Investoren mischen gerade den Spitalmarkt auf – zum GlückDie Schweizer Spitäler sind noch immer zu träge. Bei finanziellen Problemen wird schnell nach Staatshilfe gerufen. Stattdessen braucht es mehr Unternehmergeist.12.08.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenEs lässt sich nicht wegdiskutieren: Das Schweizer Gesundheitswesen wird immer teurer. Und trotzdem stecken viele Spitäler in finanziellen Schwierigkeiten. Auf linker Seite ist der Fall klar: Schuld an den Problemen ist der Markt: «Der liberalisierte Schweizer Spitalmarkt gefährdet zunehmend unsere Gesundheitsversorgung», meint zum Beispiel die linke Wochenzeitung «WoZ» in einem Artikel mit dem Titel «Das Systemversagen». Damit spricht sie jenen Politikern aus der Seele, die gerne den angeblichen «Pseudowettbewerb» schmähen und das Heil in mehr Staat im Gesundheitswesen sehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Den Feinden des liberalisierten Markts könnte die Spitalkrise im Zürcher Oberland eigentlich als Mahnmal dienen. Das Spital Wetzikon, das 2009 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, hat sich gewaltig verzockt. Seit zwei Jahren kämpft die Spitalführung gegen den Konkurs, während aktivistische Investoren um die Zukunft dieser regionalen Institution «gamblen».Es wäre ein perfektes Symbol für das Scheitern des Markts – wenn die aktuellen Turbulenzen nicht gerade das Gegenteil beweisen würden. Dass nämlich mehr Markt und mehr unternehmerisches Denken helfen, die verkrusteten Strukturen im Gesundheitswesen aufzubrechen, um mit mehr Innovation und Effizienz die maroden Spitalfinanzen in den Griff zu bekommen.Nur eins von acht Spitälern erwirtschaftet genugEin gutes Drittel der Schweizer Gesundheitsausgaben von bald 100 Milliarden Franken pro Jahr fliesst in die Spitäler. In den letzten Jahren verzeichneten jedoch viele Krankenhäuser gewaltige Defizite, und einige nahmen staatliche Finanzspritzen in Anspruch. Die Lage hat sich inzwischen zwar etwas entspannt, aber auch die neuesten Zahlen stimmen nachdenklich: Gemäss einer Studie der Beratungsgesellschaft KPMG verdiente im vergangenen Jahr nur gerade eins von acht Spitälern genug, um künftige Investitionen nachhaltig zu finanzieren.Die Forderung von Spitälern nach höheren Tarifen ist zwar zum Teil berechtigt. Viele der finanziellen Probleme sind aber auch hausgemacht.Das gravierendste Problem ist die bauliche Erneuerung. Die meisten der heutigen Spitäler wurden während des Bevölkerungswachstums und des Baubooms der 1960er und 1970er Jahre gebaut. Sie sehen meist nicht nur scheusslich aus, sondern sind auch baufällig.Fast jedes Spital steckt deshalb mitten in einem grossen Erneuerungsprojekt oder ächzt unter der Last der Zinsen und Abschreibungen, welche die Neubauten verursacht haben. Denn seit 2012 die Spitalfinanzierung neu geregelt wurde, finanziert nicht mehr der Staat die Neubauten, die Betriebe müssen es selbst tun. Aber dazu erwirtschaften viele Spitäler schlicht zu wenig. Und so ist es kein Zufall, dass in den letzten Jahren diverse Spitäler nach staatlicher Hilfe gerufen haben.Das Problem sind nicht nur die zu geringen Erträge, sondern vor allem Fehlplanungen. Weil Spitäler nur etwa alle 40 Jahre grundlegend erneuert werden müssen, mangelt es den hiesigen Spitalführungen an der nötigen Erfahrung: Jeder baut nur einmal ein Spital. Und weil es einmalig ist, soll die Sache auch architektonisch einmalig werden. Rolf Zehnder, CEO der Thurgauer Spitalgruppe Thurmed, formulierte den gängigen Denkfehler von Spitalführungen einmal treffend so: «Zuerst macht man einen Architekturwettbewerb, dann füllt man den Bau mit einem Spital. Das gibt gute Architektur. Aber kein effizientes Spital.»Beispiele für solche Fehlplanungen gibt es zuhauf: das Zürcher Stadtspital Triemli, das sich als Bettenstation einen überdimensionierten Glaspalast hingestellt hat und unter den finanziellen Konsequenzen bis heute leidet. Das Zürcher Kinderspital, das auf prächtige Bauten von Herzog & de Meuron gesetzt hatte und dann Staatshilfe vom Kanton beanspruchte.Effizienz und Tragbarkeit solcher Megaprojekte scheinen bei der Planung zu oft eine untergeordnete Rolle zu spielen. Wohl auch im Vertrauen darauf, dass notfalls der Staat zu Hilfe eilt.So war es auch in Wetzikon. Das Spital hat 2014 am Kapitalmarkt 170 Millionen Franken für einen Neubau aufgenommen. Zehn Jahre später hätte es die Anleihe refinanzieren müssen. Weil das Spital finanziell nicht gut dastand, war aber niemand bereit, die Anleihe zu erneuern. Die Spitalführung klopfte schliesslich hilfesuchend beim Kanton an, wurde aber abgewiesen. Zu Recht entschied sich die Gesundheitsdirektion unter Regierungsrätin Natalie Rickli (SVP) dagegen, einem Spital aus der Patsche zu helfen, das sich selbst in seine missliche Lage gebracht hatte und für die Zürcher Gesundheitsversorgung nicht zwingend nötig ist.Die verblüffende Wende in WetzikonSeit gut zwei Jahren ist das Spital in Nachlassstundung und kämpft ums Überleben. Der nicht fertiggestellte Neubau steht als Monument des Scheiterns auf dem Spitalareal. Die Geschichte um das krisengeschüttelte Zürcher Oberländer Krankenhaus ist wendungsreich – und die spektakulärste nahm sie diesen Sommer: Plötzlich hatte das von einigen schon totgesagte Spital zwei Angebote auf dem Tisch.Das eine stammt von Swiss Medical Network (SMN), der zweitgrössten privaten Klinikgruppe der Schweiz. Das andere von der Spitalgruppe Thurmed, die dem Kanton Thurgau gehört. Es sind noch nicht alle Details der Offerten bekannt, eins haben der private und der staatliche Anbieter aber gemein: Beide wollen dafür sorgen, dass das Spital Wetzikon an einen grösseren Verbund angeschlossen wird. Daraus erhoffen sich beide Effizienzgewinne, welche den Betrieb profitabel genug machen würden.Es wäre die Ironie dieser Geschichte, wenn es mit dem Spitalverbund nun auf diesem Weg klappen würde. Schon seit geraumer Zeit ist im Osten des Kantons von einem Verbund die Rede, und Wetzikon stand mit dem Spital Uster einmal sogar kurz vor der Fusion. Mehr als zaghafte Schritte zur engeren Kooperation hat es bisher aber nicht gegeben. Ähnlich ist es in vielen Regionen der Schweiz.Und dies, obwohl mit Kooperationen Kosten gespart werden könnten – zum Beispiel bei der gemeinsamen Materialbeschaffung zu günstigeren Konditionen. Doch 30 Prozent der Spitäler arbeiten weder bei der Beschaffung von medizinischem Material noch bei der Beschaffung von nichtmedizinischen Gütern mit anderen Spitälern zusammen. KPMG schätzt das Sparpotenzial bei den Sachkosten auf rund 5 bis 10 Prozent. Damit liessen sich beim gegenwärtigen Volumen eine halbe bis eine ganze Milliarde Franken einsparen. Ebenso wären stärkere Kooperationen in der IT möglich.Der Nutzen liegt auf der Hand. Und doch bewegen sich viele Spitäler nicht oder nur langsam – weil sie nicht müssen oder in komplexen Eigentümerstrukturen eingeschnürt sind.In Wetzikon zeigt sich gerade, dass unter finanziellem Druck und mit agilen Playern mehr möglich wäre. Der Markt ist hier nicht das Problem, er ist die Lösung.In welche Richtung es am Ende im Fall des Krisenspitals gehen wird, wird sich im Spätherbst entscheiden.Die Thurgauer profitieren von ihrem Vertrauen in den MarktFür das Swiss Medical Network wäre es nicht die erste Rettungsaktion. Die sonst vor allem in der Westschweiz aktive Firma hat vor anderthalb Jahren vom Kantonsspital Aargau das angeschlagene Spital Zofingen übernommen. Die Gruppe ist auf Expansionskurs und kann dank ihrer Grösse Skaleneffekte nutzen. Zudem bringt sie neue Ideen in den Markt ein.So fokussiert sich die Gruppe voll auf den Betrieb der Spitäler. Die Immobilien überlässt sie der darauf spezialisierten Schwesterfirma. Von dieser mietet sie das Gebäude. Genau dies tut seit diesem Sommer auch das See-Spital in Horgen. Solche Sale-and-lease-back-Strategien sind in den USA weit verbreitet. Ob sie sich auch hierzulande durchsetzen, werden die nächsten Jahre zeigen.SMN versucht derweil, die Kosten im Gesundheitswesen mit weiteren Ideen zu senken. So hat die Gruppe zusammen mit der Krankenkasse Visana im Spital Berner Jura ein innovatives Modell gestartet. Die finanziellen Anreize sollen dabei so gesetzt werden, dass die Gesunderhaltung der Patienten und die Effizienz belohnt werden. Im Gegensatz zum heutigen Modell, bei dem Behandlungen einzeln vergütet werden und damit der Anreiz besteht, möglichst viele medizinische Leistungen zu erbringen. Erste Zahlen dieses Versuchs sind ermutigend, die Sache steckt aber noch in ihren Anfängen. Was das Beispiel aber sicher zeigt: Ein liberalisierter Markt kann Innovationen hervorbringen, die eigentlich auch linken Politikern gefallen müssten.Nicht nur Private agieren innovativ. Der Thurmed-Gruppe gelingt es seit Jahren, mit kreativen Modellen ihre Effizienz zu steigern und wirtschaftlich erfolgreich zu arbeiten. So hat sie ihre Immobilien ebenfalls an eine Tochterfirma ausgelagert. Die unrentable Spitalwäscherei hat sie an ein französisches Unternehmen verkauft und die Radiologieabteilungen fusioniert. Mit dieser Konzentration kann sie hohe Qualität zu geringen Kosten liefern.Möglich ist das alles nur, weil der Kanton Thurgau seine Spitäler an der langen Leine lässt. Schon vor 25 Jahren wurden alle Spitäler, die Psychiatrie und die Reha-Kliniken in eine Aktiengesellschaft ausgelagert. Die Thurmed-Gruppe kann selbst entscheiden, welche Geschäftseinheiten sie aufbaut, schliesst oder verkauft.Das Vertrauen in den liberalen Spitalmarkt lohnt sich auch für den Staat. Während andere Kantone die Löcher ihrer Spitäler stopfen, liefert Thurmed im Thurgau Dividenden in Millionenhöhe ab.Passend zum Artikel
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