Erst der Drohnen-Angriff, jetzt ein Waffenlager im Wald: Deutsche Regierung erwägt offenbar Schliessung des Russischen Hauses in BerlinDas Russische Haus mitten in Berlin gilt als Nest von Kreml-Agenten. Kommendes Jahr könnte es damit vorbei sein. Sorgen gibt es wegen einer möglichen Antwort aus Moskau.Melchior Poppe, Berlin21.08.2026, 12.23 Uhr4 LeseminutenDas Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstrasse in Berlin.Jochen Eckel / ImagoDeutschands Regierung schliesst nicht mehr aus, das Russische Haus in Berlin zu schliessen. «Angesichts des russischen Vorgehens gegen deutsche Kulturmittler und Organisationen, sowie vor dem Hintergrund zunehmender hybrider Aktivitäten Russlands, überprüft die Bundesregierung umfassend und kontinuierlich die völkervertragsrechtlichen Grundlagen des Russischen Hauses», heisst es in einer Antwort des Auswärtigen Amtes auf eine Anfrage des «Spiegel».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Russische Haus mit der offiziellen Anschrift Friedrichstrasse 176–179 dient offiziell als Zentrum für Veranstaltungen zur russischen Kultur. Es gilt jedoch als offenes Geheimnis, dass Agenten des Kremls dort ein- und ausgehen. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine werden die Stimmen immer lauter, die die Schliessung des Hauses verlangen.Neuen Anlass für diese Forderungen bietet der Fund eines geheimen Erddepots mit Schusswaffen und Munition in einem Waldstück bei Berlin, über den am Freitag mehrere Medien berichteten. Das Waffenversteck sei bereits im vergangenen Jahr entdeckt und heimlich von Staatsschutz und Spionageabwehr untersucht worden. Dabei hätten Spezialisten der Polizei Veränderungen an den Waffen vorgenommen, die diese unbrauchbar machten. Anschliessend sei das Depot monatelang observiert worden, jedoch ohne, dass sich ihnen jemand genähert habe.Waffendepot für russische AgentenAllerdings hätten die Sicherheitsbehörden Anhaltspunkte dafür gefunden, dass das Depot im Auftrag russischer Geheimdienste angelegt wurde. In Rumänien wurde zudem ein Verdächtiger verhaftet. Beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe läuft inzwischen ein Ermittlungsverfahren wegen «Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat». Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre dies ein weiterer Beleg für das, was Berlin – auch in der Antwort an den «Spiegel» – «hybride Kriegsführung» gegen Deutschland nennt.Es gilt als offenes Geheimnis, dass Agenten des Kremls hier ein- und ausgehen.Jochen Eckel / ImagoDas Auswärtige Amt bezieht sich in seiner Antwort auf eine Reihe juristischer Abkommen mit Moskau, die seit den 1990er Jahren den deutsch-russischen Kulturaustausch regeln. Zwei jüngere Abkommen, die die beiden Aussenminister Guido Westerwelle auf deutscher und Sergei Lawrow auf russischer Seite unterzeichneten, betreffen speziell das Russische Haus.Der eine Vertrag – er wurde im Jahr 2013 unterzeichnet – spricht Russland die Nutzung des Gebäudes für 99 Jahre zu. Der andere Vertrag, unterzeichnet am 4. Februar 2011, betrifft die «Tätigkeit von Kultur- und Informationszentren», und damit auch den Betrieb des Russischen Hauses in Berlin.Berlin müsste bis 6. Dezember kündigenDie Vereinbarung von 2011 enthält eine besondere Klausel. Der Vertrag erneuert sich nämlich automatisch alle fünf Jahre, sofern keine der beiden Seiten eine Kündigung ausspricht. Und am 6. Dezember dieses Jahres ist es wieder soweit: Bis dahin kann jede der beiden Seiten eine einseitige Kündigung aussprechen sein, mit Wirkung zum 7. Juni 2027.Das Russische Haus selbst würde dann zwar im Besitz des Kremls verbleiben. Jedoch gäbe es keine vertragliche Grundlage mehr für dessen Nutzung. Mit anderen Worten: Der Betrieb würde zum Erliegen kommen.Es gibt aber einen Haken an der Sache: Kündigte Deutschland den Vertrag, verlöre auch die Bundesrepublik die Grundlage für den Betrieb ihrer Kulturinstitutionen in Russland. Jedenfalls geht man davon aus, dass Moskau mit entsprechenden Gegenmassnahmen vor allem gegen die Goethe-Institute in Moskau und St. Petersburg reagieren würde. Die Goethe-Institute sind als ein gemeinnütziger Verein organisiert, der die deutsche Sprache und Kultur im Ausland fördert und ein aktuelles Deutschlandbild vermitteln soll. Die beiden Institute in Russland gelten als die letzten Vertreter der deutschen Zivilgesellschaft dort.Goethe-Institute in Russland müssten wohl geopfert werdenSie stehen allerdings schon jetzt unter enormem Druck. Nachdem die Belegschaft stark reduziert werden musste, findet dort nur noch ein Minimalbetrieb statt. Dennoch galt das Auswärtige Amt bis zuletzt als Gegner von Sanktionen gegen das Russische Haus, weil man fürchtete, in der Konsequenz den Kontakt zur russischen Gesellschaft zu verlieren. Vor allem die deutsche Botschaft in Russland warnte stets vor den Folgen. Umso bemerkenswerter ist die Antwort des Auswärtigen Amts an den «Spiegel», auch wenn weiter vieles offen bleibt.Doch die Zeit drängt, und der Schock von Leipzig sitzt tief. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt deutete am Dienstag anlässlich der Eröffnung des neuen Drohnen-Technologiezentrums in Sachsen-Anhalt Konsequenzen an, sollten eindeutige Beweise vorliegen, dass Russland hinter dem Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig steckt. Das Schicksal des Russischen Hauses hängt nun also auch von den Ermittlungen ab.Dobrindt betonte aber zugleich, dass Berlin ohne eindeutige Beweislage Zurückhaltung üben werde, und es ist fraglich, ob und wie schnell sich der Verdacht gegen Russland erhärten lässt. So fehlt offenbar immer noch jede Spur von der mutmasslichen zweiten Drohne, die möglicherweise mit einem DHL-Transportflugzeug kollidierte.Der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter fordert längst ein entschiedeneres Vorgehen. Berlins Zurückhaltung werde im Kreml als Schwäche gedeutet, während der hybride Krieg gegen Deutschland weiter eskaliere, sagte Kiesewetter der Deutschen Presse-Agentur. Ein Aus für das Russische Haus wäre aus seiner Sicht ein überfälliges Signal der Entschlossenheit. Dafür müsse die Bundesrepublik auch das Ende der Goethe-Institute in Kauf nehmen. Ähnlich äusserten sich etwa der Berliner SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach und der Grünen-Innenexperte Konstantin von Notz.Die deutsche Regierung geht zwar seit Beginn des Kriegs in der Ukraine gegen russische Agenten vor. Doch hält sich Deutschland deutlich stärker zurück als andere europäische Länder, wie zum Beispiel Grossbritannien. Dort hatte man lange vor dem russischen Angriff damit begonnen, das Netzwerk rund um die russische Botschaft auszudünnen. Nach dem Skripal-Anschlag 2018 wurde es nahezu komplett zerschlagen.Das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz schätzt die Gefahr, die hierzulande von russischen Geheimdiensten ausgeht, entsprechend «auf unverändert hohem Niveau» ein. Mehr noch: Die Geheimdienste könnten immer weniger im Schutz von Botschaften und Konsulaten agieren, schreibt das Amt in seinem Bericht vom Juni. Man müsse davon ausgehen, «dass diese Aktivitäten in den verbliebenen staatlichen oder halbstaatlichen russischen Einrichtungen in modifizierter Form fortgesetzt werden» – um genau eine solche Einrichtung handelt es sich beim Russischen Haus.Passend zum Artikel