«American Dreams» am Lucerne Festival: So klingt das Land der unbegrenzten MöglichkeitenGenauso vielseitig wie ihre Natur ist auch die Komponisten-Landschaft der USA. Zum 250-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit spürt das Lucerne Festival musikalischen Spielarten des «American Dream» nach – und bringt ein wenig Ordnung in die Sache.Stephan Schwarz-Peters11.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenB wie Bernstein: der grosse Dirigent und Komponist Leonard Bernstein im Studio seines Hauses in Fairfield, Connecticut, im August 1988.The Library of Congress/PDSchon mit den Siedlern, die um 1600 ihre Entdeckerfüsse auf nordamerikanischen Boden setzten, begann das grosse Träumen. Die offizielle Geburtsstunde des «American Dream» aber datiert auf den 4. Juli 1776, an dem die 56 Delegierten des Zweiten Kontinentalkongresses ihre Unterschriften unter ein bedeutsames Dokument setzten: jene Erklärung, in der sich die dreizehn britischen Ostküstenkolonien von König und Vaterland lossagten, um als «Vereinigte Staaten von Amerika» fortan unabhängig ins Weltgeschehen einzutreten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Viele amerikanische Träume wurden seither geträumt – viele auch unschön ausgeträumt. Aber kulturell gibt es im Rausch rund um den 250. Jahrestag der «Declaration of Independence» immer noch vieles zu erträumen. Und das nicht nur in den USA, sondern auch in Luzern, wo Sebastian Nordmann in seiner ersten Saison als Festival-Intendant alphabetische Ordnung in die Sache bringt. «Go West! ‹American Dreams› von A (wie John Adams) bis Z (wie Frank Zappa)» heisst eine Programmschiene, die dem Schaffen von Komponistinnen und Komponisten aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten huldigt.Von Schwelgen zu MinimalismusVor allem im 20. Jahrhundert dürfte es kaum eine Nation gegeben haben, die eine solche Vielzahl musikalischer Stimmen, Freigeister und – ja, eben! – Träumer hervorgebracht hat wie die USA. Hier stehen Traditionalisten an der Seite von Tüftlern, Showstars neben versponnenen Genies, verstiegene Konstruktivisten neben komponierenden Hippies. Und auch wenn sich «die» amerikanische Musik kaum ausmachen lässt, hat sie dennoch ihre Klassiker hervorgebracht. Als ersten vermutlich die 9. Sinfonie des in seiner Zeit als New Yorker Konservatoriumsdirektor stark heimwehgeplagten Böhmen Antonín Dvořák. Besser als «Sinfonie aus der Neuen Welt» bekannt, nimmt sie beim Lucerne Festival eine Art Ehrenplatz ein, im Konzert mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck am 4. September, und schliesst eine amerikanische Klammer, die mit John Adams’ virtuoser Orchester-Etüde «Short Ride in a Fast Machine» beginnt.Von John Adams bis Frank Zappa: Das Lucerne Festival sortiert die musikalischen Träume Amerikas alphabetisch.Im grossen Komponisten-Alphabet des Lucerne Festival steht der Name John Adams ganz vorn. Zu lesen ist er auch in zwei weiteren Luzerner Programmen: am 29. August beim Auftritt des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) unter Elim Chan und am 31. August bei dem der Münchner Philharmoniker mit Lahav Shani. Mit der «Dr. Atomic Symphony» und «The Chairman Dances» aus «Nixon in China» zeigt sich der 1947 geborene Hauptvertreter und Überwinder der Minimal Music als einer der international führenden Opernkomponisten der Gegenwart.Um weitere Meister des US-amerikanischen Musiktheaters aufzuspüren, bedarf es weder im Alphabet noch im Festivalprogramm langer Wege. Unter dem Buchstaben B findet sich der Name Bernstein, der wie kein Zweiter für die genialische Fusion von grosser Kunst und grossartigem Entertainment steht. Wer in amerikanischen Träumen schwelgen möchte, ist mit der «West Side Story» gut bedient, die in Ausschnitten im Konzert des Brass Ensembles des Lucerne Festival Orchestra (LFO) am 19. August erklingt. Auszüge aus dem Stück sind auch bereits am Eröffnungstag, dem 13. August, zu hören. An diesem Anlass betten Riccardo Chailly und das Festival-Orchester den berühmten «Mambo» in einen ebenso amerikanischen wie rhythmusgeschüttelten Kontext ein: mit Steve Reichs «New York Counterpoint» in der Fassung für elf Klarinetten und George Gershwins «Cuban Overture».George Gershwin.PD«Gershwin, George»: noch so ein fundamentaler Eintrag im Lexikon der amerikanischen Musik und ein weiterer Ahnherr des US-Musiktheaters. Zum Festival-Finale am 13. September betritt dessen «Porgy and Bess» die Bühne des KKL. Mit diesem Dreiakter, der bei szenischen Wiedergaben auf Wunsch des Komponisten einem rein schwarzen Sänger-Cast vorbehalten ist, schenkte der weisse New Yorker Gershwin 1935 der Bevölkerung seines Heimatlandes eines der schönsten und berührendsten Werke der Operngeschichte und setzte zugleich ein Hoffnungszeichen für afroamerikanische Komponistenkollegen.Florence Price.PDUnd für Kolleginnen, die es schon aus Gründen des Geschlechts schwer hatten, sich im Musikbetrieb durchzusetzen. Etwa die Gershwin-Zeitgenossin Florence Price, die in Chicago wirkte und ein bedeutsames Werk in nahezu allen musikalischen Gattungen schuf. Ihr ist es als erster schwarzer Komponistin gelungen, ein grosses sinfonisches Werk bei einem Spitzenorchester zu platzieren: 1932 mit ihrer 1. Sinfonie in e-Moll. In Luzern befindet sich Price in bester US-Gesellschaft, wenn am 6. September ihr «Andante Cantabile» für Streichorchester bei den Lucerne Strings unter Daniel Dodds auf dem Programm steht: flankiert unter anderem von Werken Dvořáks, Bernsteins und – um nochmals zum Buchstaben A zurückzuspringen – von George Antheil, der sich im Konzert der Lucerne Strings mit dem Allegro aus der «Serenade Nr. 1» für Streichorchester von seiner eher handzahmen Seite zeigt.Mit showreifer Avantgarde hatte der Deutschstämmige aus New Jersey während der 1920er Jahre seine Wahlheimat Paris aufgemischt: als einer der wenigen Komponisten, die den «grossen Teich» in umgekehrter Richtung, mit dem dauerhaften Ziel Europa, überquert hatten. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland sorgte ab 1933 dafür, dass der Transfer eher in entgegengesetzter Richtung stattfand – so dass uns heute so mancher Komponist als typisch amerikanisch vorkommt, der in Wirklichkeit aus Deutschland oder Österreich stammt.Vom Exil nach HollywoodNicht zuletzt die Traumfabrik Hollywood verschlang Komponisten. Etwa den einstigen Wunderknaben Erich Wolfgang Korngold, der nach seiner Emigration 1934 – in schillernder Spätromantik badend und dafür mit insgesamt zwei Oscars ausgezeichnet – die grosse sinfonische Filmmusik wie kein Zweiter prägen sollte. Noch sein spätes Violinkonzert atmet den Luxusduft der Leinwand, es ist nämlich aus seinerzeit berühmten Filmmusikthemen Korngolds collagiert worden. Am 22. August steht es beim fünften Konzert des LFO unter Jakob Hrůša mit dem Solisten Ray Chan auf dem Programm.Erich Wolfgang Korngold.PDFranz Wachsmann gelangte in der amerikanisierten Namensform Waxman ebenfalls während der 1930er Jahre nach Hollywood: auch er zweifacher Oscarpreisträger. Beim Festival-Debüt des Geigers Elias David Moncado am 3. September ist sein berühmtestes Werk, die «Carmen-Fantasie» nach Georges Bizets Oper, zu hören.Als Filmkomponist wider Willen fristete dagegen Hanns Eisler zeitweilig sein Leben in Hollywood, wo ihm die «ewige Blumenblüherei» und manch anderes gehörig auf den Magen schlug. Seinen Frust vertraute er den tagebuchartigen Einträgen seines «Hollywooder Liederbuchs» an, das am 1. September auszugsweise von einem weiteren Festival-Debütanten vorgetragen wird: dem Bariton Jonas Müller.Wer die bittere Anklage Eislers vernimmt, kann sich für Samuel Barber nur freuen, der es, als früh zum «Klassiker» gereifter Platzhirsch unter den amerikanischen Komponisten, nicht nötig hatte, sich in die Niederungen kommerzieller Musikproduktion zu begeben. Als Höhepunkte seines Schaffens sind unter anderem das Violinkonzert mit Augustin Hadelich am 15. August sowie das anspruchsvolle Klavierkonzert am 9. September mit der unerschrockenen Yuja Wang und dem Mahler Chamber Orchestra am Festival zu hören.Die USA haben keine einheitliche Musik hervorgebracht, sondern einen Kosmos aus Stimmen, Stilen und Widersprüchen.Schräge KombinationenApropos Klassiker: Wie unterschiedlich dieses Wort auf US-Komponisten angewendet werden kann, zeigt im Festival-Programm das Schaffen von Charles Ives auf der einen und das von Steve Reich auf der anderen Seite. Von Forscherdrang besessen, kombinierte Ives alles Erdenkliche, was ihm aus Quellen der hohen und niederen Kunst zufloss. Darüber hinaus erschloss er der amerikanischen Musik zahlreiche neue Möglichkeiten: von polyrhythmischen Strukturen bis zur Zwölftonmusik, von Collageverfahren bis zur Mikrotonalität. Ein atemberaubender Kosmos, der bereits in seiner 1. Sinfonie anklingt, die als einer der ersten «amerikanischen Träume» b«eim Eröffnungskonzert mit Riccardo Chailly am 14. August auf dem Programm steht.Der überbordenden Fülle dieses Feierabend-Visionärs – tagsüber arbeitete er als Versicherungsagent – setzte der heute fast 90-jährige Steve Reich einen minimalistischen Ansatz entgegen: Aus seiner Feder stammen Meisterwerke der Minimal Music wie «Clapping Music», «Music for Pieces of Wood» oder «Drumming», die unter dem Motto «Rhythm’n’Loops» am 25. August in einer Open-Air-Aufführung auf dem Luzerner Kapellplatz vom Schlagzeugensemble des LFCO gespielt, geklatscht und getrommelt werden.Klang der GegenwartDen «American Dream» in seiner neusten Version wiederum verkörpern Komponistinnen und Komponisten wie Missy Mazzoli mit ihrer «Sinfonia (for Orbiting Spheres)» – beim Galabesuch des Met Orchestra, im Gefolge der «Diva assoluta» Joyce DiDonato am 30. August. Oder Jalalu-Kalvert Nelson, dessen «Endangered Dreams» für Trompete und Kammerorchester am gleichen Tag bei einem Auftritt des Ensembles des LFCO unter anderem auf Werke von Augusta Read Thomas und Elliot Carter treffen.Frank Zappas «The Yellow Shark» ist am 22. August im KKL Luzern zu erleben.Michael PutlandUnd um die Suche nach dem amerikanischen Traum mit dem Buchstaben Z zum Abschluss zu bringen: Was würde Frank Zappa, der grosse Gesellschaftskritiker zwischen Populärmusik und Avantgarde, wohl sagen, wenn man ihn heute zum Träumen auffordern würde? Die gewiss schräge Antwort darauf lässt sich vielleicht aus seinem letzten, 1992 in Frankfurt uraufgeführten Meisterwerk «The Yellow Shark» erahnen. Beim Festival ist es zu erleben und zu bestaunen am 22. August, ebenfalls mit dem Ensemble des LFCO.