PfadnavigationHomeWirtschaft40‑Billionen-Marke überschritten„Rasen auf eine Klippe zu“ – Amerikas gigantische SchuldenfalleVon Jan KlauthFreier US-Korrespondent mit Sitz in New YorkStand: 05:07 UhrLesedauer: 7 Minuten2016 erklärte Trump, er werde die Staatsverschuldung innerhalb von acht Jahren beseitigen – seitdem hat sie sich verdoppelt.Quelle: Samuel Corum/Getty ImagesSteuererlasse, das Zoll-Eigentor und der Irankrieg: Die Trump’sche Haushaltspolitik führt die USA immer weiter in die Verschuldung. Ökonomen warnen vor einem Kipppunkt. Doch auch in Deutschland steigt die Sorge vor einer neuen Schuldenkrise.Nun ist passiert, was lange unausweichlich war. Und dennoch ist die Zahl so hoch, dass man sie sich kaum vorstellen kann. 40.047.425.768.420 Dollar. So hoch ist, Stand Mittwochabend, die amerikanische Staatsverschuldung. Vor fünf Monaten war die 39-Billionen-Marke gefallen, im Oktober davor die 38 Billionen. Der Rhythmus des Anstiegs wird demnach immer kürzer – ein schlechtes Zeichen für eine Regierung, die eigentlich versprochen hatte, den Haushalt in Ordnung zu bringen.Und nicht nur auf kurze Sicht ist die Entwicklung alarmierend. Als er 2016 erstmals für das Weiße Haus kandidierte, erklärte Donald Trump, er werde die Staatsschulden innerhalb von acht Jahren beseitigen, indem er neue Handelsabkommen schließe und das Wirtschaftswachstum ankurbelt. Tatsächlich ist das auch passiert. Nur – die Staatsverschuldung hat sich seitdem verdoppelt.Peinlich für das Weiße Haus: Die Überschreitung der 40-Billionen-Marke kommt Monate früher, als Analysten es noch vor Kurzem erwartet hatten. Der Hauptgrund liegt in Milliarden an Einnahmen, die dem Staat entgangen sind, weil seit Monaten die Rückzahlung der Zollaufschläge läuft, nachdem der Oberste Gerichtshof die Grundlage für Trumps „Liberation-Day“-Zölle für rechtswidrig erklärt hatte.Lesen Sie auchDazu kommt: Allein in diesem Haushaltsjahr wird Washington voraussichtlich mehr als zwei Billionen Dollar neue Schulden aufnehmen. Ein guter Teil davon fließt inzwischen schlicht in Zinsen für bereits bestehende Schulden – nach Berechnungen der Denkfabrik Committee for a Responsible Federal Budget etwa die Hälfte des diesjährigen Defizits. „Das Erschreckendste daran ist, wie man live zusehen kann, wie die Schuldenspirale beginnt“, sagt CRFB-Politikdirektor Marc Goldwein gegenüber „CNN“.Lesen Sie auchDie Verschuldung beträgt aktuell 123 Prozent des BIP. Das sind vier Prozentpunkte mehr als zum Amtsantritt von Trump. Dennoch ist der prozentuale Wert niedriger als vor sechs Jahren. Damals, getrieben durch den Corona-Schock, schnellte die Quote auf 133 Prozent hoch. Dennoch sind auch 123 Prozent viel zu hoch, so die Warnung von Ökonomen. Denn der Anstieg im Langzeitvergleich ist erheblich.Zur Einordnung: Vor knapp zehn Jahren wurde erstmals die 100-Prozent-Marke überschritten. 2007, kurz vor der Finanzkrise, betrug der Anteil 62 Prozent, also etwas halb so hoch wie heute. Und in den frühen Nullerjahren bewegte man sich um die 55-Prozentmarke.Auch Obama und Biden trieben die Schulden nach obenExperten haben eine eindeutige Erklärung, wie es zum jüngsten Anstieg kam. Drei Dinge kamen fast gleichzeitig zusammen. Erstens: der Krieg gegen den Iran. Pentagon-Vertreter sprachen von über 11 Milliarden Dollar Kosten allein in der ersten Woche, Ökonom Kent Smetters vom Penn Wharton Budget Model rechnete zeitweise mit rund 800 Millionen Dollar täglich.Zweitens: die geplatzten Zölle. Der Oberste Gerichtshof kippte im Februar große Teile der „Notstandszölle“, die Trump verhängt hatte. Der Staat musste Unternehmen daraufhin im ersten Schritt 160 Milliarden Dollar zurückzahlen – Geld, das eigentlich schon im Haushalt eingeplant war. Das CRFB schätzt, dass der Wegfall dieser Einnahmen die Schuldenquote bis 2036 auf 125 statt 120 Prozent der Wirtschaftsleistung treiben könnte.Drittens: die Steuersenkungen von 2025. Finanzminister Scott Bessent wollte das Defizit eigentlich von über sechs auf drei Prozent der Wirtschaftsleistung drücken. Stattdessen bewegt es sich gerade in die Gegenrichtung. Unternehmen dürfen die Kosten für neue Fabriken sofort komplett absetzen statt über Jahre verteilt, was die Verschuldung ebenfalls treibt.Lesen Sie auchDazu kommt: Die „Beautiful Bill“ verschlingt Unsummen, die für Subventionsprogramme und Staatsbeteiligungen ausgegeben werden, vor allem in den Sektoren Tech, Energie, Bergbau und Militär. Bemerkenswert ist auch, wie die Ankündigungen von Elon Musk aus dem vergangenen Jahr gescheitert sind. Das von ihm mitgegründete „Department of Government Efficiency“ sollte mindestens eine Billion Dollar einsparen und damit den Haushalt spürbar entlasten. Herausgekommen sind nach eigenen Angaben gut 200 Milliarden. Und selbst diese Zahl halten die Forscher des Government Accountability Offices für unzuverlässig.Inwiefern die Verschuldung zur konkreten Gefahr wird, darüber gehen die Meinungen von Experten auseinander. „Die Höhe der Schulden ist nicht untragbar. Aber der Kurs ist es“, sagte Ex-Fed-Chef Jerome Powell im Frühjahr. Entscheidend sei nicht der Schuldenberg an sich, sondern das Tempo, mit dem er im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung wachse. Dieses Verhältnis, so Powell, kenne nur eine Richtung: „Es wird nicht gut ausgehen, wenn wir nicht bald etwas unternehmen.“Genau dieses Argument – hohe Schulden allein seien noch keine Katastrophe – vertritt auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Sein zentraler Punkt: Die USA verschulden sich in eigener Währung, dem Dollar, und sind damit nicht mit Ländern vergleichbar, die in Fremdwährung Kredite aufnehmen und pleitegehen können. Die Schuldenquote im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung liege ungefähr auf dem Niveau des Endes des Zweiten Weltkriegs – und liege weiterhin klar unter der Japans, ohne dass dort eine Schuldenkrise ausgebrochen wäre.Lesen Sie auchDeutlich alarmierter klingt dagegen Maya MacGuineas, Präsidentin des CRFB: Sie sieht das Risiko einer Finanz-, Inflations- oder Währungskrise, sollte der Kurs nicht korrigiert werden. Auch von der Wall Street kommen ähnliche Töne: BlackRock-Chef Larry Fink, JPMorgan-Chef Jamie Dimon und Bank-of-America-Chef Brian Moynihan haben unabhängig voneinander vor der Schuldenentwicklung gewarnt, Citadel-Gründer Ken Griffin nannte den Umgang der USA mit ihren Schulden schlicht „unverantwortlich“.Auch in Deutschland wächst die Sorge. Denn mit steigenden Schulden sowie Zinsen und der potentiellen Gefahr einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit und steigenden Bundesanleihen stehen die USA nicht allein da. „Man muss sich um die Stabilität der globalen Anleihemärkte Sorgen machen“, sagt der Ökonom Gabriel Felbermayr gegenüber dem „Handelsblatt“. „Die Gefahr einer größeren globalen Staatsschuldenkrise ist aktuell sehr hoch.“Durch den Anstieg der Zinskosten drohen die USA, Japan, aber auch viele europäische Staaten in einen Teufelskreis aus immer höherer Neuverschuldung und steigendem Schuldendienst zu geraten, so die Warnung. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt in einer Analyse vor dem Risiko „eines explosiven Schuldenpfads“.Warnungen vor dem „Systemcrash“Kurzfristig jedenfalls bleibt Amerika der sicherste Hafen der Welt: Kein anderer Anleihemarkt ist annähernd so tief, so liquide oder so zentral fürs globale Finanzsystem. Ökonomen betonen zudem immer wieder, dass es keine echten Alternativen zum Dollar als Reservewährung gibt. Genau deshalb kaufen Investoren US-Staatsanleihen weiter, trotz aller Warnungen. Sind die USA also „too big to fail“?Immer wieder ist von der Gefahr einer Kettenreaktion zu lesen. Trauen Investoren dem Staat weniger zu, verlangen sie höhere Zinsen. Genau das passiert wohl bald in den USA wie auch in Europa. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist auf den höchsten Stand seit fast 20 Jahren geklettert.Da sie die Messlatte für fast alle anderen Kredite ist, steigen auch Hypotheken- und Firmenzinsen mit. Und der 30-jährige Hypothekenzins liegt inzwischen bei fast 6,7 Prozent. Zahlen muss das am Ende jeder, der ein Haus oder Unternehmen finanzieren will. Dazu kommt: Höhere Zinsen verteuern auch die bestehenden Staatsschulden, das Defizit wächst weiter, neue Schulden werden nötig – ein Teufelskreis. Der Staat gibt dauerhaft mehr aus, als er einnimmt, so Margaret Spellings vom Bipartisan Policy Center.Lesen Sie auchDer vielfach vorhergesagte „Systemcrash“ steht aber wohl nicht bevor. Grund ist die solide Wirtschaftsentwicklung. Solange das BIP wächst, können die USA ihre Schulden bedienen. Erst, wenn ein Abschwung kommt, wird die Lage brenzlig. Danach sieht es aber nicht aus.2025, im ersten Jahr von „Trump 2.0“, lag das Wachstum bei 2,1 Prozent. Weniger als im letzten Amtsjahr von Joe Biden, aber ein ordentliches Plus. Auch für 2026 sagen Ökonomen eine gute Entwicklung voraus. Der IWF erwartet 2,4 Prozent, die Weltbank 2,2 Prozent – auch wenn die Prognose für das laufende Jahr wegen des Irankriegs nach unten korrigiert wurde.Alarmistische Stimmen angesichts der Rekordschulden kommen nun auch von den Demokraten. Das ist nicht ohne Ironie: Nicht nur unter Trump, sondern auch unter Barack Obama und Joe Biden wurde fleißig am Auftürmen des Schuldenbergs mitgearbeitet: ob durch umstrittene Konjunkturhilfen, Gesundheitsprogramme, Aufrüstung oder die Pandemie-Bekämpfung. Wenig überraschend: Beide Seiten fordern Sparsamkeit traditionell am lautesten dann, wenn sie gerade nicht regieren. Ein echter Plan, den Schuldenberg abzutragen, scheint in Washington nicht zu existieren.Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.
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Steuererlasse, das Zoll-Eigentor und der Irankrieg: Die Trump’sche Haushaltspolitik führt die USA immer weiter in die Verschuldung. Ökonomen warnen vor einem Kipppunkt. Doch auch in Deutschland steigt die Sorge vor einer neuen Schuldenkrise.













