Eröffnung des Lucerne Festival: Maga-Kappen und ein Elefant im RaumBeim Start des Lucerne Festival unter der neuen Intendanz von Sebastian Nordmann sorgt das Thema «American Dreams» für Diskussionen. Wovon genau man da träumen soll, machen auch Riccardo Chailly und das Festivalorchester nicht ganz klar.15.08.2026, 14.01 Uhr6 LeseminutenDas Lucerne Festival Orchestra bei einem Konzert im KKL unter der Leitung von Riccardo Chailly.Lucerne FestivalSebastian Nordmann, der neue Intendant des Lucerne Festival, steht unter Druck. Mit Beginn des Jahres hat er die künstlerische Gesamtverantwortung für das führende Schweizer Musikfestival übernommen und damit ein gewaltiges Erbe angetreten. Wie einst Johannes Brahms, der regelmässig den Schatten des titanenhaften Beethoven hinter sich marschieren hörte, dürfte Nordmann das Lebenswerk seines Vorgängers gehörig im Nacken sitzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch Michael Haefliger, der die ehemaligen Musikfestwochen während eines Vierteljahrhunderts durch den beharrlichen Ausbau des Programmangebots zu einem der vier oder fünf Global Players im internationalen Festspielreigen gemacht hat, ist an diesem ersten Abend gar nicht da. Er überlässt die Bühne bei dieser Eröffnung, fairerweise, ganz seinem Nachfolger.Die Erwartungen an «den Neuen» sind dennoch gross, auch eine gewisse Skepsis bei langjährigen Beobachtern und Freunden des Festivals ist spürbar; sie liegt bei solch einem Wechsel an der Spitze in der Natur der Sache. Umso mehr, als Nordmann schon bald nach seiner Berufung deutlich gemacht hatte, dass er das Lucerne Festival zwar in seinem Zuschnitt und in seinen Grundzügen weiterführen werde, aber auch starke eigene Akzente setzen wolle. Das tut er nun sogleich mit einem ersten Saisonthema, das indes die Zweifel bei einigen eher befeuert haben dürfte: Um «American Dreams» soll es diesen Sommer in Luzern gehen.Vielfalt, Offenheit, AustauschDas Motto sorgt schon seit seiner Präsentation Anfang Jahr für Diskussionen und fragende Gesichter: Ist das nicht ziemlich weltfremd? Ausdruck einer fast schon demonstrativen Politikvergessenheit? Wie soll man von den kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Verheissungen Amerikas träumen, wenn der amtierende Präsident der USA zur selben Zeit Kriege führt und den Rest der Welt, nicht zuletzt die Schweiz, mit einer unberechenbaren Zollpolitik schikaniert?Nordmann beeilte sich, etwa im Gespräch mit dieser Zeitung, umgehend klarzustellen, dass sein Programm nicht als eine wie auch immer geartete Antwort auf Donald Trump zu verstehen sei. Es gehe vielmehr – so betont er es nun auch im Duett mit Stiftungsratspräsident Markus Hongler bei der gemeinsamen Eröffnungsansprache am Freitag – um den Gedanken der Vielfalt, der Offenheit, des freien Austauschs. Um jenes Versprechen «unbegrenzter Möglichkeiten» also, dem das Land seinen wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg verdanke. Zu zeigen, wie sich dieses Denken nicht zuletzt in der musikalischen Tradition Amerikas niedergeschlagen habe, sei das Ziel vieler Konzerte während der kommenden vier Wochen.Das klingt ja geradezu wie ein Gegenbild zum gegenwärtigen Gebaren der USA auf der Weltbühne, denkt sich da vielleicht der eine oder andere Skeptiker. Der unberechenbare politische Subtext des Mottos holt den Intendanten an diesem Abend freilich doch noch einmal ein. Und zwar in Gestalt des Schweizer Bundespräsidenten Guy Parmelin, der sein Grusswort mit einigen humorvoll getönten Sottisen würzte – wohl wissend, so darf man annehmen, dass auch Callista L. Gingrich, die amerikanische Botschafterin, im Publikum sass.So sorgte Parmelin unter anderem für Heiterkeit mit einer Anspielung auf die rote Mütze, die er Anfang Juli in Vancouver beim Sechzehntelfinal zwischen der Schweiz und Algerien an der Fussball-WM getragen hatte. Deren Aufschrift «Switzerland Great Since 1291» war allgemein als kecke Entgegnung auf den Slogan «Make America great again» verstanden worden, der einschlägige Kopfbedeckungen Trumps schon seit dessen erster Amtszeit ziert. Auch die Schweiz habe es verstanden, aus der Vielfalt ihrer Regionen, ihrer Sprachen und Traditionen etwas Gemeinsames zu schaffen. Zudem sei sie, wie die USA, zu einem wichtigen Exilland für viele Künstler geworden, so Parmelin.Beifall und Gelächter erntete der Bundesrat zuvor mit der Bemerkung, eigentlich hätten die Verantwortlichen ihre Träume von Amerika ja mit einem Walzer von Johann Strauss eröffnen müssen: «Zwei Schritte vor, einen beiseite» – das sei derzeit nämlich die Grundbewegung im «pirouettenreichen Tanz» zwischen Bern und Washington. Mit leichter Hand hatte Parmelin da den sprichwörtlichen Elefanten im Raum benannt und zugleich ein wenig die Spannung aus dem Thema genommen. Nordmann drückte ihm dankbar die Hand.Steif in der HüfteStatt Strauss-Walzer spielte das Lucerne Festival Orchestra (LFO) unter der Leitung seines Chefdirigenten Riccardo Chailly dann aber doch eine Auswahl von modernen Klassikern der amerikanischen Musik, mit Werken von George Gershwin und Charles Ives im Zentrum. Das Programm wurde ausserdem um Steve Reichs «New York Counterpoint» für elf Klarinetten, den «Mambo» aus Bernsteins «West Side Story» als Zugabe und die kurzfristig angesetzte «Fanfare for the Common Man» von Aaron Copland ergänzt. Mit der auch aus Filmen und von Grossanlässen bekannten Fanfare ehrten Chailly und die Bläser des LFO sehr würdig ihren im Herbst verstorbenen Kollegen Thomas Keller, den langjährigen Tubaspieler des Orchesters.Und so war unversehens fast ein Best-of der amerikanischen Musik zusammengekommen, jedenfalls ein Panorama, dessen Bogen sich von den Pionieren Ives und Gershwin bis zu der auch bei uns einflussreichen Minimal Music des demnächst neunzigjährigen Steve Reich spannte. Womöglich sollte diese Vielfalt en passant noch einen anderen Einwand entkräften, der zeitweilig gegen Nordmanns «Amerikanische Träume» im Raum stand: Ob die musikalische Tradition des Landes nicht doch womöglich etwas zu leichtgewichtig sei im Vergleich zu dem übermächtigen europäischen Musikerbe von Beethoven bis Mahler, das bis anhin im Fokus des Lucerne Festival stand?Die Debatte, bei der es letztlich um die Frage geht, wie «sophisticated», elitär oder unterhaltsam Musik sein darf oder sein sollte, wurde noch im 20. Jahrhundert ideologisch und teilweise mit arg dünkelhaften Untertönen geführt, unter anderem von Adorno. Heute schert sich das Publikum nicht mehr darum, zum Glück. In Luzern hat es sich offensichtlich auch nicht von den vielen am Festival bislang weniger gängigen Komponistennamen abschrecken lassen: Das KKL ist inklusive voller Reihen auf der Orgelempore sehr gut besucht, wenn auch nicht ausverkauft.Dass man mit dem Konzertteil der Eröffnung dennoch nicht restlos glücklich wird, hat mit der konkreten Werkauswahl zu tun. Die «Cuban Overture», in der Gershwin 1932 mit allerhand Rasseln, Ratschen und Rumba-Rhythmen Eindrücke einer Havanna-Reise verarbeitet hat, wirkt nicht gerade wie das ideale Einstiegsstück für das LFO. Technisch ist das Werk für dieses Orchester kaum mehr als eine Aufwärmübung, aber der Klang ist zu dick, zu laut und zu wenig gestaffelt. Das mag zum Teil der pastosen Instrumentierung geschuldet sein; aber auch die kubanischen Rhythmen bleiben brav und abgezirkelt, um nicht zu sagen: hüftsteif. Vielleicht hätten Chailly und die Seinen noch ein wenig in die Lehre beim Havana Lyceum Orchestra gehen sollen, das am Donnerstag den Europaplatz vor dem KKL mit Samba und Salsa zum Swingen gebracht hatte.Viel idiomatischer wirkte Gershwins «Concerto in F» mit dem Pianisten Frank Dupree, wenngleich auch hier spürbar wird, dass der ausgebildete Jazzschlagzeuger und originelle Improvisator Dupree in dieser stilistischen Welt mehr zu Hause ist als das klassische Konzertorchester. Doch die Interaktion funktioniert dank Chaillys hochkonzentrierter, punktgenauer Koordination bestens, und der bald entstehende Drive wird schon nach dem ersten Satz mit Zwischenapplaus belohnt.Seine wahren Stärken kann das LFO dennoch erst beim letzten Werk ausspielen, der 1. Sinfonie von Charles Ives, die zum ersten Mal überhaupt am Festival erklingt. Hier hört man all die Feinheiten der Tongebung und der Artikulation, die Subtilitäten beinahe jedes Instrumentaleinsatzes, die exemplarische Qualität des Miteinanders und des intensiven Aufeinanderhörens, die das LFO zu einem der besten Klangkörper machen. Nur fragt man sich mit der Zeit tatsächlich, ob das frühe, in Teilen als Abschlussarbeit entstandene Stück von Ives passend ist für eine Festivaleröffnung. Zumal der junge Komponist hier um 1900 weniger von Amerika träumt als doch immer noch sehr hörbar von europäischen Vorbildern. Nicht zufällig sind die besten Stellen «woanders hergenommen», wie es bei Goethe so lustig heisst.Hätte man die Idee der Vielfalt und der Vielstimmigkeit, für die das Festival-Motto stehen soll, anschaulicher exemplifizieren wollen, wäre Ives’ 4. Sinfonie die bessere und auch entschieden mutigere Wahl gewesen. Mit ihren Übereinanderschichtungen von Instrumentengruppen, Rhythmen und Melodien sowie unterschiedlichen Tempi und Tonarten etabliert das Werk um 1920 frappierend fortschrittliche Techniken. Das ist kein Eklektizismus und kein Entertainment, sondern der Beginn einer eigenständigen amerikanischen Avantgarde, die über John Cage bis in die Gegenwart reicht.Man sollte diese Strömung nicht übersehen neben all den fraglos unterhaltsamen Musiken von Gershwin bis Bernstein, mit denen hierzulande die Vorstellung von amerikanischer Musik vor allem verknüpft ist. Gleichzeitig gelang Ives mit seiner radikalen Collagetechnik die perfekte kompositorische Entsprechung zum Idealbild Amerikas, das sich so gern als «Schmelztiegel der Kulturen» begreift, auch wenn es gelegentlich einfach einen Kessel Buntes bietet.Lucerne Festival: «American Dreams», bis 13. September. Das Eröffnungskonzert ist in der Schweiz auf SRF Play bis 13. Oktober abrufbar.Passend zum Artikel
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