Es ist wieder so weit: Das Russische Haus in der Berliner Friedrichstraße – jene russische Kultureinrichtung, die mit Kino, Bibliothek und Sprachkursen eigentlich für Völkerverständigung werben soll – soll geschlossen werden. Die bellizistischen Schreihälse der Nation sind pünktlich zur Stelle und inszenieren ein politisches Ritual, das mittlerweile so verlässlich wiederkehrt wie die Verspätungen der Bahn.Anlass ist der Umzug des Digitalministeriums in ein nebenan liegendes Gebäude. Ein Unding. Wie leicht möchte man es Putin bei der Spionage denn noch machen? Man fragt sich unwillkürlich, ob in den Hinterzimmern der Hauptstadt zu viel „Das Leben der Anderen“ geguckt wurde oder ob es sich schlicht um eine generelle Paranoia handelt, die hinter jeder Raufasertapete einen KGB-Abhörposten vermutet.

Die heilige Dreifaltigkeit der Alarmbereitschaft

In der Arena der Empörung überbieten sich die altbekannten neuen Kalten Krieger Katrin Göring-Eckardt, Roderich Kiesewetter und Marie-Agnes Strack-Zimmermann im Wettbewerb um den schrillsten Warnruf. Die Grüne Göring-Eckardt klagte auf X, der Bundesregierung scheine die Nachbarschaft egal zu sein und sie wolle zudem „wieder die Grundsteuer für Putins Propaganda-Satellit in Deutschland zahlen“. Sie legte nach: Bei ihr verursache es ein „sehr ernstes Störgefühl“, wenn niemand in der Regierung ein solches verspüre, während ein Ministerium neben diesen „Propagandapalast“ ziehe.Wenig überraschend stimmte Roderich Kiesewetter in den Chor ein. Der CDU-Außenpolitiker, der sogar Putin wittert, wenn sich das Wetter verschlechtert, postete, es sei „wirklich unverständlich, Teile des Digitalministeriums direkt neben das Russische Haus zu legen, von dem ein Spionagerisiko ausgeht“. Bei Welt TV erklärte er zuvor bereits mit detektivischem Ernst, dass dort mehr als hundert Menschen lebten und der „Energieverbrauch unangemessen hoch“ sei. Früher sei es ein Ort der Kultur gewesen, heute ein „Knotenpunkt voll mit technischer Aufklärung“.