Brücken über den AtlantikSeit 1964 bringen US-Orchester amerikanischen Glanz nach Luzern. In diesem Jahr kehren das Pittsburgh Symphony Orchestra und das Orchester der New Yorker Met zurück – mit Musik im Gepäck, die für einen Moment die unsichere Gegenwart vergessen macht.Corina Kolbe11.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAm 30. August im KKL: das Orchester der Metropolitan Opera.Evan ZimmermannGastspiele amerikanischer Orchester haben beim Lucerne Festival eine lange Tradition. Den Anfang machte 1964 das Pittsburgh Symphony Orchestra, das sich mit seinem Chefdirigenten William Steinberg bei den damaligen Internationalen Musikfestwochen Luzern präsentierte. Paul Hindemiths «Pittsburgh Symphony» war nur wenige Jahre zuvor in der prosperierenden Industriestadt uraufgeführt worden. Auch der in Luzern anwesende NZZ-Kritiker war damals beeindruckt: «Dass das Orchester diesem ihm gewidmeten Werk eine besonders liebevolle und klangprächtige Wiedergabe zuteil werden liess, verstand sich von selbst.» Mit Zitaten aus einer Volksweise, die deutsche Einwanderer vor Jahrhunderten nach Pennsylvania mitgebracht hatten, wird in dem Werk eine Brücke zwischen Europa und Amerika geschlagen. Hindemith und der in Köln geborene Steinberg, ein Freund des legendären Maestro Arturo Toscanini, teilten ein ähnliches Emigrantenschicksal – beide waren vor den Nazis über die Schweiz in die USA geflohen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.TraditionslinienNach Luzern kehrte das Pittsburgh Symphony Orchestra später mit Pultgrössen wie Lorin Maazel und Mariss Jansons zurück, bevor Manfred Honeck als Musikdirektor den Stab übernahm.Unter seiner Leitung tritt jetzt der Pianist Alexandre Kantorow, der beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb 2019 die Goldmedaille gewann, mit Brahms’ 1. Klavierkonzert erstmals beim Festival auf. Dann folgt die doppeldeutige 5. Sinfonie von Schostakowitsch mit ihrem grotesk übersteigerten «Jubel»-Finale, die dem von Stalin geächteten Komponisten zur Rehabilitierung verhalf.Beim zweiten Konzert des Gastspiels steht die Geigerin Anne-Sophie Mutter im Fokus. Ihr ehemaliger Ehemann André Previn hatte 1976 Steinbergs Posten in Pittsburgh übernommen. Mutter, die vor 50 Jahren in Luzern ihr internationales Bühnendebüt gab, spielt das Violinkonzert mit dem vielsagenden Titel «Metamorphosen», das Krzysztof Penderecki für sie komponiert hat. Als Hommage an die USA erklingt schliesslich Dvořáks Sinfonie «Aus der Neuen Welt», die seine Faszination für Amerika widerspiegelt.Erstmals mit dem Met-OrchesterAuch Arturo Toscanini überquerte den Atlantik und wurde 1908 – zunächst neben Gustav Mahler – ständiger Dirigent an der New Yorker Metropolitan Opera. Zwei Jahre später gastierte das Opernhaus mit ihm auf seiner ersten Europareise in Paris. Obwohl die Metropolitan Opera seit ihren Anfängen Tourneen unternahm, sollte bis zum Debüt am Lucerne Festival noch einige Zeit vergehen. 2002 trat das Met Orchestra mit seinem damaligen Chef James Levine zum ersten Mal im Konzertsaal des KKL auf, und hier ist es nun, fast ein Vierteljahrhundert später, erstmals zusammen mit dem amtierenden Musikdirektor Yannick Nézet-Séguin zu erleben.Der Frankokanadier ist dem Festival seit 15 Jahren verbunden und hat hier bereits die Wiener Philharmoniker, das Rotterdam Philharmonic Orchestra, das Philadelphia Orchestra und auch das Lucerne Festival Orchestra dirigiert. In New York steht er zurzeit vor grösseren Herausforderungen, denn die Met hat mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Intendant Peter Gelb gab erst jüngst bekannt, Saudiarabien habe eine millionenschwere Vereinbarung über jährliche Gastspiele in Riad platzen lassen.Umso willkommener erscheint den New Yorkern wohl die Gelegenheit, sich jetzt nach vielen Jahren wieder vor dem Luzerner Publikum zu zeigen. Die US-amerikanische Komponistin Missy Mazzoli entwirft in ihrer «Sinfonia (for Orbiting Spheres)» ein musikalisches Sonnensystem mit rotierenden Planeten. Unter Levine hatten die Musiker seinerzeit Mahlers 6. Sinfonie aufgeführt, jetzt steht die 4. auf dem Programm. Im Finalsatz singt die Mezzosopranistin Joyce DiDonato «Das himmlische Leben», Mahlers berührende Vertonung eines Gedichts aus der Sammlung «Des Knaben Wunderhorn »; ausserdem trägt sie seine «Rückert- Lieder» vor. «Ich bin der Welt abhanden gekommen» führe sie in ein anderes Universum, sagt die Sängerin hierzu. Auch ihre Zuhörer kann diese überirdische Musik für einen Moment vergessen lassen, in welch unsicheren Zeiten wir leben.
Brücken über den Atlantik: US-Orchester beim Lucerne Festival 2023
Seit 1964 bringen US-Orchester amerikanischen Glanz nach Luzern. In diesem Jahr kehren das Pittsburgh Symphony Orchestra und das Orchester der New Yorker Met zurück – mit Musik im Gepäck, die für einen Moment die unsichere Gegenwart vergessen macht.









