Schweizer Spitäler brauchen Geld – Infracore macht daraus ein GeschäftsmodellDer Westschweizer Unternehmer Antoine Hubert hat in seiner Klinikgruppe Spitalbetrieb und Liegenschaften schon vor langem getrennt. Nun bringt er die Immobiliengesellschaft an die Börse – und zeigt, wie aus den Finanzierungsproblemen von Spitälern eine neue Anlageklasse entsteht.09.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDen Innenausbau müssen Spitäler im Sale-and-Leaseback-Modell selber finanzieren, auch wenn sie nur noch Mieter sind.Karin Hofer / NZZSeit einiger Zeit stehen Schweizer Spitäler vermehrt aus finanziellen Gründen in den Schlagzeilen. Das bekannteste Beispiel ist das Spital Wetzikon. Es konnte eine Anleihe über 170 Millionen Franken nicht wie geplant refinanzieren. Weil der Kanton nicht helfen wollte, befindet sich das Spital derzeit in Nachlassstundung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch das See-Spital Horgen musste wegen einer fälligen Anleihe handeln. Es hat seine Immobilien verkauft und mietet sie langfristig zurück. Diese Art von Geschäft wird als Sale-and-Leaseback bezeichnet.Spitalgebäude als AnlageDie Käuferin der Liegenschaft des See-Spitals ist Infracore. Die Schweizer Immobiliengesellschaft ist bis jetzt nur wenigen bekannt. Doch das dürfte sich ändern: Ab Donnerstag ist Infracore an der Schweizer Börse SIX kotiert.Die Gesellschaft entstand im Umfeld von Aevis Victoria. Die vom Westschweizer Unternehmer Antoine Hubert gegründete Beteiligungsgesellschaft ist im Gesundheitswesen und im Hotelgewerbe tätig. Dazu zählen Luxushotels wie das «Victoria-Jungfrau» in Interlaken oder das «La Réserve Eden au Lac Zurich» ebenso wie Swiss Medical Network, die nach Hirslanden zweitgrösste private Klinikgruppe der Schweiz.Hubert trennte in seinem Gesundheitsportfolio schon früh den operativen Spitalbetrieb von den Immobilien. Die Gesundheitsliegenschaften wurden in einer eigenen Gesellschaft gebündelt, die 2015 in Infracore umbenannt und 2019 verselbständigt wurde. In dieser Zeit kam der amerikanische Spitalimmobilienkonzern Medical Properties Trust, kurz MPT, als bedeutender Aktionär ins Spiel.Bisher hielt Aevis Victoria einen Anteil von 30 Prozent an Infracore, MPT die übrigen 70 Prozent. Beim Börsengang gehen 25 bis 30 Prozent der Aktien in Streubesitz. MPT wird weiterhin knapp die Hälfte der Aktien halten, Aevis Victoria gut 22 Prozent.Ab dem 9. Juli werden die Aktien an der SIX unter dem Ticker Infrac gehandelt. Der Preis pro Aktie liegt bei 54 Franken. Daraus ergibt sich eine Marktkapitalisierung von 826 Millionen Franken.Günstiges ZeitfensterIn den USA ist das Sale-and-Leaseback bei Spitalimmobilien seit längerem etabliert. In der Schweiz war das Modell bisher weniger verbreitet, vor allem bei öffentlichen Häusern. Das wird sich jetzt ändern. Seit der Reform der Spitalfinanzierung müssen Spitäler ihre Gebäudeinvestitionen stärker selbst finanzieren.Viele haben dafür Anleihen ausgegeben. Lange galten diese als sichere Anlagen, da Investoren im Ernstfall mit Unterstützung durch die öffentliche Hand rechneten. Der Fall Wetzikon erschütterte diese Gewissheit. Weitere Anleihen laufen nun aus – in einem Umfeld, in dem es für Spitäler deutlich schwieriger ist, neues Geld zu bekommen.Für Infracore öffnet sich damit ein Zeitfenster: Je knapper die Finanzierung der Spitäler wird, desto eher kommt der Verkauf der eigenen Immobilien infrage. Der Börsengang soll Infracore das Eigenkapital verschaffen, um solche Transaktionen zu finanzieren. Nach Angaben von Marktteilnehmern prüfte Infracore im vergangenen Jahr zunächst ebenfalls eine grössere Fremdfinanzierung; die Transaktion kam jedoch offenbar nicht zustande.Das Portfolio umfasst derzeit 47 Immobilien an 19 Standorten in der Schweiz. Der Portfoliowert liegt bei rund 1,4 Milliarden Franken. Ende 2025 lag der Leerstand lediglich bei 1,3 Prozent. Zudem stammen 94,4 Prozent der jährlichen Mieteinnahmen aus Verträgen, die mehr als zehn Jahre Restlaufzeit haben und an die Inflation angepasst sind. Das macht die Einnahmen gut planbar.Für einmal nicht Lage, Lage, LageDoch Spitalimmobilien sind keine gewöhnlichen Liegenschaften. Ihr Wert ist weniger von der Lage als von den bestehenden Mietern abhängig. Wenn in einem Bürohaus ein Mieter auszieht, ist das meist kein Problem. Bei einem Spital ist das schwieriger: Operationssäle, Patientenzimmer und technische Anlagen sind auf einen bestimmten Betrieb ausgerichtet. Zudem stehen solche Gebäude häufig in Zonen für öffentliche Bauten und Anlagen. Entscheidend ist deshalb die Zahlungsfähigkeit der Mieter.Infracore ist stark von wenigen Mietern abhängig. Im Jahr 2025 machten die fünf grössten Mieter 89,8 Prozent der Mieteinnahmen aus. Viele Kliniken von Swiss Medical Network nutzen Gebäude, die Infracore gehören. Das Schicksal von Infracore ist damit zumindest vorerst eng mit jenem von Huberts Spitälern verbunden.Hinzu kommt ein Governance-Thema: Antoine Hubert ist Vizepräsident von Infracore, zugleich aber auch Executive Chairman und Hauptaktionär von Aevis Victoria, die Swiss Medical Network kontrolliert. Bei Mietverträgen, Investitionen oder Mietanpassungen können die Interessen von Eigentümerin und Betreiberin auseinanderlaufen. Der Börsenprospekt weist ausdrücklich auf solche Interessenkonflikte hin.Auch die Finanzierung bleibt anspruchsvoll. Wie Infracore im Börsenprospekt ebenfalls festhält, ist das Geschäft kapitalintensiv. Spitäler sind spezialisierte Gebäude, die hohe bauliche und regulatorische Anforderungen erfüllen müssen. Bislang finanzierte sich Infracore vor allem über hypothekarisch gesicherte Kredite von Schweizer Banken und institutionellen Geldgebern sowie über Gesellschafterdarlehen.Ein grosser Teil der Bankfinanzierung basiert auf variablen Zinsen. Steigende Zinsen, Inflation und angespannte Kreditmärkte treffen das Modell deshalb direkt: Sie verteuern die Refinanzierung, engen den Spielraum bei Kreditbedingungen ein und können auf die Bewertungen drücken. Mit dem Börsengang stärkt Infracore ihre Kapitalbasis. Erwartet wird ein Nettoerlös von rund 194 Millionen Franken.Lösung in Wetzikon ohne InfracoreDas See-Spital in Horgen hat mit Infracore eine Lösung gefunden. In Wetzikon, wo die Nachlassstundung noch läuft, zeichnet sich ebenfalls eine Neuordnung ab. Dort würde allerdings nicht Infracore die Liegenschaften übernehmen, sondern eine amerikanische Investmentgesellschaft namens Kawa. Antoine Hubert wäre dennoch involviert: Swiss Medical Network wird vielleicht den Spitalbetrieb führen. Ob Infracore später ebenfalls eine Rolle spielt, ist offen.Passend zum Artikel
Infracore geht an die Börse – und macht Spitalgebäude zum Anlageprodukt
Der Westschweizer Unternehmer Antoine Hubert hat in seiner Klinikgruppe Spitalbetrieb und Liegenschaften schon vor langem getrennt. Nun bringt er die Immobiliengesellschaft an die Börse – und zeigt, wie aus den Finanzierungsproblemen von Spitälern eine neue Anlageklasse entsteht.







