Israel sieht sich in einer existenziellen Bedrohung zwischen Abhängigkeit und SelbstbehauptungDie Vereinbarung zwischen Iran und den USA scheint die Position Israels im Nahen Osten grundlegend zu verändern. Israel fühlt sich bedroht, gleichzeitig heizt dies den Willen zur Selbstbehauptung an. Die Regierung steht vor schwierigen Entscheidungen.Richard C. Schneider22.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWährend der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance mit Iran verhandelt, schwindet in Israel die Gewissheit über die amerikanische Rückendeckung.Fabrice Coffrini / AFP / KeystoneDie am Mittwoch unterzeichnete Absichtserklärung zwischen den USA und Iran ist von höchster Brisanz für Israel. Es sieht nicht nur so aus, als hätten die USA gegenüber Teheran kapituliert. Über die allgemeine Aufregung hinaus hat das 14-Punkte-Papier bereits eine politische Machtverschiebung im Nahen Osten ausgelöst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Selbst wenn viele Elemente des Abkommens noch unklar sind, wirkt es ohne Zweifel als eine Art neuer Ordnungsrahmen. Für Israel hat das nicht nur Konsequenzen für die militärische Lage an den eigenen Grenzen. Das Abkommen hat möglicherweise auch übergeordnete sicherheitspolitische Auswirkungen, die das Land und seine Unabhängigkeit langfristig gefährden könnten. Jerusalems strategische Handlungsfreiheit könnte zunehmend durch ein amerikanisch-iranisches Arrangement eingeschränkt werden, in dem sich Israel in einer «Nebenrolle» wiederfände und nur noch einer unter mehreren Faktoren wäre.In der israelischen Wahrnehmung beginnt sich damit ein Zukunftsbild abzuzeichnen, das über gewohnte sicherheitspolitische Risiken hinausgeht. Israels Umgang mit Konflikten könnte sich gezwungenermassen verschieben, weg von der üblichen militärischen Dominanz hin zu einer Begrenzung dieser Dominanz durch externe Akteure in einem neu abgesteckten diplomatischen Terrain. Jerusalem sorgt sich um die eigene Entscheidungsfreiheit.Der Hizbullah wird gestärktBesonders deutlich wird dies in Libanon. Die Konfrontation mit dem Hizbullah hatte über viele Jahre die Gestalt eines bilateralen Konflikts. Israel versuchte durch militärische Operationen die militärische Macht des Hizbullah in Schach zu halten, während Iran als Sponsor der Schiitenmiliz aus dem Hintergrund agierte. Wenn jedoch eine amerikanisch-iranische Verständigung nun mit einer Deeskalation in Libanon verknüpft wird, verändert sich die Situation an Israels Nordgrenze grundlegend.Der jüdische Staat sieht sich dann nicht mehr nur allein dem Hizbullah gegenüber, sondern ist auch mit einer Koordination und Absprache zwischen dessen Schutzmacht Iran und Israels wichtigstem Verbündeten konfrontiert. Die Folge: Während die Handlungsfreiheit des israelischen Militärs eingeschränkt wird, baut der Hizbullah seine Raketen- und Drohnenkapazitäten aus. Er kann mit militärischen Aktionen die israelische Armee zu Gegenreaktionen provozieren, um damit einen Keil zwischen Jerusalem und Washington zu treiben.Bei einer solchen Entwicklung wäre die Entscheidung Israels, gegen Tunnelnetzwerke, Raketenstellungen oder Kommandozentralen des Hizbullah vorzugehen, nicht mehr allein von operativen Kriterien abhängig. Es müsste künftig auch die Frage berücksichtigt werden, ob ein solcher Einsatz die amerikanisch-iranische Verständigung gefährden könnte. Die Konsequenz wäre die schrittweise Erosion der militärischen Flexibilität Israels. Erst recht, wenn die Armee die problematische Besetzung Südlibanons früher oder später aufgeben müsste und der Hizbullah sich der israelischen Grenze wieder nähern könnte.Ungelöste nukleare BedrohungAuch die nukleare Frage bleibt ein wesentliches Unsicherheitsmoment. Zwar will die Absichtserklärung Irans Nuklearambitionen verhindern, doch der Text ist so unpräzise formuliert, dass er allen Seiten viel Spielraum für Interpretationen lässt. Dass das Verhandlungsteam von Präsident Trump von den Iranern über den Tisch gezogen werden könnte, liegt durchaus im Bereich des Möglichen.Für Israel entstünde daraus erneut ein Rennen gegen die Zeit. Auch wenn Iran durch die Verhandlungen mit den USA zu Konzessionen bei der Urananreicherung oder gar zur Herausgabe des hochangereicherten Urans gezwungen würde, wäre das Regime höchstwahrscheinlich immer noch in der Lage, sein Nuklearprogramm heimlich weiterzuentwickeln. Denn eine Schlussfolgerung des Regimes aus den beiden Kriegen mit Israel und den USA könnte sein, den Weg zur Bombe mit höchster Priorität zu beschleunigen. In dem Augenblick, in dem Teheran Atomwaffen besitzt, wäre es ähnlich unantastbar wie Nordkorea. Israel könnte sich deshalb gezwungen sehen, noch rechtzeitig ganz allein gegen Irans Atomprogramm vorzugehen, eventuell gar ohne Washingtons stille Duldung.Legitime ballistische Raketen?Hinzu kommt die Frage der ballistischen Raketen, die in der Absichtserklärung nicht einmal erwähnt werden. Donald Trump gestand Iran inzwischen sogar öffentlich den Anspruch darauf zu, da andere Länder in der Region ebenfalls über solche Raketensysteme verfügten. Ein Iran, das über ein Arsenal von Mittel- und Langstreckenraketen verfügt, bleibt für Israel – und natürlich auch die Golfstaaten – eine erhebliche strategische Bedrohung, da es die Kosten jeder Eskalation drastisch erhöhen kann.Sollte dieses Thema im Rahmen eines endgültigen Abkommens nur unzureichend oder gar nicht berücksichtigt werden, hätte sich die Bedrohungslage für Israel nicht geändert: Iran bliebe derselbe konventionell hochgerüstete Gegner unterhalb der Nuklearschwelle wie schon vor diesem Krieg.Eine weitere Dimension betrifft die Strasse von Hormuz. Bereits die Möglichkeit, diesen für den internationalen Handel so wichtigen Seeweg zu blockieren, verleiht Iran ein geopolitisches Druckmittel, um die internationale Staatengemeinschaft zu Vorsicht bei Eskalationen zu zwingen. Für Israel bedeutet dies eine zusätzliche Einschränkung. Jede militärische Konfrontation mit Iran oder seinen Verbündeten wird ab sofort unter dem Gesichtspunkt globaler wirtschaftlicher Stabilität gesehen. Dadurch steigt der politische Druck auf Israel, Eskalationen zu unterlassen oder zumindest zeitlich zu begrenzen.Zweifel an der amerikanischen RückendeckungDie Absichtserklärung gibt den Blick frei auf die Neuerung, die Israel am empfindlichsten trifft: die Veränderung im Verhältnis zwischen Israel und den USA. Sollte sich in Jerusalem der Eindruck verfestigen, dass die amerikanische Politik tatsächlich bereit ist, israelische Sicherheitsinteressen im Rahmen eines grösseren regionalen Arrangements zu relativieren, entstünde eine existenzielle Unsicherheit unbekannten Ausmasses.Sie beträfe nicht nur Waffenlieferungen oder diplomatische Unterstützung. Ungewiss würde auch die bisherige Überzeugung, dass im entscheidenden Moment stets die amerikanische Rückendeckung Israels Fähigkeit zur Selbstverteidigung absichert. Für eine israelische Regierung – egal, welche – würde diese Unsicherheit den Umgang mit der Frage grundlegend verändern, ob und wie der eigene Staat überleben kann.Historisch ist diese existenzielle Frage mit tief verankerten Erfahrungen jüdischer Vernichtung im Laufe der Geschichte verbunden. Diese reichen von den beiden «Churbanot», den Zerstörungen der jüdischen Tempel und damit des jeweiligen jüdischen Gemeinwesens in biblischen Zeiten, über den Holocaust bis jüngst zum Massaker vom 7. Oktober. Diese kollektiven Erinnerungen sind kein unwichtiger politischer Entscheidungsfaktor. Sie prägen die Sensibilität gegenüber Untergangsszenarien. In der israelischen Sicherheitslogik würde allein die Möglichkeit, im Ernstfall ohne externe Unterstützung agieren zu müssen, zu einer Verstärkung präventiver Militäraktionen führen.Ein gefährlicher TeufelskreisDamit entsteht ein riesiges Dilemma. Je mehr Israel zur Überzeugung gelangt, dass seine Handlungsfreiheit durch externe Vereinbarungen eingeschränkt wird, desto grösser wird die Versuchung werden, Bedrohungen früher und entschiedener auszuschalten. Gleichzeitig erhöht genau dieses Verhalten die Wahrscheinlichkeit politischer Spannungen mit Washington, die zu weiteren Einschränkungen führen könnten. Auf diese Weise entsteht ein Teufelskreis, der zur Eskalation beiträgt.In einem pessimistischen Szenario könnte sich daraus eine langfristige Schwächung der israelischen Abschreckung ergeben, nicht etwa durch eine vollständige militärische Niederlage, sondern durch schrittweise aussenpolitische Einschränkungen und den Einfluss regionaler Mächte, die sich gegen Israel zusammenschliessen könnten. In einer Region, in der Mehrfrontenszenarien die Regel und nicht die Ausnahme sind, hätte dies erhebliche militärstrategische Konsequenzen.Gleichzeitig muss betont werden, dass das gesamte Arrangement zwischen den USA und Iran im Augenblick extrem fragil ist. Weder ist klar, ob die vereinbarten Punkte umgesetzt werden, noch ist gesichert, dass Washington fortan politische Kontinuität an den Tag legen wird. Vollkommen offen ist auch die Frage, ob Iran seine künftigen Verpflichtungen dauerhaft einhalten würde. Die Absichtserklärung ist kein Endzustand, kein Friedensvertrag, sondern eine Übergangsphase. Diese ist sicherheitspolitisch besonders volatil, weil sie Erwartungen verschiebt, ohne Stabilität zu garantieren.Israel findet sich somit in einer Welt allerhöchster Destabilisierung wieder. Alte Gewissheiten über amerikanische Rückendeckung, regionale militärische Dominanz und die Möglichkeiten zur Begrenzung iranischer Macht scheinen schlagartig vom Tisch. Der jüngste Krieg hat Israel verletzlicher denn je gemacht. Es könnte sich eine neue regionale Ordnung herauskristallisieren, in der Israel als Verlierer dastehen könnte. Seiner Regierung bleibt nichts anderes übrig, als den Drahtseilakt zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit zu meistern.Passend zum Artikel
Iran-USA-Abkommen stellt Israel vor existenzielle Fragen
Die Vereinbarung zwischen Iran und den USA scheint die Position Israels im Nahen Osten grundlegend zu verändern. Israel fühlt sich bedroht, gleichzeitig heizt dies den Willen zur Selbstbehauptung an. Die Regierung steht vor schwierigen Entscheidungen.







