Tel Aviv. Das angekündigte Abkommen zwischen den USA und dem Iran stellt Premierminister Benjamin Netanjahu vor eine paradoxe Situation: Er kann auf erhebliche militärische Erfolge verweisen und muss dennoch zusehen, wie das diplomatische Ergebnis diese Erfolge zu entwerten droht. Im Herbst könnte ihn das sogar die Wiederwahl kosten.Israel und der Iran sind seit der Islamischen Revolution 1979 Erzfeinde. Die Mullahs haben die Vernichtung Israels wiederholt als politisches Ziel benannt. Ihre Bedrohungsinstrumente sind das Atomprogramm und die finanzielle wie militärische Unterstützung antiisraelischer Milizen in der Region, allen voran der Hisbollah im Libanon.Aus israelischer Perspektive hat das Land sechs Wochen lang unter hohem Risiko den USA ermöglicht, den Iran militärisch erheblich zu schwächen. Israel hat geholfen, zentrale Führungsfiguren des Mullah-Regimes auszuschalten, darunter Ajatollah Ali Chamenei. Über 90 Prozent der iranischen Raketenvorräte wurden nach israelischen Angaben zerstört.Und dennoch nimmt Israel nicht an den Verhandlungen zur Beendigung des Kriegs teil, obwohl es um seine Kernsicherheitsinteressen geht. „Netanjahu hat uns einen historischen Sieg versprochen“, sagte Oppositionsführer Yair Lapid am Montag in der Knesset. „Nun wartet Israel im Vorzimmer wie ein zurechtgewiesenes Kind.“Netanjahus Regierung soll das Abkommen bislang nicht einmal in Kopie erhalten haben. Was bisher durchgesickert ist, bietet den Israelis wenig Anlass zur Beruhigung.US-Präsident Donald Trump, der noch vor Kurzem auf der vollständigen Zerstörung aller iranischen Nuklearanlagen und „null Urananreicherung“ bestanden hatte, teilte der „New York Times“ mit, Iran werde nun eine Anreicherung auf niedrigem Niveau gestattet. Gleichzeitig sollen eingefrorene iranische Vermögenswerte schrittweise freigegeben werden, noch bevor die eigentlichen Verhandlungen über die Atomfrage beginnen. Damit erhielte das Regime in Teheran sein wichtigstes Druckmittel zurück.Auch Irans Raketenprogramm scheint im Abkommen keine Rolle zu spielen, obwohl das Regime nach israelischen Angaben weiter über mehr als 2000 ballistische Raketen verfügt.Trumps Vorschlag, Syrien solle die Kontrolle über Südlibanon übernehmen, verwirrtJenseits der iranischen Bedrohung sorgt vor allem die Forderung nach einem Rückzug Israels aus dem Südlibanon für Kritik. Nachdem die Hisbollah Israel am 2. März beschossen hatte, rückten israelische Streitkräfte tief ins Landesinnere vor und errichteten neue Militärstützpunkte. Heute hält Israel entlang der Grenze eine bis zu zehn Kilometer breite „Sicherheitszone“ völkerrechtswidrig besetzt. Aus Sicht der israelischen Streitkräfte bleibt die Besatzung militärisch notwendig.Denn trotz der „Sicherheitszone“ schafft es die Hisbollah nahezu täglich, Kurzstreckenraketen und Drohnen auf den Norden Israels abzufeuern. Besonders kleine Drohnen, die über Glasfaserkabel gesteuert werden, überfordern die israelische Luftabwehr, weil diese Drohnen sich nicht mithilfe von Signalstörern ablenken lassen.In Nordisrael bleibt es gefährlich, viele Häuser wurden vor Monaten, teils vor Jahren, verlassen. Angesichts der Parlamentswahl, die spätestens am 27. Oktober stattfinden muss, entwickelt sich die Sicherheitslage an der Nordgrenze zu einem der zentralen Wahlkampfthemen.Zusätzliche Verwirrung stiftete Trumps Vorschlag am Dienstag, der syrische Präsident Ahmad al-Sharaa solle künftig die Kontrolle über den Südlibanon übernehmen. Für die israelischen Streitkräfte kam das vollkommen überraschend.„Es ist schwer zu verstehen, wie irgendjemand glaubt, dass der Ersatz der Hisbollah durch al-Sharaas Leute die Sicherheitslage für Israel verbessern würde“, sagte ein hoher Offizier der Zeitung „Haaretz“. Al-Sharaas Kräfte seien keine reguläre Armee, sondern bewaffnete Milizen mit tiefem Hass auf die Hisbollah aufgrund deren Rolle im syrischen Bürgerkrieg. Ein syrischer Einsatz im Südlibanon könnte in Massakern enden, für die Israel indirekt verantwortlich gemacht werden könnte.Die Forderung nach dem Rückzug aus dem Libanon mag völkerrechtlich geboten sein, aus israelischer Sicht kommt sie angesichts dieser Bedrohungslage einer Kapitulation gleich. Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz haben deshalb unmittelbar nach Ankündigung des Abkommens klargestellt, dass sie die Militärstützpunkte nicht aufgeben werden.
Iran-Krieg: Netanjahus Werk und Trumps Beitrag – das Dilemma Israels
Israel hat militärische Erfolge gegen den Iran erzielt. Nun bringt das geplante Friedensabkommen Regierungschef Netanjahu unter Druck. Droht ihm bei der Parlamentswahl im Herbst sogar das Aus?










