InterviewSebastian Nordmann, der neue Intendant des Lucerne Festival, hat seine erste Sommersaison unter das Motto «American Dreams» gestellt. Im Gespräch stellt er klar: Es geht um die musikalische Vielfalt der USA, nicht um Tagespolitik.11.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenSebastian Nordmann geniesst vor dem Schweizerhof in Luzern die Aussicht aufs gegenüberliegende KKL, das seit diesem Jahr sein wichtigstes Podium ist.Marco Borggreve / Lucerne FestivalHerr Nordmann, das Motto Ihrer ersten Sommersaison in Luzern bezieht sich auf den sprichwörtlichen amerikanischen Traum, wonach jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft, sozialen Schicht oder Religion durch harte Arbeit ein besseres Leben erreichen kann. Dieser Ausdruck des grenzenlosen Optimismus wird für viele jedoch durch das Gebaren des amtierenden US-Präsidenten pervertiert. Für sie ist aus dem Traum ein Albtraum geworden. Sind Sie während der Planung von der Politik kalt erwischt worden?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer es so liest, greift nicht nur zu kurz, sondern liegt falsch. Unser Programm ist keine wie auch immer geartete Antwort auf Donald Trump. Das Ganze hat einen viel längeren Vorlauf, nicht nur in der konkreten Planung, sondern auch beim inhaltlichen Background. Amerikanische Musik weckt bei mir schon seit Jahrzehnten Begeisterung. Ich habe als Intendant am Konzerthaus Berlin auch schon einmal eine grosse Hommage an Leonard Bernstein gemeinsam mit dessen Kindern organisiert. Zudem hat mich immer schon die Vielfalt der musikalischen Strömungen in Amerika auf dem Weg ins 20. und 21. Jahrhundert interessiert: vom Jazz bis zur Minimal Music, von der Exil-Musik bis zu Frank Zappa.Das heisst, kulturelle Phänomene und die Geschichte haben bei Ihren Planungen die entscheidende Rolle gespielt, nicht so sehr die Tagespolitik?Ja, und die äusseren Anlässe liegen ja auf der Hand: die 250 Jahre seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, aber auch die 25 Jahre seit den furchtbaren Anschlägen vom 11. September 2001. Hinzu kam dann noch ein spannender Begriff, der mir häufiger begegnet ist, seit ich in die Schweiz gezogen bin, nämlich der Begriff «Sister Republics», der das besondere Verhältnis zwischen der Schweiz und den USA im Lauf der Geschichte bezeichnet.Das müssen Sie kurz erläutern.Grob gesagt, verstanden sich die beiden Länder seit dem 19. Jahrhundert als politische «Seelenverwandte». Denn in einer Zeit, in der Europa weitgehend von absolutistischen Systemen beherrscht wurde, entwickelten sich die USA und die Schweiz als Gegenmodelle.Wie wurde aus solchen Bezügen, historischen Daten und lange gepflegten Vorlieben ein Festivalprogramm?Ich bin mit den ersten Ideen zu Riccardo Chailly gegangen, dem Chefdirigenten unseres Lucerne Festival Orchestra, und habe bei ihm sozusagen offene Türen eingerannt. Das hätten wahrscheinlich wenige erwartet, aber er war begeistert, dass ich ihm angeboten habe, amerikanische Musik zu dirigieren. Obwohl er damit bislang nicht in Verbindung gebracht worden ist, schätzt er sie nämlich auch sehr. Und Chailly kam dann sehr bald mit dem Vorschlag, ein Werk von Charles Ives im Eröffnungskonzert zu präsentieren. Zusammen mit den anderen Werken von George Gershwin und Steve Reich verkörpert das Eröffnungsprogramm für uns in idealer Weise die Vielfalt der Stile und Möglichkeiten in der amerikanischen Musik.Dennoch entstehen Programme und dramaturgische Leitgedanken niemals im luftleeren Raum. Haben die erneute Wahl und der Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2025 Sie wirklich in keiner Weise verunsichert bei Ihrem Entscheid für «American Dreams»?Zentrale Punkte sind tatsächlich früher entstanden, schon während der Amtszeit von Joe Biden, wenn Sie so wollen. Das Thema Trump und die Frage, ob das immer noch eine gute Programmidee sei: Diese Diskussion, die wir auch intern intensiv geführt haben, kam erst später auf. Ich habe dann gesagt: Jetzt erst recht!Das klingt fast trotzig…Wir müssen aufpassen, dass sich unser Bild von Amerika nicht unter dem Eindruck der gegenwärtigen Politik verengt. Zentral ist und bleibt der Gedanke der Vielfalt und der Vielstimmigkeit. An unserem Motto hat das Wort «Träume» für mich besonderes Gewicht: Wie konnten alle die bedeutenden Komponisten von Ives, Gershwin und Bernstein bis in die Gegenwart ihre Träume, also ihre ästhetischen Visionen, ohne jedes Schubladendenken umsetzen, während wir in Europa noch in starren Kategorien wie «E» und «U» gefangen waren, also in der Unterscheidung von «Ernster Musik» und «Unterhaltung».Leonard Bernstein hat sich strikt dagegen gewandt.Ja, und er hat sie auch in seinem Schaffen auf charakteristische Weise unterlaufen. Diese Botschaft, dass am Ende allein die Unterscheidung zwischen guter oder schlechter Musik zählt, hat er bis zuletzt vermittelt, noch in seiner späten Zeit beim Schleswig-Holstein Musik Festival, wo ich ihn selber erlebt habe. Das hat mich sehr geprägt.Die Offenheit und die Vielfalt, die das kulturelle Selbstverständnis der USA so entscheidend geprägt haben, stehen derzeit allerdings deutlich weniger hoch im Kurs als zu Bernsteins Zeiten. Das Pendel scheint vielmehr in die Gegenrichtung auszuschlagen. Ist das Festival-Motto dadurch nachträglich viel stärker politisiert worden, als es ursprünglich gedacht war?Grundsätzlich wünsche ich mir, dass Künstler weltweit ohne parteipolitischen Druck ihre Ideen und künstlerischen Anliegen umsetzen dürfen. Unser Bild von den «Träumen» ist in der Hinsicht nicht auf Amerika begrenzt. Aber es ist auch nicht so, dass ich von vornherein mit einem provokanten Motto einsteigen wollte, um partout irgendein Ausrufezeichen zu setzen. Wenn sich daraus eine politische Diskussion entwickelt – warum nicht? Als Intendant muss ich im Zweifel auch Kontroversen aushalten. Es gab das ja in früheren Jahren schon bei dem einen oder anderen Motto meines Vorgängers Michael Haefliger, wenn Sie an «Macht» oder «Diversity» denken oder auch an «PrimaDonna», die Saison rund um die Rolle von Frauen im Musikbetrieb. Das waren Festivaljahrgänge, die Zeichen gesetzt und im besten Fall etwas in Bewegung gebracht haben.Sie setzen in Ihrem Programm ein Ausrufezeichen mit der Einladung der jungen Lyrikerin Amanda Gorman, die 2021 mit dem Vortrag ihres Gedichts «The Hill We Climb» an der Amtseinführung von Joe Biden weltbekannt geworden ist. Bilden Sie damit in gewisser Weise das «bessere Amerika» ab?Auch das ist vordergründig nicht als provokante Aktion gemeint, um sich für oder gegen irgendwas zu positionieren. Wir haben kein Interesse an Parteipolitik. Und es interessiert auch niemanden, was Sebastian Nordmann über Trump denkt, sondern wir bilden eine Plattform, wir bilden Brücken, wir wollen den Austausch. Und die Künstler, die zu uns kommen, sind nicht von irgendeiner Partei finanziert, geschweige denn subventioniert. Mich hat seinerzeit der Auftritt von Gorman fasziniert. Sie war damals erst zweiundzwanzig, und ihr Charisma war fast wie mit Händen zu greifen. Ich dachte spontan an Menschen mit einer ähnlich positiven Ausstrahlung wie Nelson Mandela, Leonard Bernstein oder Yehudi Menuhin, dem ich noch selbst begegnet bin. Mir erschien Amanda Gorman als der Inbegriff für einen positiven Blick nach vorne.Sie sagen, Sie wollen sich mit dem Motto nicht parteipolitisch positionieren. Aber wenn Amanda Gorman bei Ihnen am 11. September auftritt, exakt 25 Jahre nach den islamistischen Anschlägen in New York, oder wenn Sie zum Festival-Finale «Porgy and Bess» aufführen – dann bekommt Ihr Programm trotzdem einen eminent politischen und gesellschaftskritischen Anstrich.Ja, denn das ist eben die amerikanische Geschichte. Nehmen Sie diese gewaltigen Gegensätze wie Schwarz gegen Weiss, die Schere zwischen Reich und Arm, die unterschiedlichen Mentalitäten von Ost- und Westküste und vieles mehr. Das ist alles sozialkritisch aufgeladen, und das kommt natürlich auch in vielen künstlerischen Werken zum Ausdruck. «Porgy and Bess» oder die «West Side Story» sind die besten Beispiele dafür, aber nur einige unter vielen.Sie fokussieren sich beim Programm allerdings weitgehend auf den etablierten Kanon der amerikanischen Musik. Indigene Traditionen, also die «Native American Music», oder auch das weite Feld der Exil-Musik zwischen 1933 und 1945 bleiben aussen vor. Ist das ein Defizit oder ein bewusster Verzicht?Es ist eine notwendige Eingrenzung. Unser Anspruch ist nicht, die amerikanische Musikgeschichte in Gänze abzubilden. Wir wollten auch keinen «Länderschwerpunkt USA» gestalten, es ging immer um den viel weiter gefassten ideellen Aspekt der «American Dreams». Und das Thema «Exil-Musik» böte Stoff genug für eine eigene Festivalsaison. Als Orchesterfestival, das traditionell die besten Klangkörper der Welt ins KKL Luzern holt, sind wir ausserdem vom Repertoire-Angebot der Gastensembles abhängig. Um einen roten Faden durch ein Programm zu ziehen, braucht es viele Gespräche mit den Programmverantwortlichen der Orchester und vor allem viel Vorlauf. Wir sprechen da von zwei bis drei Jahren, nicht von Monaten. Aber mir sind solche dramaturgischen roten Fäden sehr wichtig, und ich möchte sie in Zukunft noch ausbauen.Sie bauen in Ihrem ersten Jahr bereits das Angebot an Veranstaltungen ausserhalb der klassischen Konzertformate im KKL aus. Worauf zielt das Projekt «In den Strassen: City Stage»?Eine Idee ist, auch mit Musikerinnen und Musikern, die beim Festival im KKL Luzern auftreten, rauszugehen in die Stadt, um dort auch Menschen zu erreichen, die normalerweise nicht ins KKL gehen. Die Erfahrung zeigt: Das funktioniert, die Begeisterung, gerade bei jungen Leuten, ist enorm. Wir arbeiten dabei auch mit «guerillaclassics» aus Zürich zusammen, die besondere Expertise zum Beispiel bei Pop-Up-Konzerten mitbringen. Die Ensembles aus dem Umfeld der Academy spielen dann an einzelnen Plätzen in der Altstadt, es gibt einen Sound-Walk und vieles mehr – alles unverstärkt. Und wir spielen dort dann nicht nur Beethoven, sondern eben auch Steve Reich, Gershwin und andere Werke aus unserem amerikanischen Programm.Als Appetizer?Um eine Verbindung zum übrigen Festival- Programm herzustellen, ja. Und wenn sich dann jemand etwa für Steve Reichs «Drumming» unserer Perkussionisten begeistert, vorher vielleicht an der Eröffnung die «Lakeside Symphony» besucht und sich irgendwann zum Beispiel für ein «Fankurve»-Abo mit Konzerten unseres Festivalorchesters entscheidet, dann haben wir genau das interessierte neue Publikum für uns gewonnen, das sich alle Veranstalter wünschen.Passend zum Artikel