In den USA fordern viele eine Abkehr vom jüdischen Staat. Politik, Wirtschaft und Militär in Israel bereiten sich darauf vor – und entdecken neue Chancen.Richard C. Schneider12.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenJerusalem im April. Trump habe geliefert, sagt zumindest ein Plakat. Israel ist hochgradig abhängig von den USA.Matteo Placucci / ImagoÜber Jahrzehnte war die strategische Partnerschaft mit den USA die Basis der Sicherheit Israels. Washington garantierte mit seinen besten Waffensystemen Israel die qualitative militärische Überlegenheit im Nahen Osten und schützte den jüdischen Staat mit seinem Vetorecht im Uno-Sicherheitsrat immer wieder vor internationaler Verurteilung. Die Beziehungen wurden von beiden Seiten stets als «ironclad» bezeichnet, als unerschütterlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch dem ist nicht mehr so. Erstmals stellen sowohl Demokraten als auch Republikaner den Sonderstatus Israels infrage.Die Kriege in Gaza und gegen Iran haben den Stimmungswandel ausgelöst. Seit Monaten wächst bei den Demokraten die Kritik an der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Ein Symbol dafür war jüngst die Abstimmung im amerikanischen Kongress, bei der 103 demokratische Abgeordnete gegen die Militärhilfe für Israel stimmten. Ein Ergebnis, das vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.An amerikanischen Universitäten prägen antizionistische Proteste die akademische Debatte, immer häufiger sprechen sich progressive Politiker offen gegen Israel aus. New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani wollte Netanyahu gar verhaften lassen, wenn dieser zur Uno-Vollversammlung im Herbst in die Stadt kommt, und ihn dann an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen mutmasslicher Kriegsverbrechen ausliefern. Dass er dafür keinerlei rechtliche Handhabe hat, weiss Mamdani, doch ihm geht es darum, das antizionistische Ressentiment seiner Anhänger zu bedienen.Doch auch bei den Republikanern ändert sich der Kurs. Ein Teil der Maga-Bewegung macht inzwischen Israel dafür verantwortlich, dass der amerikanische Präsident Donald Trump den Krieg gegen Iran begonnen hat. Sie sind wütend über die gestiegenen Lebenshaltungskosten und darüber, dass der Präsident sich nicht primär um die amerikanischen Bürger kümmert. Sogar Vizepräsident J. D. Vance kritisierte Netanyahu kürzlich ungewöhnlich scharf und machte deutlich, dass die amerikanische Unterstützung kein Freibrief mehr sei.Ein unmittelbarer Bruch zwischen den beiden Alliierten ist zwar vorerst nicht zu erwarten. Doch zunehmend löst sich der parteiübergreifende Konsens zur Unterstützung Israels auf. Für Jerusalem wird das negative Folgen haben und zugleich neue Chancen für Militär, Aussenpolitik und Wirtschaft bieten.Militärische KooperationKaum ein Bereich zeigt Israels Abhängigkeit von den USA deutlicher als die Rüstungskooperation. Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 lieferte Washington innerhalb weniger Monate riesige Mengen an Munition, Präzisionsbomben und sonstiger militärischer Ausrüstung nach Israel. Als die Biden-Regierung 2024 dann bestimmte Bombenlieferungen stoppte, wurde der israelischen Führung vor Augen geführt, wie verletzlich diese Abhängigkeit macht.Die Konsequenz in Jerusalem war ein Strategiewechsel. Israel investiert seither Milliarden in den Ausbau seiner Verteidigungsindustrie. Die Produktion von Munition und Präzisionswaffen wird massiv ausgeweitet, gleichzeitig fliessen weiterhin hohe Summen in neue Technologien wie Laserabwehr, Drohnen, künstliche Intelligenz und automatisierte Waffensysteme. Demnächst soll auch die Eigenproduktion von JDAMs beginnen, einer technologischen Ausrüstung, die es Bomben ermöglicht, vorher eingegebene Zielkoordinaten mit grösster Präzision zu treffen. So will Israel deutlich weniger von ausländischen Lieferungen abhängig sein und gleichzeitig die Exportfähigkeit der heimischen Industrie ausbauen.Bereits heute gehören Unternehmen wie Rafael, Israel Aerospace Industries (IAI) und Elbit zu den führenden Rüstungskonzernen der Welt. Systeme wie Iron Dome, Arrow oder künftig der lasergesteuerte Iron Beam stossen international auf grosses Interesse und verschaffen Israel zusätzliche finanzielle Möglichkeiten auf dem Weg hin zu mehr Unabhängigkeit.Netanyahu hat mit seiner Ankündigung, die jährliche Militärhilfe der USA mit 3,8 Milliarden Dollar allmählich auslaufen zu lassen, auf die atmosphärischen Veränderungen in den USA reagiert. Neue Verhandlungen werden sich auf eine Intensivierung der Zusammenarbeit im Forschungs- und Entwicklungsbereich fokussieren. Diese existiert bereits seit Jahrzehnten, und Israel weiss, dass es auf diesem Gebiet ein ebenbürtiger Partner für die USA ist. Das technologische Fachwissen der Israeli hilft den Amerikanern bei der Entwicklung neuester Waffen ebenso wie umgekehrt.Dennoch hat die neue Strategie der israelischen Eigenständigkeit Grenzen. Kampfflugzeuge wie die F-35, Kampfhelikopter, Triebwerke oder bestimmte elektronische Komponenten lassen sich nicht vollständig ersetzen. Israel wird darauf angewiesen sein, solche Systeme weiterhin in den USA kaufen zu können. Dann allerdings aus eigenen Haushaltsmitteln.Realistisch ist deshalb nicht der Abschied von den USA, sondern eine neue Arbeitsteilung: Israel wird bei Munition, Raketen, Luftverteidigung und Hochtechnologie erheblich unabhängiger, bleibt bei einzelnen Schlüsseltechnologien jedoch eng mit der amerikanischen Rüstungsindustrie verbunden. Das ist für beide Länder von Vorteil.DiplomatieSchwerwiegender als Einschränkungen bei den Waffenlieferungen wäre der Verlust des diplomatischen Rückhalts. Denn die USA schützen Israel im Uno-Sicherheitsrat mit ihrem Veto vor Resolutionen, Sanktionen oder internationalen Strafmassnahmen. Ohne ein amerikanisches Veto könnte Israel im Sicherheitsrat leichter verurteilt werden, zugleich würde die vollwertige Anerkennung eines palästinensischen Staates auf Uno-Ebene wahrscheinlicher werden. Der aussenpolitische Druck auf Israel würde erheblich steigen.Deshalb bemüht sich Jerusalem seit Jahren um eine breitere aussenpolitische Ausrichtung. Europa bleibt wirtschaftlich und technologisch ein unentbehrlicher Partner. Gleichzeitig zeigt der Gaza-Krieg jedoch einmal mehr, dass Europa in Sachen Israel tief gespalten ist. Während einige Staaten Israel weiterhin deutlich unterstützen, wächst die Zahl derer, die Konsequenzen gegen Israels politisches und militärisches Vorgehen fordern. Die EU könnte daher die momentane Rolle der USA als diplomatischer Rückhalt für Israel niemals übernehmen.Grosse Bedeutung gewinnt dagegen Indien. Unter Premierminister Narendra Modi haben sich die Beziehungen erheblich vertieft. Indien zählt inzwischen zu den wichtigsten Käufern israelischer Rüstungstechnologie, gleichzeitig entstehen immer mehr gemeinsame Entwicklungsprojekte. Auch die Golfstaaten sind durch die Abraham-Abkommen wichtige Partner geworden. Die gemeinsame Sorge wegen Iran schafft auch jetzt noch eine sicherheitspolitische Interessenlage, die vor wenigen Jahren unmöglich gewesen wäre.Doch weder Indien noch Europa noch die Golfstaaten verfügen über den globalen politischen Einfluss der USA. Sie können Israels internationale Position stärken, aber Washington nicht ersetzen.WirtschaftDie USA sind Israels wichtigster Handelspartner und die grösste Quelle ausländischer Investitionen, insbesondere im Hightech-Sektor. Noch kommen jährlich die rund 3,8 Milliarden Dollar Militärhilfe dazu. Ihr Versiegen ist für Israel tatsächlich verkraftbar. Israels Bruttoinlandprodukt liegt inzwischen bei mehr als 600 Milliarden Dollar, die amerikanische Militärhilfe entspricht also weniger als einem Prozent der Wirtschaftsleistung.Selbstverständlich sehen in Israel manche das Ende der Militärhilfe skeptisch. Befürworter argumentieren jedoch, dass die bisherige Hilfe vor allem an Einkäufe bei amerikanischen Herstellern gebunden gewesen sei. Zukünftig könnte man Milliarden in die heimische Industrie investieren, noch mehr Innovationen fördern und viele neue Arbeitsplätze schaffen. Was Israel als einem der sowieso schon weltweit führenden Exporteure moderner Rüstungstechnologie weitere Möglichkeiten bescheren dürfte.Und doch dürfen die Risiken einer politischen Entfremdung mit den USA nicht unterschätzt werden. Sie könnte amerikanische Investoren verunsichern. Israel als Innovationsstandort ist eng mit amerikanischem Kapital, Forschungszentren und Technologieunternehmen wie Nvidia, Apple oder Microsoft verflochten. All dies liesse sich kurzfristig nicht ersetzen.Die Beziehung verändert sichIsrael werden die USA nicht von heute auf morgen verlieren. Sie brauchen sich gegenseitig. Im Moment verändert sich lediglich die politische Grundlage dieser Allianz.Die Beziehung beider Länder transformiert sich von einer traditionellen Abhängigkeit hin zu einer schrittweisen Partnerschaft auf Augenhöhe. Ob dieser Übergang gelingt oder ob sich die politische Entfremdung in den USA schneller vollzieht, als sich Israel anpassen kann, könnte zu den wichtigsten geopolitischen Fragen der kommenden Jahre gehören.Passend zum Artikel
Was passiert mit Israel, wenn es die Unterstützung der USA verliert?
In den USA fordern viele eine Abkehr vom jüdischen Staat. Politik, Wirtschaft und Militär in Israel bereiten sich darauf vor – und entdecken neue Chancen.






