GastkommentarStéphanie PenherMehr Strassen und Autobahnen sind keine LösungDie Schweiz braucht keine Verkehrspolitik, die dem Autoverkehr ständig hinterherbaut. Sie braucht attraktive und gleichwertige Alternativen – davon profitieren gerade auch jene, die auf das Auto angewiesen sind. Eine Replik21.08.2026, 05.15 Uhr3 LeseminutenDie notwendige Kapazität für den motorisierten Individualverkehr war immer schon ein politischer Streitpunkt.Christian Merz /KeystoneDer Direktor des Bundesamts für Strassen Astra, Jürg Röthlisberger, sagte in der NZZ (11. 8. 26), die Gleichung «Strassen gleich CO₂» sei von gestern. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Entscheidend ist, welche Art Mobilität die Strasse ermöglicht und fördert. Ganz generell geht es beim Bau von Strassen – und insbesondere beim Autobahnausbau – um Kapazität für den motorisierten Individualverkehr. Wer diese Kapazität schafft, entscheidet nicht bloss über Beton und Fahrspuren, er prägt vielmehr auch die künftige Mobilität.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unterhalt hat PrioritätDas Astra betreibt immer schon eine nachfrageorientierte Politik: Wo viel Autoverkehr stattfindet, soll mehr Strasse gebaut werden. Das ist ein Teufelskreis. Kapazitäten machen Autofahrten attraktiver, erzeugen so mehr Verkehr. Engpässe werden nicht eliminiert – bloss verlagert. Der so produzierte Verkehr wird zur Naturgewalt, welchem in der Astra-Logik erneut Raum geschaffen werden muss. Der Kreis dreht sich munter weiter.Induzierten Verkehr gibt es selbstverständlich nicht nur bei den Autos. Auch öffentlicher Verkehr und Velowege können Nachfrage auslösen. Gerade darum braucht es politische Prioritäten. Die Mittel und Flächen sind begrenzt; ebenso limitiert ist die Belastbarkeit von Klima und Umwelt. Der Bund sollte zuerst dort investieren, wo möglichst viele Menschen mit möglichst wenig Fläche, Energie und Ressourcen mobil sein können: in Bahn, Bus, Tram sowie auf sicheren und direkten Wegen für den Fuss- und Veloverkehr.Aus Sicht des VCS müssen der Erhalt und die sichere Sanierung des bestehenden Strassennetzes Vorrang haben. Der Unterhalt dient der Sicherheit, und diese ist zentral; also ist es selbstverständlich, dass die bestehenden Autobahnen nicht vergammeln sollen. Aber weiter verteuern sollten wir sie auch nicht.Denn: Mehr Fläche bedeutet auch mehr Unterhalt. Und dieser ist gerade bei Autobahnen bereits jetzt so richtig kostspielig: Gemäss Astra-Zahlen wurden 2024 1,225 Milliarden Franken ausgegeben, um die knapp 2260 km Nationalstrassen in Schuss zu halten – pro Kilometer also mehr als 542 000 Franken.Alternativen mitdenkenDas Ziel einer zukunftsfähigen Verkehrspolitik ist nicht, den Leuten das Auto wegzunehmen. Ziel muss aber sein, möglichst vielen Menschen eine attraktive Alternative zum Auto anzubieten. Das gelingt leider nicht überall und nicht für alle.Doch jede Person, die für Arbeitsweg, Einkauf oder Freizeit zuverlässig mit Bahn, Bus oder Velo unterwegs sein kann, entlastet das bestehende Strassennetz. Davon profitieren Handwerksbetriebe, Rettungsdienste und Menschen ohne praktikable Alternative. Auch der Güterverkehr rollt flüssiger, wenn weniger Autos die Hauptachsen verstopfen.Ferner denkt der Astra-Chef Jürg Röthlisberger an die Elektrifizierung des Fahrzeugbestands, was seiner Meinung nach einen Autobahnausbau auch ökologisch verdaulicher machen soll. In Tat und Wahrheit kommt die Elektrifizierung aber mehr als nur schleppend voran: Wenn im letzten Jahr 22,8 Prozent der Neuzulassungen reine Stromfahrzeuge waren, so bedeutet dies, dass mehr als drei Viertel der Neuwagen einen Verbrennungsmotor an Bord hatten. Und im gesamten Fahrzeugbestand waren voriges Jahr erst gut 5 Prozent reine Elektroautos immatrikuliert. Auch auf breiteren Autobahnen würden also noch lange Zeit vornehmlich Diesel- und Benzinautos fahren.Auch eine stark zunehmende Elektrifizierung der hiesigen Fahrzeugflotte macht Autobahnausbauten nicht automatisch nachhaltig. Ein Elektroauto bleibt ein Auto: Es beansprucht auf der Strasse, auf dem Parkplatz und im Stau gleich viel Platz. Es benötigt Ressourcen und Energie für Herstellung und Betrieb und verursacht Lärm sowie Reifenabrieb. Bei einem durchschnittlichen Besetzungsgrad von 1,53 Personen pro Auto – auf Arbeitswegen von lediglich 1,09 – kann es in der Flächen- und Energieeffizienz nicht mit Zug, Tram oder Bus und schon gar nicht mit dem Velo konkurrieren.Stéphanie Penher ist Geschäftsführerin Verkehrs-Club der Schweiz des (VCS).Passend zum Artikel