PfadnavigationHomeWirtschaftWassermangelDürre-Schock am Rhein – alte Gewissheiten für Autofahrer und Industrie kommen ins WankenStand: 14:25 UhrLesedauer: 7 MinutenDas Niedrigwasser im Rhein zwingt erste Unternehmen zu Produktionskürzungen. „Wir müssen gegensteuern und haben das auch getan, indem wir das Sonntagsfahrverbot aufgehoben haben“, sagt Markus Wolf, Staatssekretär im Verkehrsministerium Rheinland-Pfalz.Deutschland ist ein Industrieland mit wenig natürlichen Ressourcen. Wasser aber gab es immer genug. Dieser Standortvorteil ist nun in Gefahr – mit Folgen für die alte Industrie und die kommende KI-Revolution.Blau glitzert der Rhein bei Kaub in der Sonne. An einigen Stellen aber, an denen der Sandboden nur noch Zentimeter unter der Oberfläche liegt, schimmert er grün. Dann zieht die Drohne, die das Video Mitte der Woche aufgenommen hat, in die Höhe: Ein Schiff fährt den Rhein hinunter. Noch. Am Freitag fiel der Wasserpegel so tief, dass der Rhein hier faktisch zweigeteilt war: für die meisten Binnenschiffe getrennt in einen nördlichen und einen südlichen Teil.Der Gütertransport auf dem Wasser ist angesichts der aktuellen Dürre kaum noch möglich. Grundstoffe der Chemieindustrie, etwa aus Ludwigshafen, die bisher per Schiff befördert werden, müssen auf Lkw oder Zug umgeladen werden. Oder sie bleiben liegen.Wenn Mitteleuropäer, auch Deutsche, früher über den Klimawandel und seine Folgen sprachen, waren die Betroffenen in ihrer Wahrnehmung oft weit weg. Entlegene Inseln, die wegen eines steigenden Meeresspiegels versinken könnten. Afrikanische Regionen, die wegen Dürre unbewohnbar werden könnten. Deutschland mit seinem gemäßigten Klima schien sicher. Und reich an Wasser. Ökonomisch war das im Vergleich zu vielen Weltregionen, die seit Jahrzehnten mit einer Knappheit bei der Ressource kämpfen, ein klarer Standortvorteil. Benzinpreise in Nordrhein-Westfalen deutlich gestiegenWassermangel als Wirtschaftsfaktor, das hörte man aus Spanien, aus Israel oder Kalifornien. Was aber passiert, wenn sich das hierzulande ändert? Denn Wasser ist nicht nur wichtig für das Funktionieren der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde – für die Energieproduktion, den Gütertransport und die Anlagen der Chemieindustrie oder die Fabriken der Autobauer. Wasser ist auch eine essenzielle Zutat für die Zukunft, speziell für den Erfolg der KI-Revolution – denn Rechenzentren oder Chipfabriken benötigen riesige Mengen der Ressource.„Ich glaube, wir haben lange unterschätzt, wie wichtig Wasser als Standortfaktor wirklich ist“, sagt Thomas Puls, Experte für Verkehr und Infrastruktur beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Kurzfristige Folgen sind jetzt schon für jeden sichtbar. Riesige Tankschiffe versorgen über den Rhein den Westen Deutschlands mit Treibstoff. Nun fehlt das Wasser, auf dem sie fahren können. „Dass Nordrhein-Westfalen derzeit die teuersten Benzinpreise in Deutschland hat, liegt nicht zuletzt daran“, sagt IW-Mann Puls. Lange war NRW das billigste Bundesland. In dieser Woche war der Liter Diesel in Köln teils mehr als 15 Cent teurer als etwa in München.Lesen Sie auchDie Krisenstimmung beschränkt sich allerdings nicht auf den Westen der Republik. „Die historisch niedrigen Pegelstände machen mir Sorgen, die Binnenschifffahrt in Bayern ist quasi nicht mehr möglich“, sagt etwa Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU). Es sei daher wichtig, den Ausbau der Donau voranzutreiben, die Abladetiefe an den Binnenhäfen zu verbessern und Schiffe mit niedrigerem Tiefgang einzusetzen. „Wir stehen auch in dieser Situation fest an der Seite der Wirtschaft und unserer Transport- und Logistikbranche“, erklärt er. Die Produktion müsse weiterlaufen, Wirtschaft und Landwirtschaft seien auf die Transporte angewiesen. „Dafür brauchen wir Förderprogramme des Bundes und der EU.“Lesen Sie auchNicht nur an den Tankstellen macht sich die Trockenheit bemerkbar. „Gerade für die fossile Energieproduktion spielt Wasser eine große Rolle“, sagt Puls. „Kühlwasser soll logischerweise kalt sein. Wenn aber wenig Wasser im Fluss ist und die Sonne draufknallt, dann ist es warm.“ Was schlecht ist fürs Geschäft, wie die Meldungen deutscher Stromerzeuger zeigen: EnBW aus Baden-Württemberg zum Beispiel beklagt, dass die Wasserarmut das finanzielle Ergebnis im ersten Halbjahr zweistellig belastet habe. Der Kraftwerksbetreiber Steag Iqony weist darauf hin, dass die Versorgung des Standorts Walsum bei Duisburg auf dem Wasserweg ein Flaschenhals sei. Dieser werde „sukzessive zu einer Kostenherausforderung“.Auch Deutschlands Chemiebranche benötigt Wasser. Damit werden etwa große Steamcracker heruntergekühlt, die Moleküle in Grundbausteine für Kunststoffe, Medikamente oder Farben spalten. „Rund 80 Prozent der Wasserentnahmen entfallen auf Flusswasser zur Kühlung von Anlagen“, rechnet der Verband der chemischen Industrie (VCI) vor. Längere Niedrigwasserperioden können für wasserabhängige Produktionsstandorte zu einer konkreten Herausforderung werden.Ralf Merz ist Hydrologe am UFZ Helmholtzzentrum für Umweltforschung in Halle an der Saale. Der Fluss fließt nicht weit entfernt in die Elbe, deren Pegel derzeit ebenfalls historisch niedrig steht. Merz untersucht in seiner Arbeit, wie Wasser durch die Landschaft fließt – und warum es immer öfter nicht mehr dort fließt, wo es eigentlich gebraucht wird.„Trinkwasser ist unser kleinstes Problem“, sagt der Professor im Gespräch. „Wasser zu trinken dürften wir auch in Zukunft genug haben.“ Probleme verursachten die sekundären Effekte der Wasserknappheit: „Keine Schifffahrt, Waren werden teurer, der Wald geht ein, Kraftwerke müssen gedrosselt werden.“ Merz verweist auf Studien, die Folgen von Wassermangel bei Lebensmittelpreisen belegen. So hat Maximilian Kotz, Klimaökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, die Folgen vergangener Dürren auf europäische Lebensmittelpreise berechnet: „Wir schätzen, dass die Hitze des Sommers 2022 die Lebensmittelinflation in Europa um etwa 0,6 Prozentpunkte erhöht hat“, schreibt Kotz in der Studie.Produktion von Batteriezellen und Chips braucht Wasser Deutschland selbst hatte sich unter der Ampelregierung eine „Nationale Wasserstrategie“ gegeben. Auslöser waren die Dürren von 2018 und 2019. In einzelnen Kommunen wurde – wie jetzt auch – das Trinkwasser knapp. Die Liste an Vorhaben ist lang: Die Strategie sieht eine Hierarchie für die Wassernutzung vor. Die bestimmt, wer zuerst bei Knappheit kein Wasser mehr bekommt und wer immer versorgt werden muss. Neue Fernwasserleitungen sollten Wasser aus feuchten in trockene Regionen bringen, Moore wieder vernässt werden.In Städten müssten geschlossene Betonflächen so umgebaut werden, dass Wasser in den Boden sickern kann. Und für den Wirtschaftsstandort besonders wichtig: In regionalen und überregionalen Wassernutzungskonzepten sollte über die Ansiedlung von Industrien mit großem Wasserbedarf entschieden werden. „Wir hatten 2018 das letzte Mal diese große Krise“, sagt Puls. „Wir haben auch einen großen Plan aufgelegt“, sagt er. „Nur mit der Umsetzung kam man nicht in die Pötte.“Gerade für die Zukunftsbranchen, an denen es in Deutschland mangelt, könnte das ein Problem werden: „Die Produktion von Batteriezellen oder Chips braucht Reinwasser in größerer Menge“, sagt der IW-Experte. Dass der Bedarf zu Verteilungskonflikten führen kann, zeigt die geplante Tesla-Batteriefabrik in Grünheide in Brandenburg. Ursprünglich wollte der Konzern hier eine Fabrik mit 250 Gigawattstunden Kapazität hinstellen – im Trinkwasserschutzgebiet. Der Wasserverband Strausberg-Erkner (WSE) warnte vor den Folgen für eine Region mit 170.000 Menschen. Im vergangenen Sommer dann strich Tesla seine Pläne zusammen – auch, weil das Wasser in der Region nicht reicht. Der Autohersteller gab 400.000 seiner ursprünglich reservierten 1,6 Millionen Kubikmeter Wasserrechte zurück. „Bis jetzt wurden vielerorts Wasserrechte mit sehr hohen Entnahmemengen auf Jahrzehnte, teils sogar unbefristet, vergeben – und das zu einem relativ günstigen Preis ohne systemische Anpassung an Dürren oder sinkende Grundwasserstände“, sagt Merz, der Hydrologe. „Das muss sich ändern.“In Dresden versucht man drohender Wasserknappheit für die Hightech-Chipindustrie vorausschauend zu begegnen. Der Versorger SachsenEnergie lässt vom Baukonzern Hochtief für mehr als 300 Millionen Euro ein Flusswasserwerk an der Elbe bauen. Die Idee dahinter: Getrennt vom Trinkwasser wird aufbereitetes Elbwasser an die Chipfabriken von Infineon und künftig auch ESMC im Dresdner Norden geliefert. SachsenEnergie rechnet demnach mit einer Verdopplung des Industriewasserbedarfs in den kommenden zehn bis 20 Jahren. Der Anteil der Industrie am Gesamtwasserbedarf der Stadt soll bis 2030 von 30 auf 45 Prozent steigen. Das Flusswasserwerk soll mögliche Engpässe beheben.Im Prinzip sei das eine gute Idee, sagt Wasserexperte Merz. „Nur, was geschieht, wenn das Flusswasser in der Elbe auf einmal nicht reicht?“ Schon jetzt ist geplant, Elbwasser in die Spree zu leiten und in die ehemaligen Braunkohleseen in der Lausitz. „In Dürrephasen wie jetzt werden dann alle um dasselbe Wasser streiten.“Er fragt, was geschehen wäre, wenn in Magdeburg, ebenfalls an der Elbe, auch die geplante Intel-Chipfabrik errichtet worden wäre. In dieser Woche zeigte der Pegel an der Strombrücke im Stadtzentrum nur noch 37 Zentimeter, so wenig wie noch nie. Angesichts solcher Wasserstände erfordere ein Vorhaben wie eine Chipfabrik künftig neue Planungen. „Man muss im Vorfeld planen, wie viel verfügbar ist, und zwar nicht im Mittel, sondern in Krisensituationen.“Sonst geht es den neuen Industrien in nicht so ferner Zukunft möglicherweise wie Schiffen in Kaub auf dem Rhein heute schon: Man sitzt auf dem Trockenen.Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.Jan Dams ist Chefreporter WELT AM SONNTAG.Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.Andreas Macho ist Reporter Wirtschaft & Innovation.Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.
Wassermangel: Dürre-Schock am Rhein – alte Gewissheiten für Autofahrer und Industrie kommen ins Wanken - WELT
Deutschland ist ein Industrieland mit wenig natürlichen Ressourcen. Wasser aber gab es immer genug. Dieser Standortvorteil ist nun in Gefahr – mit Folgen für die alte Industrie und die kommende KI-Revolution.














