WirtschaftsWoche: Herr Transfeld, in gut einer Woche wird in Ihrem Bundesland Sachsen-Anhalt gewählt. Was glauben Sie: Schafft die AfD die absolute Mehrheit und stellt mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund den nächsten Ministerpräsidenten?Carsten Transfeld: Eine absolute parlamentarische Mehrheit für die AfD erwarte ich nicht. Wenn es sie gäbe, muss man sich die riesige Außenwirkung vor Augen führen: Sachsen-Anhalt wird zum 1. Oktober turnusgemäß den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz für ein Jahr übernehmen.Machen Ihnen die Prognosen mit über 40 Prozent Stimmenanteil für die AfD Sorgen?Es gibt in Politik und Wirtschaft die Sorge, dass Berlin und der Rest der Republik ein Sachsen-Anhalt mit starkem AfD-Einfluss als Spielball und als Testfeld benutzen werden.Als Testfeld wofür?Um den Wählern im Rest der Republik zu zeigen, dass ein Land unter AfD-Dominanz den Bach runtergeht und quasi unregierbar wird. Dem Land könnten dadurch enorme Nachteile entstehen, etwa bei Investitionen und Fördermitteln. Zur Person und zum Unternehmen Carsten Transfeld, Jahrgang 1978, studierte nach einjährigem US-Aufenthalt Jura und Wirtschaftswissenschaften in Bayreuth. Fünf Jahre arbeitete der gebürtige Magdeburger als Anwalt für Gesellschafts- und Insolvenzrecht in Berlin. 2013 übernahm er von seinem Vater die Führung der ÖHMI AG und lebt seitdem wieder in seiner Heimatstadt.Das Kürzel ÖHMI geht zurück auf das 1950 gegründete Zentrallabor der damaligen Öl-, Hefe- und Margarine-Industrie in der DDR. Peter Transfeld hat das Unternehmen 1992 von der Treuhandanstalt übernommen. Heute sind die wichtigsten Geschäftsfelder Laborprüfungen, Zertifizierungen und Gebäudedienstleistungen für Kunden in Lebensmittelproduktion, Einzelhandel, Wohnungswirtschaft, Gesundheitswirtschaft und Industrie im gesamten Bundesgebiet.ÖHMI wuchs unter Carsten Transfeld von 50 auf 250 Mitarbeitende und 20,5 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr. Transfeld ist einer der Vizepräsidenten der Industrie- und Handelskammer Magdeburg.Der bewusst forcierte Niedergang von Sachsen-Anhalt unter AfD-Regie soll dann den Wählern in anderen Bundesländern vor Augen führen, was ihnen droht, wenn sie AfD wählen?Es ist eine große und meines Erachtens berechtigte Sorge in unserer Wirtschaft, dass es so kommt. Ein historisches Vorbild dafür gibt es: das „Magdeburger Modell“.Sie meinen die Jahre 1994 bis 2002, in denen die SPD-geführte Minderheitsregierung mit der SED-Nachfolgepartei PDS kooperierte, aus der die heutige Partei Die Linke entstand. Damals wurde Sachsen-Anhalt systematisch ausgegrenzt und von wirtschaftlichen Entwicklungen abgekoppelt.Landtagswahlen im Osten „Wer die AfD heute wählt, weiß genau, wofür er sich entscheidet“ Der Politologe Benjamin Höhne analysiert die Gründe für den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt, was die Partei konkret verändern könnte – und warum sie mittlerweile auch im Mittelstand ankommt. von Max HaerderWerden private Investoren nicht einfach abgeschreckt von solchen unsicheren politischen Konstellationen und Perspektiven?Ich bin sicher, dass es Investoren gibt, die Sachsen-Anhalt als Standort für ihre Projekte eigentlich interessant finden, aber inzwischen abwarten, wie die Wahl ausgeht und welche politische Konstellation sich daraus ergibt.Zur Frage, woher fehlende Fachkräfte kommen sollen, sagt AfD-Frontmann Siegmund: „Ganz sicher nicht aus dem Ausland.“ Was denken Sie dazu als Unternehmer?Für mich sind jedenfalls ganz andere Kriterien entscheidend. Mir kommt es auf die Bereitschaft zur Leistung an. Wer anpacken will, kann anpacken. Dann sind Herkunft, Alter und der akademische Grad egal. Angesichts der Bevölkerungsentwicklung sind internationale Fachkräfte ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor. Wir brauchen hochmotivierte Leute – natürlich auch von außen.Wie viele Mitarbeitende mit Migrationsgeschichte arbeiten bei ÖHMI?Rund zehn Prozent unserer Beschäftigten kommen aus Ländern wie Bulgarien, Indien, Syrien, Iran, Ukraine, Rumänien, Kamerun und Mali. Sie sind wichtige Teile der Teams, etwa im Labor, in der Verwaltung oder im Immobilienservice.Sind Sie offen dafür, den Anteil Zugewanderter an der Belegschaft weiter zu erhöhen? Ich mache es. Das ergibt sich einfach aus der Situation auf dem Arbeitsmarkt. Der Anteil derjenigen mit Migrationsgeschichte wird in der Belegschaft weiter zunehmen – sonst könnten wir den Umsatz des Unternehmens nicht wie geplant jedes Jahr um vier bis acht Prozent steigern. Ungeachtet dessen müssen wir generell und ohne Ansehung der Person im Land die Anreize für Arbeit und Leistung erhöhen.Sachsen-Anhalt-Wahl 2026 Welche Partei soll ich bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wählen? Mit dem Wahl-O-Mat 2026 können Wahlberechtigte die eigene politische Haltung mit der von Parteien vergleichen. Wie stehen sie zu drängenden Themen? von Dominik ZubelUm Zuwanderung zu vermeiden, will Siegmund das Problem fehlender Arbeitskräfte unter anderem durch mehr Geburten lösen. Selbst wenn diese Kinder morgen geboren würden, stünden sie den Unternehmen frühestens in 20 Jahren als Arbeitskräfte zur Verfügung. Wir müssen generell die Rahmenbedingungen schaffen, die vorhandenen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen zu fördern und vor allem zu fordern, Freude am Lernen und an Wettbewerb erzeugen und gleichzeitig den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft unterstützen.Eine weitere AfD‑Idee: Die Fachkräftelücke könnte durch Anwerbung ausgewanderter Deutscher gefüllt werden.Das ist im Kern nicht neu. Es gab schon in der Vergangenheit immer mal wieder ähnliche Aktionen der jeweiligen Landesregierungen, etwa Weggezogene oder auch Pendler zur Rückkehr nach Sachsen-Anhalt zu motivieren. Den volkswirtschaftlichen Effekt halte ich für überschaubar.Sollte die AfD den nächsten Ministerpräsidenten stellen: Erwarten Sie, dass das Zuwanderer davon abhalten wird, nach Sachsen-Anhalt zu kommen?Diese Sorge gibt es. Andere mit liberaler Haltung und Handlungsweise halten deshalb dagegen. Im Wertekompass der IHK Magdeburg, deren Vizepräsident ich bin, steht: Wir achten die Menschenwürde und die unteilbaren Menschenrechte. Wir setzen uns entschieden gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus, Ausgrenzung und Hass ein. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.Da steht auch: Wir sind parteipolitisch neutral, aber nicht werteneutral. Wie verhält man sich gegenüber einer Partei, die vom Verfassungsschutz in wesentlichen Teilen als gesichert rechtsextrem eingeschätzt wird?Auch wir diskutieren darüber, wie wir mit dieser Situation umgehen. Um meine Position klarzumachen, unterstütze ich auch die lokale Initiative für ein weltoffenes Magdeburg.Aber Sie vermeiden eine klare Warnung vor dem Machtanspruch und den Zielen der AfD?Als IHK sind wir eine parteipolitisch neutrale Institution. Unser Wunsch ist, dass die Parteien sich an unseren Werten, an unserem Wertekompass orientieren.Und als Firmenchef? Wenn Ihre Belegschaft den Bevölkerungsdurchschnitt repräsentiert, sympathisiert ein Fünftel mit einer ausländerfeindlichen Partei, die Remigration anstrebt. Führt das nicht zu Spannungen?Solche Konflikte gibt es im Unternehmen nicht. Da gibt es keine Lager. Gegenseitigen Respekt und Wertschätzung lebe ich vor. Das fordert der interne Kodex, den bei uns jeder kennt, auch ein.Landtagswahl Warum der Forschung in Sachsen-Anhalt nach den Wahlen die Isolation droht von Henrike AdamsenWas, glauben Sie, sind die Motive der AfD-Wähler?Das mit dem Glauben ist so eine Sache. Es führt zu falschen Wahrheiten und zu Polarisierungen. Zu beobachten ist, dass wir in Sachsen-Anhalt schon immer starke Wählerbewegungen hatten, was möglicherweise auf eine geringere Parteizugehörigkeit zurückzuführen ist. Wir hatten auch schon mal 13 Prozent für die FDP und ähnlich starke Ergebnisse für die rechtsextreme und nationalistische Deutsche Volksunion. Nun ist es eben die AfD. Diese Entwicklung ist möglicherweise ein Protest, der sich in den Umfragen und vermutlich bei der Wahl manifestiert. Die Leute hören nicht mehr zu – komme, was wolle. Das kann daran liegen, dass man lange ihnen nicht richtig zugehört hat.Würden Sachsen-Anhalts Unternehmer einen Ministerpräsidenten Siegmund hofieren, wie es die Silicon-Valley-Elite mit Trump nach dessen Wahl gemacht hat?Das Szenario kann ich mir nicht vorstellen. Die Politik hat hier nicht so viel zu verteilen wie in den USA. Aber klar: Hier werden alle unter Beobachtung stehen. Dabei ist der Erfolg der AfD kein Phänomen des Ostens. Die gesellschaftliche Entwicklung, die diese Partei so stark macht, ist hier nur weiter fortgeschritten. Eigentlich betrifft es das ganze Land, und die Folgen können fatal sein.Welche meinen Sie?Diese ganze Politisierung und insbesondere die Polarisierung, das absehbare Durcheinander nach dieser Landtagswahl und weiteren Wahlen, die schrillen ideologischen Grabenkämpfe: Das alles hält uns von unseren eigentlichen Aufgaben ab, nämlich die wirklichen Probleme des Landes nüchtern zu analysieren, zu lösen und Deutschland voranzubringen.Gibt es eine Hoffnung, die Sie mit der Landtagswahl verbinden?Ich wünsche mir eine offene und freie Gesellschaft. Insofern sehe ich eine Chance: dass das Wahlergebnis die Gesellschaft – jeden einzelnen Menschen – zum Nachdenken bringt. Was ich mir wünsche, ist, dass jeder Einzelne ernsthaft darüber nachdenkt, wie es in Deutschland so weit kommen konnte, keine 100 Jahre nach dem Aufstieg von Totalitarismus und Kollektivismus.