Tarnung für Spione? Neue Vorwürfe gegen das Russische Haus in BerlinOffiziell dient die staatliche Kultureinrichtung dem Dialog. Doch ein Dokument des französischen Innenministeriums soll darauf hindeuten, dass sie von Geheimdiensten genutzt wird.08.08.2026, 16.20 Uhr4 LeseminutenRussland betreibt im Zentrum Berlins seit 1984 eine Kultureinrichtung.ImagoOffiziell geht es im Russischen Haus in Berlin um den interkulturellen Dialog. Das Haus biete eine einzigartige Gelegenheit, die reiche kulturelle Vielfalt Russlands zu erleben, heisst es auf der Webseite der staatlichen Kultureinrichtung, die noch zu DDR-Zeiten eröffnet wurde. Doch womöglich verbirgt sich hinter dem wuchtigen Bau mitten in der deutschen Hauptstadt auch russische Spionage.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Laut einem Dokument des französischen Innenministeriums soll das Russische Haus in Berlin «als Tarnung von den russischen Geheimdiensten genutzt» werden. So zitieren WDR und «Süddeutsche Zeitung» aus einer nicht öffentlichen Ausweisungsanordnung, die das Innenministerium in Paris gegen die russische Staatsbürgerin Xenia Fedorova erlassen hat.Xenia Fedorova hat einst den französischen Ableger des Senders Russia Today geleitet. Zudem war sie für mehrere Medien des Unternehmers Vincent Bolloré tätig, wo sie pro-russische Positionen vertrat. Die französischen Behörden vermuten hinter ihren Tätigkeiten gezielte Propaganda im Sinne des Kremls. Sie forderten Fedorova daher in der vergangenen Woche über ihren Anwalt auf, das Land zu verlassen.Wollte Fedorova die Leitung in Berlin übernehmen?Das französische Innenministerium bezeichnet sie in der Ausweisungsanordnung als Sprachrohr für Desinformationskampagnen der russischen Behörden und wirft ihr vor, die öffentliche Meinung zu manipulieren. «Ihr Verhalten beeinträchtigt die grundlegenden Interessen des Staates», zitiert die französische Zeitung «Libération» aus dem Dokument. Ihre Anwesenheit in Frankreich bedrohe die öffentliche Ordnung.Dass sich das französische Innenministerium für das Russische Haus in Berlin interessiert, hängt ebenfalls mit Fedorova zusammen: Laut dem Dokument soll Fedorova die Leitung der Einrichtung in Berlin angestrebt haben. Dort dementiert man solche Überlegungen jedoch.Die Stelle ist derzeit vakant. Pavel Izvolskiy, der das Haus seit 2017 leitete, soll Deutschland laut Medienberichten im Frühjahr dieses Jahres verlassen haben. Sein Diplomatenstatus war zuvor offenbar nicht mehr verlängert worden. Das Auswärtige Amt bestätigte die Ausreise Anfang Juni, machte aber keine weitere Angaben zu den Gründen. Auf der Webseite des Russischen Hauses wird inzwischen seine frühere Stellvertreterin als kommissarische Leiterin geführt.Wo sich Fedorova derzeit aufhält, ist laut WDR und «Süddeutscher Zeitung» unklar. Ihr Anwalt habe lediglich mitgeteilt, sie sei im Ausland.Betreiber unterliegt EU-SanktionenDie Spionage-Vorwürfe sind die neueste Wende in der Debatte um das Russische Haus in Berlin, die 2022 mit dem Angriff auf die Ukraine begann. Die Betreiberorganisation Rossotrudnitschestwo ist dem russischen Aussenministerium unterstellt. Die Agentur betreibt nach eigenen Angaben ein globales Netzwerk von Kultureinrichtungen, der Berliner Ableger soll einer der grössten sein. Im Sommer 2022 wurde Rossotrudnitschestwo von der Europäischen Union mit Sanktionen belegt, da die Organisation Kreml-Narrative verbreite.In Berlin geht der Betrieb dennoch weiter. Das Russische Haus bietet noch immer Sprachkurse, Filmvorführungen, Konzerte und Ausstellungen an. Ausserdem sind an der Adresse mehrere Firmen gemeldet. Etwaige Einnahmen aus Gebühren oder Miete würden zwar gegen die Sanktionen verstossen. Die Ermittlungen der deutschen Behörden zu möglichen Sanktionsverstössen verliefen bislang allerdings im Sande.Deutschland zahlt jährlich 70 000 EuroÜberhaupt geht der deutsche Staat äusserst zurückhaltend mit der Einrichtung um. Er übernimmt sogar die Grundsteuer für das rund 29 000 Quadratmeter grosse Gelände im Zentrum Berlins – allein in diesem Jahr 70 000 Euro. Grund dafür ist ein bilaterales Abkommen aus dem Jahr 2013.Auch zu den Spionage-Hinweisen aus Frankreich halten sich die deutschen Behörden bedeckt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz nehme zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung, teilte ein Sprecher des deutschen Inlandgeheimdienst WDR und SZ lediglich mit.Die Reaktion der Regierung könnte auch damit zusammenhängen, dass man in Berlin mögliche Konsequenzen für die deutschen Goethe-Institute in Russland fürchtet. Deren Arbeit wurde bereits 2023 eingeschränkt, als Russland eine Obergrenze von 350 Personen für das deutsche Personal in Russland eingeführt hatte. Der Personalabbau traf insbesondere die deutschen Kultur- und Bildungseinrichtungen im Land.Wagenknecht schaltet sich einDie Erkenntnisse aus Frankreich dürften die Kritiker des Hauses in Deutschland bestätigen. Die Grünen sprechen sich schon seit längerem dafür aus, das Haus zu schliessen. Durch die im September anstehende Wahl für das Berliner Abgeordnetenhaus bekommt diese Frage zudem neue politische Relevanz.Die Berliner Landesverband der Partei verspricht, sich nach der Wahl für eine Schliessung einzusetzen. In Zusammenarbeit mit den zuständigen Bundes- und Zollbehörden werde die Partei alle Möglichkeiten nutzen, um die Aktivitäten des Russischen Hauses rasch zu unterbinden, heisst es im Wahlprogramm der Grünen.Das Haus hat jedoch auch Unterstützer. Die BSW-Politikerin Sahra Wagenknecht machte am Donnerstag auf der Plattform X Werbung für eine Petition ihrer Partei zum Erhalt des Russischen Hauses. «Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Dialog und Austausch», schrieb sie. Die Grünen bezeichnete sie als «kriegsbesoffen».Ob die Erkenntnisse aus Paris juristische Folgen in Berlin haben werden, ist noch offen. Die friedliche Fassade des Russischen Hauses hat allerdings weitere Risse bekommen.Passend zum Artikel
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Offiziell dient die staatliche Kultureinrichtung dem Dialog. Doch ein Dokument des französischen Innenministeriums soll darauf hindeuten, dass sie von Geheimdiensten genutzt wird.










