Netanyahu ignoriert mit dem Gegenangriff auf Iran den Willen Trumps. Warum hat er das getan?Trump sucht einen Ausweg, Netanyahu sieht sich bedroht. Diese Tage könnten über die Zukunft der israelisch-amerikanischen Beziehungen entscheiden.Richard C. Schneider09.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDa war die Stimmung zwischen den beiden noch besser: Benjamin Netanyahu und Donald Trump kurz vor Silvester auf Trumps Anwesen Mar-a-Lago.Jonathan Ernst / ReutersVor hundert Tagen schien die Welt noch etwas übersichtlicher. Donald Trump und Benjamin Netanyahu standen Schulter an Schulter, die USA und Israel führten gemeinsam Krieg gegen Iran. Die Ziele waren ehrgeizig: Das iranische Atomprogramm sollte gestoppt, die Raketenindustrie geschwächt, der von Teheran unterstützte islamistische Hizbullah in Libanon entscheidend getroffen und die Voraussetzungen für einen Machtwechsel in Teheran geschaffen werden. Heute ist von dieser strategischen Einigkeit nur noch wenig übrig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während Trump einen Ausweg aus dem Konflikt sucht, sieht Israel keinen Weg zurück. Netanyahu ist offenbar dazu bereit, selbst direkte Forderungen des amerikanischen Präsidenten zu ignorieren. Trump hatte nach den iranischen Raketenangriffen auf Israel am Sonntagabend laut dem Nachrichtenportal «Axios» Netanyahu aufgefordert, keine Vergeltung zu üben. In einem Interview mit der «Financial Times» sagte der amerikanische Präsident, dass Netanyahu keine andere Wahl habe, als jedes Abkommen, das er schliessen werde, zu akzeptieren. Trump sagte: «Ich gebe die Richtung vor, ich entscheide alles. Er entscheidet nichts.»Trotzdem befahl Netanyahu den Gegenangriff auf Iran. Dies könnte in diesem Krieg einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Israel und den USA bedeuten. Nicht weil es Meinungsverschiedenheiten gibt, die hat es immer gegeben. Sondern weil sich die strategischen Interessen der beiden Staaten grundlegend auseinanderentwickelt haben: Während Trump Ruhe braucht, will Netanyahu Abschreckung.Die amerikanische und die israelische SichtweiseAus amerikanischer Sicht ist der Krieg zunehmend ein Problem. Trump hatte gehofft, die militärische Kampagne werde Iran schnell an den Verhandlungstisch zwingen. Stattdessen zieht sich der Konflikt hin. Das Regime in Teheran ist noch immer an der Macht. Die Verhandlungen stocken. Die Strasse von Hormuz bleibt ein Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft. Hinzu kommen innenpolitische Zwänge. Trump will vor den Zwischenwahlen (Midterms) Erfolge präsentieren. Er möchte als Dealmaker in Erinnerung bleiben, nicht als Präsident eines weiteren endlosen Konflikts im Nahen Osten.Deshalb drängt Washington auf Deeskalation. Israel betrachtet die Lage völlig anders.Für Jerusalem geht es nicht um einen regionalen Konflikt unter vielen, sondern um eine existenzielle Frage. Die israelische Sicherheitsdoktrin basiert seit der Staatsgründung auf dem Prinzip der Abschreckung. Ein Staat ohne strategische Tiefe kann es sich nach israelischem Verständnis nicht leisten, Angriffe unbeantwortet zu lassen. Der Krieg muss tief in Feindesland getragen werden. Wird ein iranischer Raketenangriff nicht beantwortet, ist dies aus israelischer Sicht ein Signal der Schwäche.Genau deshalb geniesst Netanyahu in dieser Frage weit mehr politischen Rückhalt, als viele seiner Kritiker im Ausland vermuten. In der Frage der Abschreckung denkt ein Grossteil der israelischen Politiker ähnlich. Kaum ein Oppositionsführer würde öffentlich vertreten, dass Israel direkte iranische Angriffe einfach hinnehmen sollte, weil Washington dies so will.Israel und die USA haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der Krieg enden soll. Für Trump scheint die Priorität darin zu bestehen, irgendeine Form von Vereinbarung mit Teheran zu erreichen. Für Israel ist dagegen entscheidend, wie genau das Abkommen ausgestaltet ist.Besonders deutlich wird dies an Libanon.Die israelische Strategie in LibanonJerusalem betrachtet den Hizbullah als die gefährlichste Bedrohung an seiner Nordgrenze. Die Organisation verfügt über ein grosses Raketenarsenal, über erhebliche Kampferfahrung und über glasfasergesteuerte Drohnen, auf die Israels Armee noch keine Antwort gefunden hat. Aus israelischer Sicht wäre es deshalb ein strategischer Fehler, die Zukunft des Hizbullah mit einem amerikanisch-iranischen Deal zu verknüpfen. Dies würde Israels Fähigkeit, sich im Norden zu schützen, massiv einschränken, so zumindest die Überzeugung in Jerusalem.Doch die iranische Führung hat ein Interesse daran, ihre regionalen Verbündeten als Teil eines Gesamtpakets zu behandeln. Eine Vereinbarung mit den USA soll nach iranischer Vorstellung auch das Überleben des Hizbullah sichern. Für Israel ist das inakzeptabel.Netanyahu versucht deshalb seit Wochen, das Schlachtfeld in Libanon vom Schlachtfeld in Iran zu trennen. Die israelische Führung will verhindern, dass die Zukunft des Hizbullah am Verhandlungstisch zwischen Washington und Teheran entschieden wird. Israel möchte die Organisation militärisch schwächen, bevor irgendein diplomatischer Prozess ihre Position einfriert.Vor diesem Hintergrund erhält selbst ein vor wenigen Tagen ausgeführter Angriff auf Dahiyeh, die Hochburg des Hizbullah in Beirut, enorme politische Bedeutung. Militärisch mag der Schlag begrenzt gewesen sein. Symbolisch war er eine Botschaft. Auch an Iran. Israel wollte zeigen, dass es seine Handlungsfreiheit nicht aufgibt. Erst recht nicht, nachdem der Hizbullah wieder Raketen auf Israel abgefeuert hatte.Trump und Netanyahu streiten sichNatürlich weiss Netanyahu, dass er Trump nicht dauerhaft ignorieren kann. Aber er weiss auch, dass die USA Israel nicht einfach fallenlassen werden. Die Spannungen zwischen Netanyahu und Trump sind unübersehbar. In einem Telefonat soll Trump Netanyahu kürzlich ungewöhnlich scharf kritisiert haben. Trump ärgert sich offenbar darüber, dass Netanyahu immer wieder militärische Tatsachen schafft, während Washington versucht, einen diplomatischen Ausweg zu finden.Netanyahu hat seine eigenen Zwänge. In Israel wird im Herbst ein Parlament gewählt. Der Ministerpräsident muss seinen Wählern zeigen, dass die enormen Kosten des Krieges nicht vergeblich waren. Nach Monaten der Kämpfe wäre es politisch verheerend, wenn am Ende eine amerikanisch-iranische Vereinbarung stünde, die den Hizbullah überleben lässt, Teheran wirtschaftliche Erleichterungen verschafft und das Atomprogramm bestehen lässt.Noch gravierender wäre das Bild eines Ministerpräsidenten, der auf amerikanischen Befehl hin die Waffen beiseitelegt. Netanyahu hat seine politische Karriere auf das Bild des unbeugsamen Verteidigers israelischer Sicherheitsinteressen aufgebaut. Als Untertan Trumps aufzutreten, wäre für ihn innenpolitisch verheerend, besonders so kurz vor einer Parlamentswahl.Doch wer von beiden sitzt am längeren Hebel?Netanyahu glaubt, keine Alternative zu habenAuf den ersten Blick ist die Antwort eindeutig: die USA natürlich. Sie liefern Waffen, diplomatische Rückendeckung und internationale Legitimität. Ohne Washington wäre Israel erheblich isolierter.Doch die Geschichte zeigt, dass die amerikanische Macht ihre Grenzen hat, wenn israelische Regierungen überzeugt sind, dass fundamentale Sicherheitsinteressen auf dem Spiel stehen. Von Menachem Begin über Yitzhak Shamir bis Netanyahu haben israelische Regierungschefs immer wieder dem amerikanischen Druck standgehalten, wenn sie glaubten, keine Alternative zu haben.Genau das scheint heute der Fall zu sein. Trump kann Druck ausüben. Er kann drohen. Aber er kann Israel nicht davon überzeugen, Risiken zu akzeptieren, die Jerusalem als existenziell betrachtet.Deshalb geht es in diesem Konflikt inzwischen um etwas Grundsätzlicheres: Wer bestimmt künftig die Strategie des westlichen Lagers im Nahen Osten? Washington oder Jerusalem? Die Antwort darauf wird nicht nur über den weiteren Verlauf des Krieges entscheiden. Sie wird auch zeigen, wie belastbar das amerikanisch-israelische Bündnis tatsächlich noch ist.Passend zum Artikel