Der andere BlickDie Hitzewelle verlangt rationale Antworten, keine Ideologie. Sich an sie anzupassen, ist ohne AlternativeStatt zu handeln, ringen deutsche Politiker um Zuständigkeiten. Daran ist auch ein konstruierter Konflikt schuld.Cornelius Welp12.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Pegelstände von Flüssen wie dem Rhein sind extrem niedrigIMAGO/Sem van der Wal / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Cornelius Welp, Wirtschaftsredaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Dorf Drewitz in Sachsen-Anhalt zählt keine 350 Einwohner. Seit dem 2. Juni aber hält es einen deutschen Rekord. Eine höhere Temperatur als die dort gemessenen 41,8 Grad hatte es zuvor im ganze Land noch nie gegeben. Den bisherigen Höchstwert aus dem Jahr 2019 haben in diesem Sommer gleich acht Wetterstationen überboten.Die Rekorde sind die Ausreisser in einem Sommer, in dem Temperatur und Trockenheit fast überall in Europa nach oben ausgerissen sind. Das wird künftig mehr Regel als Ausnahme sein. Und verlangt schon wegen zahlreicher Hitzetote auch in Deutschland nach Antworten der Politik, der Gesellschaft, jedes einzelnen.Es geht um Warnsysteme, um Gesundheit, um den Schutz besonders betroffener Gruppen. Es geht auch um Veränderungen im Städtebau, angemessene Arbeitsplätze, sichere Transportwege. Dass es notwendig ist, sich an eine veränderte Umwelt anzupassen, ist eine Basiserkenntnis der Evolution. Es sollte selbstverständlich sein.Das ist es aber nicht. Zumindest nicht in der deutschen Politik. Dass es bisher an überzeugenden Strategien und Aktionsplänen fehlt, liegt wie so oft auch an ungeklärten Fragen zu Zuständigkeit und Finanzierung. So hat der Bund zwar einen Rahmen vorgegeben, wie und mit welchen Mitteln der gefüllt werden soll, ist aber umstritten. Die Kommunen sehen den Bund in der Pflicht, der wiederum auf sie zurück verweist. Die Folge ist eine gefährliche Blockade.Der nächste November kommt bestimmtIdeologische Gefechte tun ihr Übriges dazu. Die «Es gab schon immer warme Sommer»-Haltung findet offiziell nur wenig Anklang. Politiker nutzen sie jedoch unausgesprochen als Rechtfertigung für Nichtstun. Irgendwann ist es mit der Hitze und dem akuten Handlungsbedarf wieder vorbei. Der nächste November kommt bestimmt. Und mit ihm andere Themen.Aber auch Klimaschützer tragen zum Stillstand bei. Denn sie bringen Anpassung zu Unrecht in Verruf. Zwar betonen auch Klima-Galionsfiguren wie Luisa Neubauer, dass Hitzeschutz wichtig sei und in vielen Krankenhäusern in Deutschland Klimaanlagen fehlten. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass es bloss nicht zu viele von ihnen geben dürfe. Schliesslich verbrauchen sie sehr viel Strom und können die Aussentemperatur in Städten vor allem nachts um bis zu zwei Grad erhöhen.Zu viel Anpassung ist verdächtigZu viel Anpassung ist aber nicht nur wegen solch nachgewiesener Effekte verdächtig. Klimabeseelte Aktivisten treibt auch die Angst um, dass sie ihre Ziele gefährden könnte. Denn wenn die Menschen lernen, mit der Hitze zu leben, verliert der Kampf gegen die globale Erwärmung für sie womöglich an Dringlichkeit. Wer nicht hören will, soll seine Sünden offenbar im unklimatisierten 45-Grad-Fegefeuer büssen müssen. Bis er endlich erkennt, was zu tun ist.Dass es dabei nicht nur um Klimaschutz, sondern um einen tiefgreifenden Systemumbau geht, hat die amerikanische Anti-Globalisierungs-Ikone Naomi Klein schon vor einigen Jahren formuliert. Sie kritisiert Anpassung als Projekt von Eliten, die sich mit ihrer Hilfe den fatalen Folgen des Klimawandels entziehen können. Und als Chance für Konzerne, mit grossen Infrastrukturprojekten Geld zu verdienen. Es geht also vor allem um den Kampf gegen den verhassten Kapitalismus. Die Lösung heisst mehr Staat, mehr Lenkung. Und weniger wirtschaftliche Freiheit.Diese Haltung ignoriert nicht nur, wie sehr auch viele Unternehmen unter den Folgen des Klimawandels leiden. Sie konstruiert auch einen falschen Gegensatz. Anders als der Klimaschutz ist eine gewisse Anpassung an seine Folgen auch kurzfristig und vor allem national möglich. Die deutsche Politik muss nicht auf internationalen Konferenzen über mehr oder weniger verbindliche Ziele verhandeln, sondern kann einfach loslegen. Sie sollte es endlich tun.Passend zum Artikel