Dieses Urteil des Obersten Gerichts Russlands sei die „Selbstentlarvung des politischen Systems“, schrieb Grigorij Jawlinskij auf Telegram, nachdem die liberale Partei Jabloko am Montagabend von der Teilnahme an der Parlamentswahl Mitte September ausgeschlossen worden war. Das Bedürfnis nach Frieden und Freiheit sei in Russland viel stärker, als die Machthaber dachten.Das soll heißen: Der wahre Grund für die Entscheidung sei der schnell wachsende Zuspruch gewesen, den die Partei von jungen Russen bekam, seit sie Ende Juli zur Wahl zugelassen worden war. Jabloko ist die einzige Partei in Russland, die einen Waffenstillstand mit der Ukraine und ein Ende der politischen Repressionen fordert.Der 74 Jahre alte Jawlinskij ist Gründer der Partei, war lange ihr Vorsitzender und ist bis heute ihr bekanntestes Gesicht. Seine politische Karriere begann in den Achtzigerjahren. Er war damals einer jener jungen Ökonomen, die in den letzten Jahren der Sowjetunion Programme für den Übergang von der kommunistischen Plan- zur Marktwirtschaft verfassten und in Regierungsämtern zu verwirklichen versuchten.Jawlinskijs letztes Treffen mit PutinDanach war Jawlinskij immer in der Opposition. In den Neunzigerjahren versuchte er, Jabloko als sozialliberale „dritte Kraft“ zwischen den Oligarchen um Präsident Boris Jelzins und dessen antidemokratischen Gegnern zu positionieren. So erwarb er sich viel Ansehen, ohne realen politischen Einfluss zu gewinnen. In der letzten Wahl vor Wladimir Putins Präsidentschaft Ende 1999 gelang ihm mit Jabloko letztmals der Einzug in das Parlament.In Putins System hatte Jabloko bisher eine Sonderrolle. Als einzige Partei durfte sie den Präsidenten offen kritisieren und wurde trotzdem zu Wahlen zugelassen. Den Oppositionsführer Alexej Nawalnyj kritisierte Jawlinskij als Populisten – auch noch, als der 2021 schon im Gefängnis saß. Viele Regimegegner nehmen das Jawlinskij sehr übel. Sie unterstellen ihm, er habe sich bequem in Putins Regime eingerichtet.Gerüchte besagen, die beiden Männer stünden regelmäßig in Kontakt. Ihr letztes belegtes Treffen fand im Oktober 2023 statt. Jawlinskijs gab danach an, er habe den Präsidenten zu einer Waffenruhe in der Ukraine gedrängt.Der Einsatz gegen Krieg ist ein roter Faden, der sich durch Jawlinskijs politische Laufbahn zieht: Er sprach sich vehement gegen die beiden Kriege aus, die Russland unter Jelzin und Putin in den Neunziger- und Nullerjahren in Tschetschenien führte. Unter hohem persönlichem Risiko versuchte er damals, in diesen Konflikten zu vermitteln, und stellte sich selbst als Geisel für tschetschenische Kämpfer zur Verfügung. Jawlinskij hat angekündigt, dass Jabloko weiter um die Teilnahme an der Wahl kämpfen werde.
Der Jabloko-Gründer ist ein Mann mit Sonderrolle in Putins System
Als einzige legale Partei durfte Jabloko in Russland bisher Putin kritisieren. Ihrem Gründer unterstellen Regimegegner, sich mit den Machtverhältnissen gut arrangiert zu haben.











