommt, was sie denken, welche Hautfarbe, Religion, welches Geschlecht sie haben. Wir sind in erster Linie Menschen, und wir sind zusammengekommen, um etwas Schönes zu schaffen.»Wie aber erreicht er die Präzision mit 46 und mehr Tanzenden? Mit Zählen, antwortet er. «Sie zählen die ganze Show durch, von der ersten Sekunde bis zur neunzigsten Minute.» Das hört sich nicht besonders sexy an. «Tatsächlich, das ist wie beim Militär.» Und er erzählt eine Anekdote: «Bei einer Show in Paris fiel die Musik plötzlich weg, und meine Tänzerinnen und Tänzer machten einfach zählend weiter. Als die Musik wieder einsetzte, führten sie die Choreografie weiter, als wäre nichts geschehen.»Doch wenn Sadeck Berrabah gegen den Schluss von «Murmuration» vor seine menschliche Geometrie auf die Bühne tritt, wenn er die Arme ausstreckt, die Hände flattern, die Finger leise flirren und die Schultern leicht beben lässt, verblassen Muster und Militär. Und dieses verletzliche Kind aus dem weiter nördlich gelegenen Forbach wird vor uns lebendig.Ein merkwürdiger Junge sei er gewesen, sagt er, einer, der stotterte und immer nur zeichnen wollte, sich dann in den Hip-Hop verliebte – und irgendwann auf der Strasse landete. Es hätte so enden können. Es kam anders. Sadeck Berrabah zog nach Montpellier, tanzte weiter und zog durch die Battles. Schliesslich begann er mit seinen Kollegen von Géométrie Variable zu experimentieren. Und sein kometenhafter Aufstieg begann.Zürich, Maag-Halle, 19. bis 25. Juni.Passend zum Artikel