Die Explosionen in der Ostsee am 26. September 2022 fielen schon unmittelbar nach den ersten Erkenntnissen als potentieller Filmstoff ins Auge. Denn wenn drei von vier Strängen einer tief auf dem Meeresgrund verlegten Pipeline zerstört werden, muss man von Vorgängen ausgehen, an denen Menschen beteiligt sind, die sich auf das Handwerk von Geheimagenten verstehen. Dazu kam die mysteriöse Interessenlage: Deutschland und Russland hatten kein plausibles Motive, die wenige Monate davor von Putins Streitkräften angegriffene Ukraine dagegen schon, musste aber eigentlich auf ein gutes Verhältnis zu Deutschland bedacht sein. Und die USA? Dazu gleich mehr.Inzwischen bestätigen deutsche Behörden eine ukrainische Urheberschaft der Sprengung. Und als vergangene Woche bekannt wurde, dass in Kroatien ein weiterer Tatverdächtiger festgenommen worden war, noch dazu am Rande von Dreharbeiten zu einem Film, der ausgerechnet von der Sprengung der Pipeline erzählen soll (im Modus eines amerikanischen Actionfilms, mit Sean Penn und Adrien Brody), schienen sich die verschiedenen Erzählungen für einen Moment merkwürdig zu überlagern: Über einen Sachverhalt, bei dem die juridische Wahrheitsfindung noch im Gang ist, könnte sich schon bald eine populärkulturelle Version legen.Der Soldat salutiert mit einer ZoteWobei der Arbeitstitel des Films von dem renommierten Regisseur Doug Liman auch noch in eine andere Richtung weist: „Snake Island“ könnte sich zumindest als Ausgangspunkt auch auf die Ereignisse am ersten Kriegstag im Februar 2022 beziehen, als ein ukrainischer Soldat die russischen Angreifer auf einer Felseninsel vor Odessa mit einer Zote begrüßt hatte. Der Satz „Russisches Kriegsschiff, fick dich“ hat seither einen ähnlichen Stellenwert wie das „Ich brauche kein Taxi, ich brauche Munition“, mit dem Präsident Selenskyj ein Evakuierungsangebot zurückwies.Die Energiepartnerschaft Deutschlands mit Russland, die sich in den vier Strängen von Nord Stream manifestierte, kam mit dem Angriff auf die Ukraine an ein Ende. Das sollte sich eigentlich von selbst verstehen: Man macht mit einem Zerstörer der europäischen Friedensordnung keine Geschäfte, sondern sanktioniert ihn. Der Abschied vom billigen russischen Gas hinterließ allerdings allerlei Phantomschmerzen. Und der James-Bond-Aspekt bei den Pipeline-Sprengungen inspiriert nicht nur amerikanische Produktionsfirmen, sondern auch opake Milieus, in denen an alternativen Deutungen der Ereignisse gearbeitet wird.Wird beschuldigt, an der Sprengung der Pipeline beteiligt gewesen zu sein: Vladimir Z. im kroatischen Pula im August 2026ReutersIn diesen Wochen kursiert in Deutschland ein vorgeblicher Dokumentarfilm, der einfach „Nordstream – Die Sprengung“ heißt. Als Autoren werden Moritz Enders und Gunther Merz genannt, ein deutlich tendenziöses Online-Nachrichtenmagazin „Hintergrund“ fungiert als Operationsbasis. Präsentiert wird eine Version des Hergangs, die man als die bislang elaborierteste Gesamterzählung einer schon lange präsenten Rationalisierung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sehen kann. In dieser Version waren es die USA, die für die Pipeline-Sprengung verantwortlich waren.Die Konstruktion des Films läuft dabei auf etwas deutlich Größeres hinaus: auf eine Geschichtsdeutung, die in letzter Konsequenz ein ganzes Jahrhundert umfasst und in der Deutschland als hilfloser Vasall der hegemonialen transatlantischen Macht dargestellt wird. Ein Deutschland, das, wie der Film schon mit seiner Prämisse deutlich macht, dringend seine Rohstoffbeziehungen mit Russland wieder aufnehmen sollte. „Nordstream – Die Sprengung“ unternimmt beträchtliche Anstrengungen, ein Narrativ zu stärken, das in der aktuellen Parteienlandschaft besonders konsequent von Sahra Wagenknecht vertreten wird, das aber auch von großen Teilen der AfD und von Teilen der Linkspartei für überzeugend gehalten wird.Die USA haben in der Darstellung von Enders und Merz schon seit vielen Jahren eine langfristige Strategie, die auf eine „Deindustrialisierung“ Deutschlands hinausläuft, das allerdings mindestens die Devisen für Energielieferungen aus Amerika erwirtschaften soll. In einem über alle Präsidentenwechsel, ideologische Verschiebungen und Wechsel der geopolitischen Bedingungen hinweg durchgehaltenen Szenario war Deutschland immer schon ein bloßer Baustein bei der Errichtung einer Weltherrschaft, die in der Wall-Street-Firma Blackrock (der Friedrich Merz quasi als Agent zugeordnet wird) ihr eigentliches Subjekt hat.Interessant ist die großhistorische Rahmung: Enders und Merz beginnen mit einer Erinnerung an die Berlin-Bagdad-Bahn vor 100 Jahren, einem Plan, der explizit als Hintergrund-Analogie zu den Nord-Stream-Pipelines eingeführt wird und der damit einen „eurasischen“ Gegenentwurf auch zu der West-Bindung Deutschlands ermöglichen würde. In der DNA dieser Konstruktion sind antisemitische Codes deutlich erkennbar: das „jüdische“ Amerika der Wall Street gegen die Anbindung Deutschlands an einen Osten, den Hitler noch rohstoff- und genereller ressourcenkolonial sah, der sich nun aber unter Putin als schützender Energiepartner anbietet – die Ablehnung der Freiheitsgewinne im liberalen Gayropa wird mitgeliefert.Geschichte folgt keinem Masterplan„Nordstream – Die Sprengung“ ist in seiner Gesamtkonstruktion, in der Russland schließlich für seinen Angriff auf die Ukraine ein implizites Notwehrrecht zugesprochen bekommt, deutlich als propagandistisches Vehikel erkennbar; gerade die bis in kleinste Details vorgeblich stimmige „Gesamtlogik“ müsste vernünftige Betrachter eigentlich skeptisch machen. Geschichte folgt in der Regel keinem Masterplan, und aus der Tatsache, dass es amerikanische Interessen gibt, folgt noch nicht, dass Deutschland politisch zwischen Trump und Putin nur eine schicksalhafte Alternative hat.Auf dieses fatale Entweder-oder aber stößt man, wenn man mit Menschen spricht, die sich den Film in Berlin im Kino anschauen. „Das müsste man mal Samstagabend im Ersten zeigen“, bekommt man da zu hören, und wenn man einwendet, dass damit die hybride Kriegsführung Russlands offiziell in die eigenen Wohnzimmer geholt würde, werden manche regelrecht aggressiv. Zu den Berliner Merkwürdigkeiten kann man auch zählen, dass es ausgerechnet ein gut subventioniertes kommunales Kino ist, das „Nordstream – Die Sprengung“ zeigt, offiziell nur als Vermieter des traditionsreichen Saals des Babylon Mitte am Rosa-Luxemburg-Platz. De facto aber wird der Film auf den eigenen Aussendungen beworben.Kinos, die von der öffentlichen Hand unterhalten werden, sollten sich eigentlich zur Aufgabe stellen, bei ihrem Publikum den Sinn für Unterschiede zwischen Dokumentar- und Propagandafilm zu schärfen. Das im Netz leicht auffindbare Machwerk von Enders und Merz, das schließlich sogar noch suggeriert, deutsche Wehrdienstleistende könnten zum Dienst (und zum Sterben) im Donbas kommandiert werden, bietet hinreichend Studienmaterial dafür, wie sich eine fatal instrumentalisierte Geschichtsdeutung zunehmend verfestigt. Für den Sommer der Landtagswahlen ist „Nordstream – Der Film“ ein Vehikel der Irreführung. Nun heißt es warten – darauf, was Hollywood aus der Geschichte macht.