Man hatte fast das Gefühl, Finanzkrisen seien ein bisschen aus der Zeit gefallen. Sicher, eine Weile bemühte sich eine ganze Generation von Analysten und auch Journalisten, hinter jedem größeren Ausschlag an den Börsen eine neue existenzielle Gefahr für das Finanzsystem zu entdecken. Geschuldet war dies den Erfahrungen aus der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008, deren Folgen damals niemand vorausgesehen hatte. Damals stand die Finanzwelt zeitweise am Rand eines Kollapses.Diese Krise ging im Prinzip nahtlos in die europäische Schuldenkrise über, in deren Verlauf am Fortbestand des Euros und an der finanziellen Stabilität von Griechenland, Irland, Portugal, Italien sowie Spanien gezweifelt wurde. Damals drängte sich der Eindruck auf: Erschütterungen dieser oder anderer Art würden ständig wiederkommen.Doch stattdessen erlebten die Märkte in etwa von den Jahren 2015/2016 an Zeiten relativer Ruhe. Immer wieder glaubten aufmerksame Beobachter zwar, Anzeichen für eine neue große Krise gefunden zu haben. Das war so, als beim Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020 die Börsenkurse zunächst dramatisch einbrachen. Das war so, als der chinesische Immobilienkonzern Evergrande im Jahr 2021 in Schieflage geriet. Und das war so, als im Jahr 2023 zunächst die kalifornische Silicon Valley Bank und kurz danach die schweizerische Credit Suisse zusammenbrachen. Doch glücklicherweise blieb das ganz große Drama jedes Mal aus.„Einen vorhersagbaren Rhythmus gibt es nicht“Daraus abzuleiten, dass dies nun immer so bleiben muss, wäre allerdings ein Fehler. Das zumindest ist die Meinung vieler Fachleute, die die F.A.S. um ihre Einschätzung gebeten hat. Exemplarisch dafür steht die Aussage von Volker Wieland, Finanzprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität: „Einen vorhersagbaren Rhythmus, dass es nach einer bestimmten Zeit zwangsläufig zu einer Krise kommen muss, gibt es nicht. Aber Finanzkrisen sind wohl nie auszuschließen.“Es kann darum hilfreich sein, sich anzuschauen, welche Zutat in der jüngeren Vergangenheit zum echten Flächenbrand gefehlt hat – und was nun, in einer neuen brenzligen Situation in den Vereinigten Staaten, womöglich anders ist. Von ihr wird noch ausführlich die Rede sein.Zunächst aber der Blick zurück: Was hat da zuletzt den Zusammenbruch verhindert? Nicht immer lässt sich das mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, manches bleibt auch rätselhaft. Aber stark vereinfacht, kommen in Finanzkrisen drei Dinge wie in einem Muster zusammen, das der Ökonom Stefan Bielmeier vor einigen Jahren einmal in dieser Zeitung vorgestellt hat.Drei Dinge kommen in Finanzkrisen zusammenAm Anfang steht in der Regel ein wirtschaftliches Ungleichgewicht oder eine Störung, die oft über ein einzelnes Land oder einen einzelnen Bereich hinausweist. Hinzu kommt üblicherweise ein konkretes Ereignis, dass der Öffentlichkeit diese Unwucht in aller Deutlichkeit bewusst macht. Was drittens dazu führt, dass die Investoren das Vertrauen verlieren.Um es konkret zu machen: In der Pandemie war mit der Stilllegung des öffentlichen Lebens der Grund für den Vertrauensverlust der Anleger in die Weltwirtschaft offensichtlich. Aber massive finanzielle Hilfsprogramme in wichtigen Staaten wie den USA und Deutschland stabilisierten die Lage. Im Fall des chinesischen Evergrande-Konzerns kam es zwar zu einer schwerwiegenden Störung des chinesischen Immobilienmarktes, aber diese griff nicht auf andere Länder über. Die Geschäfte des Unternehmens waren weitgehend auf China begrenzt. Und im Falle der beiden Geldhäuser Silicon Valley Bank und Credit Suisse verloren die Investoren eben nicht das Vertrauen in den gesamten Sektor. Womöglich weil man aus der Finanzkrise gelernt hat: Seit den Vorfällen 2008 müssen die Banken mehr Eigenkapital genau für solche Zeiten vorhalten, bei den Schweizern übernahm dann schnell die Konkurrentin UBS die Credit Suisse.Vielleicht gibt es also doch keine ganz großen Krisen mehr? Die Wissenschaft ist sich weitgehend einig, dass dies unwahrscheinlich ist. Dies hat mit einem eigentlich positiven Wesenszug des Kapitalismus zu tun. Wer investiert, geht zwar ein Risiko ein, dass sein Geld womöglich nicht so viel Ertrag bringt wie erhofft. Doch gerade die Aussicht auf das genaue Gegenteil – also auf besonders hohe Erträge – ermöglicht erst Innovation. Man denke beispielhaft an das deutsche Unternehmen Biontech und seinen Corona-Impfstoff. Es sei geradezu ein Merkmal innovativer Zeiten, dass Auf- und Abschwünge („Boom and Bust“) aufeinanderfolgten, schreibt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Zentralbank der Zentralbanken. Weil Chance und Risiko eben eng beieinander liegen können.Die Sorgen in den Vereinigten Staaten wachsenNun aber zu den Vereinigten Staaten: Der Schuldenstand des Landes hat in den vergangenen Tagen die symbolische Schwelle von sage und schreibe 40 Billionen Dollar überschritten. Das steht für einen Trend, der schon länger zu beobachten ist und der über die Vereinigten Staaten hinaus weist: Die ökonomisch stärksten Staaten der Welt weiten ihre Verschuldung massiv aus. Vor der Finanzkrise kamen die entwickelten Volkswirtschaften laut LBBW-Chefökonom Moritz Kraemer auf einen Schuldenstand in Höhe von etwa 60 bis 70 Prozent der Wirtschaftsleistung. Heute sind es rund 110 Prozent. Die Vereinigten Staaten liegen sogar bei 122 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.Dass sich selbst die amerikanische Regierung nicht richtig wohl damit fühlt, zeigen Interventionen des Finanzministeriums in den Markt: Der zuständige Minister, Scott Bessent, kündigte überraschend an, man wolle vermehrt US-Staatsanleihen mit längerer Laufzeit zurückkaufen. Das allerdings beruhigte die Märkte nur kurz. Inzwischen stehen die Renditen von US-Anleihen mit dreißigjähriger Laufzeit mit mehr als fünf Prozent wieder auf dem höchsten Stand seit 2007. Auch für Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit ist die Rendite gestiegen. Die Investoren verlangen also höhere Zinsen dafür, dem amerikanischen Staat Geld zu leihen. Man könnte auch sagen: Sie vertrauen ihm weniger. Und das in einer Zeit, in der die KI-Konzerne als neue Konkurrenten um Kapital auftreten, denn auch sie wollen sich für ihre Rechenzentren viel Geld leihen, und zwar in immer abenteuerlicheren Konstruktionen. Alle wesentlichen Voraussetzungen für eine Finanzkrise sind somit erfüllt: wirtschaftliche Unwucht, ein aufsehenerregendes Ereignis und ein Vertrauensverlust der Investoren.„Exzessive Verschuldung“ sei schon immer der Kern vieler Wirtschaftskrisen gewesen, stellt Ben Jones fest, Leiter der Research-Abteilung bei der Fondsgesellschaft Invesco. Sollte es am Ende so einfach und so dramatisch zugleich sein, dass die Welt wieder am Beginn einer Staatsschuldenkrise steht? Nur dass sie dieses Mal ausgerechnet von Amerika ausgeht, der wichtigsten Wirtschaftsmacht der Welt?Soweit will Finanzprofessor Wieland noch nicht gehen. „Ich traue mir nicht sicher zu, die nächste Finanzkrise vorherzusagen“, sagt er. „Es sind aber größere Schwachstellen im System erkennbar. Insbesondere bei der Entwicklung der Staatsschulden sieht es nicht gut aus.“ LBBW-Chefökonom Kraemer geht noch einen Schritt weiter. „Die nächste Krise lauert vermutlich in einem Bereich, der sehr groß ist und deswegen entsprechende Wirkung entfalten kann. Und kein Markt ist so groß wie der der Staatsanleihen.“Häufig wird solchen Sorgen entgegengehalten, dass es keine sinnvolle Alternative zu amerikanischen Staatsanleihen gebe. Investoren würden immer nach einer möglichst sicheren Anlage suchen („safe asset“), und dies könnten aufgrund ihrer Verbreitung und der guten Handelbarkeit eben am Ende nur US-Anleihen sein – hoher Schuldenstand hin oder her.Doch ganz so eindeutig ist die Sache dann doch nicht. Der Princeton-Ökonom Markus Brunnermeier hat im Magazin „The Economist“ die Überlegung jüngst einmal zu Ende gedacht. Wenn sogar US-Anleihen ihren Status als sichere Anlage verlieren und Investoren keinen entsprechenden Ersatz dafür finden, hat dies Konsequenzen. Denn wer einen Teil seines Geldes sicher anlegt, ist eher bereit, mit dem übrigen Teil mehr Risiken einzugehen. Brunnermeier folgert: Gibt es keine risikolose Anlage mehr, werden Investoren insgesamt weniger Geld für riskante Projekte zur Verfügung stellen. Sie werden ängstlicher. Für die Weltwirtschaft wäre das nicht gut.