Gastkommentarvon Roman SteffenDrei Ideen, wie die Mobilitätswende in Gang kommtNoch funktioniert die Mobilität in der Schweiz – aber nur, weil wir die ökologischen und gesellschaftlichen Kosten verdrängen. Dabei wäre eine Wende durchaus machbar.05.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAutos lassen sich auch teilen: Ein Kleinwagen der Genossenschaft Mobility in Zürich.Gaëtan Bally / KeystoneDie Mobilität funktioniert – jeden Tag. Menschen kommen zur Arbeit, Kinder in die Schule, Güter in die Regale. Oft fliesst der Verkehr erstaunlich gut, nur zu Hauptverkehrszeiten stockt es stellenweise. Diese Alltagserfahrung prägt unser Verständnis von Mobilität: Solange alles irgendwie läuft, scheint das System zu funktionieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jährlich feiern wir dabei unser Verkehrssystem als eines der besten der Welt. Gemessen an Angebotsdichte oder technischer Qualität stimmt das. Was wir dabei ausblenden: Unser Mobilitätsverhalten lebt weit über den Verhältnissen einer ressourcenschonenden Gesellschaft. Hoher Flächenverbrauch, hoher Energieeinsatz und stetiges Verkehrswachstum sind zur Normalität geworden. Das System funktioniert nicht, weil es nachhaltig ist, sondern weil wir die ökologischen und gesellschaftlichen Kosten bis anhin einfach in Kauf nehmen.Gleichzeitig wird deutlich, dass dieses Modell an Grenzen zu stossen droht. Der Freizeitverkehr etwa überfordert das Netz zunehmend. Überfüllte Züge an Wochenenden oder ausufernde Parkplatzflächen an Ausflugszielen sind keine Ausnahmen mehr. Auch im Pendlerverkehr sind die Probleme seit Jahren bekannt. Trotz breitem Konsens über die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Mobilitätswende kommt die Transformation kaum voran.Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Logik der Finanzierungen ist über Jahrzehnte gewachsen, bestehende Verkehrsmittel sind bequem und breit akzeptiert. Politisch hält man die Balance. Überspitzt formuliert setzt jede Partei andere Schwerpunkte, vom Erhalt des Bestehenden (Mitte) bis zu Effizienz (FDP), noch mehr vom Gleichen (SVP), Suffizienz (Grüne) oder technischer Innovation (GLP). Jede Perspektive wäre dabei Teil der Lösung, ein gemeinsamer Kraftakt fehlt.Oft heisst es, wir täten bereits genug. Oder dann: Grosse Veränderungen seien eben nur mit grossen Würfen möglich. Doch genau diese bleiben politisch oder zeitlich in der Ferne. Mobility-Pricing gilt auf absehbare Zeit als chancenlos, obwohl die Mobilität damit einfach steuerbar wäre. Der Bahnausbau ist sinnvoll, entfaltet seine Wirkung aber erst in zwanzig Jahren. Und beim automatisierten Fahren ist fraglich, ob es individuell genutzt tatsächlich zu weniger Verkehr führt. Ich bin überzeugt, dass wirkungsvolle Veränderungen nicht nur aus Ausbauten obendrauf, aus punktuellen Optimierungen und einzelnen Leuchttürmen bestehen. Projekte aus unserer täglichen Arbeit zeigen das Potenzial im Hier und Jetzt. Dabei kristallisieren sich drei Hebel heraus.Erstens ist auf Arealen eine reduzierte Zahl von Parkplätzen pro Wohnung zentral. Was in den Städten funktioniert, ist nun konsequent auf Agglomerationen anzuwenden. Dort, wo die Schweiz derzeit am stärksten wächst. Grossprojekte wie Zwhatt in Regensdorf, «4Viertel» in Emmen oder der Ziegeleipark in Horw/Kriens zeigen, dass mit klugen Mobilitätspaketen rund 60 Prozent der Haushalte ohne eigenes Auto auskommen können. Die Haushalte erhalten ÖV-Gutscheine sowie Guthaben für die hausinterne Sharing-Mobilitätsstation und bleiben damit flexibel.Ein zweiter Hebel liegt im Mobilitätsmanagement von Unternehmen: Weg mit kostenlosen oder günstigen Parkplätzen für Mitarbeitende, Dienstwagen oder reservierten CEO-Parkplätzen. Stattdessen Beiträge für Velo und öV, flexibel buchbare Parkplätze oder betriebseigene E-Bike-Flotten. Dieser Ansatz funktioniert bei KMU ebenso wie in grossen Organisationen, etwa dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum mit über 2000 Mitarbeitenden. Nach der Einführung sank dort der Autoanteil messbar.Der dritte Hebel für Veränderung sind Sharing und Pooling, also das Teilen von Fahrzeugen oder Fahrten. Während Sharing in Städten etabliert ist, bewährt es sich zunehmend auch in kleineren Zentren wie Sursee oder Altdorf. Bikesharing ergänzt den öV und ermöglicht einen Lebensstil ohne eigenes Auto. Auch Pooling-Angebote setzen dort an: Per App bestellt, bringen Kleinbusse die Kundschaft von Tür zu Tür, lassen so das Auto neu erfinden. In Andermatt oder Maur (ZH) ist dieser Ansatz bereits Realität.Diese drei Hebel müssen zur neuen Normalität werden. Die Skalierung ist dabei entscheidend. Es braucht nicht zehn Vorzeigeprojekte, sondern Hunderte Umsetzungen. Autofreies Wohnen, betriebliches Mobilitätsmanagement sowie Sharing und Pooling müssen vom Ausnahme- zum Normalfall werden. Dazu sind Finanzierungsmechanismen anzupassen, die sonst veraltete Systeme über Jahrzehnte fortzuführen drohen.Natürlich gibt es noch einen vierten Hebel: uns selbst. Sei die Veränderung, die du dir wünschst! Jede zehnte Fahrt nicht machen, das Zweitauto verkaufen, Sharing-Angebote nutzen oder das Nahe neu entdecken. Gleichzeitig ist klar: Als Individuen allein werden wir es nicht schaffen. Erst gemeinsam wird die Mobilitätswende zur gelebten Realität.Roman Steffen, 49, hat vor zehn Jahren zusammen mit zwei Freunden Trafiko gegründet. Trafiko entwickelt nicht nur innovative Mobilitätslösungen, sondern teilt sein Wissen mit Hacks und Blogs. Zuvor arbeitete Steffen in einem Ingenieurbüro, bei Bernmobil und beim Verkehrsverbund Luzern.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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