Donald Trump will ein Abkommen mit Iran erzwingen – ignoriert er dabei Israels Interessen?Während Washington mit Teheran verhandelt, scheint Jerusalem an der Seitenlinie zu stehen. Dort fürchtet man eine voreilige Einigung, die ernsthafte Konsequenzen für Israels Sicherheit haben könnte.28.05.2026, 16.59 Uhr4 LeseminutenBenjamin Netanyahu steht unter Druck: Der israelische Ministerpräsident spielt in den Verhandlungen mit Iran kaum eine Rolle.EPAZum zweiten Mal in dieser Woche haben sich die USA und Iran in der Nacht auf Donnerstag einen militärischen Schlagabtausch geliefert. Zunächst hatte Teheran offenbar das Feuer auf vier Schiffe in der Strasse von Hormuz eröffnet, worauf die Amerikaner Ziele in der Nähe der Stadt Bandar Abbas bombardierten. Danach soll Iran Raketen und Drohnen auf eine amerikanische Basis in Kuwait abgefeuert haben. Bereits am Montagabend hatten die USA Angriffe auf Südiran geflogen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es handelte sich dabei um die bisher heftigsten Zusammenstösse während einer ohnehin fragilen Waffenruhe, die seit bald zwei Monaten in Kraft ist. Dennoch scheinen sowohl Washington als auch Teheran vorerst an der Feuerpause festhalten zu wollen, während weiterhin über ein Abkommen für ein Kriegsende verhandelt wird. So berichtete die amerikanische Plattform «Axios» am Donnerstag, dass die Unterhändler angeblich eine Einigung erzielt hätten, Trumps Zustimmung dazu aber noch ausstehe.Dabei sticht ins Auge, dass eine der Kriegsparteien nicht in den diplomatischen Prozess involviert ist: Israel. Dabei hatte der jüdische Staat am 28. Februar diesen Krieg gemeinsam mit den USA begonnen und immer wieder die hervorragende Kooperation mit Washington betont. Nun jedoch häufen sich die Berichte, wonach Jerusalem in den Verhandlungen nichts zu melden habe – und stattdessen einen Diktatfrieden befürchte, in dem Iran wieder erstarken könnte. Die Frage stellt sich: Hört Donald Trump noch auf Israel?Israels BedenkenVor wenigen Tagen berichtete die «New York Times» unter Berufung auf israelische Quellen, dass die Regierung von Benjamin Netanyahu fast vollständig aus dem Verhandlungsprozess ausgeschlossen sei und zudem von Washington kaum über die Entwicklungen in den Gesprächen informiert werde. Laut Reuters soll der israelische Ministerpräsident in privaten Gesprächen eingestanden haben, dass er kaum mehr Einfluss auf den amerikanischen Präsidenten habe.Gegenüber dem Portal «Al-Monitor» gab derweil ein hochrangiger israelischer Sicherheitsbeamter an, dass man dafür bete, dass die USA das derzeit diskutierte Abkommen nicht unterzeichneten – andernfalls werde Iran siegreich aus diesem Krieg hervorgehen.Solche Bedenken sind durchaus nachvollziehbar: So soll das iranische Nuklearprogramm laut mehreren übereinstimmenden Berichten erst in einer zweiten Phase verhandelt werden, während die USA bereits davor eingefrorene iranische Vermögenswerte in Milliardenhöhe freigeben würden. Das Raketenprogramm Teherans und dessen Unterstützung für islamistische Milizen im Nahen Osten scheinen derzeit gar nicht erst Teil der Gespräche zu sein.Fest steht, dass die sicherheitspolitischen Implikationen eines wie auch immer gearteten Abkommens Israel sehr viel direkter betreffen würden als die USA. Der jüdische Staat liegt in Reichweite der iranischen Raketen und ist zudem umringt von – wenn auch geschwächten – proiranischen Milizen wie dem libanesischen Hizbullah und der Hamas.Neue Angriffe in LibanonEs ist nicht so, dass der Gesprächsfaden zwischen Jerusalem und Washington abgerissen wäre. In den vergangenen zwölf Tagen haben Donald Trump und Benjamin Netanyahu mindestens vier Mal miteinander telefoniert, zuletzt am Dienstag. Nach einem der jüngsten Gespräche schrieb Netanyahu: «Präsident Trump und ich sind uns einig, dass jedes endgültige Abkommen mit Iran die nukleare Gefahr beseitigen muss.» Und: Nie zuvor sei die Partnerschaft mit den USA stärker gewesen.Trump hingegen scheint ein anderes Verständnis von Partnerschaft zu haben. Im Anschluss an ein Telefonat am 19. Mai sagte der amerikanische Präsident über Netanyahu: «Er wird tun, was ich von ihm verlange.» An jenem Tag hatte Trump Netanyahu laut Berichten über eine geplante Absichtserklärung informiert, die den Krieg formell beenden würde. Nach dem Gespräch, in dem sich die beiden Politiker nicht einig geworden seien, sei Netanyahu rasend gewesen, wie «Axios» unter Berufung auf einen amerikanischen Beamten berichtete.Insgesamt seien die Beziehungen zwischen Trump und Netanyahu weiterhin positiv, sagt Nimrod Goren, Präsident von Mitvim, einer israelischen Denkfabrik für Aussenpolitik. «Die Kooperation der beiden Staatschefs hat in den Kriegen gegen Iran gut funktioniert. Aber es gibt natürlich Divergenzen.» Und das nicht zum ersten Mal: Trump habe Netanyahu bereits mehrfach vor vollendete Tatsachen gestellt, etwa mit der Waffenruhe mit den Huthi in Jemen, der Aufhebung von Sanktionen gegen die syrische Regierung oder auch mit dem Friedensplan für den Gazastreifen. «Trump schreibt Israel vor, was es zu tun hat. Und Netanyahu spielt mit, auch wenn er nicht glücklich darüber ist», sagt Goren.Trotz den Differenzen in Bezug auf Iran gewähre Trump Netanyahu im Sinne von «Geben und Nehmen» immer wieder Handlungsspielraum an anderen Fronten, gibt Goren zu bedenken. Tatsächlich hat Israel jüngst seine Bodenoffensive in Libanon ausgeweitet, nachdem Washington offenbar grünes Licht gegeben hatte. Und am Donnerstag bombardierte die israelische Luftwaffe zum ersten Mal seit Wochen wieder einen Vorort der libanesischen Hauptstadt Beirut.Netanyahu muss sich Wahlen stellenDennoch entsteht der Eindruck, dass Israel derzeit kaum eigenständige aussenpolitische Entscheidungen treffen kann. Doch auch das sei keine wirklich neue Situation, sagt Goren. Schon in der Suezkrise von 1956 habe sich Israel nach einer amerikanischen Intervention aus Ägypten zurückziehen müssen. «In der Allianz mit den USA geniesst Israel keine wirkliche Handlungsfreiheit.»Und doch scheint sich nun etwas geändert zu haben. So äusserte Netanyahu in der Vergangenheit mehrfach öffentlich Kritik an der Israel-Politik von Trumps Vorgänger Joe Biden. Und als Barack Obama 2015 mit Iran über ein Atomabkommen verhandelte, trat der israelische Ministerpräsident vor dem Kongress in Washington auf und warnte die Abgeordneten (vergeblich) vor einem solchen Schritt. Nun aber bleibt Netanyahu stumm – trotz den Bedenken über ein voreiliges Abkommen.Nimrod Goren geht davon aus, dass das nicht zuletzt innenpolitische Gründe hat: «Netanyahu will unbedingt, dass Trump ihn im Wahlkampf unterstützt.» Spätestens im Oktober wird in Israel gewählt – und dabei dürfte es für Netanyahu laut Umfragen eng werden. Doch bis dahin muss er weiterhin darauf hoffen, dass Trump Israels Interessen in den Verhandlungen mit Teheran berücksichtigt.Passend zum Artikel