Benjamin Netanyahu wollte mit einem Sieg gegen Iran in die Wahlen ziehen. Stattdessen steht der israelische Ministerpräsident vor einem Scherbenhaufen: Politische Gegner und Mitstreiter sehen in dem Abkommen zwischen Iran und den USA eine Niederlage für Israel.17.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIm Westjordanland transportieren jüdische Siedler die Überreste einer iranischen Rakete ab.Erik Marmor / GettyDer israelische Ministerpräsident war vermutlich die treibende Kraft hinter dem militärischen Angriff auf Iran. Gemäss Recherchen der «New York Times» überzeugten Benjamin Netanyahu und der Mossad-Direktor David Barnea den amerikanischen Präsidenten Donald Trump bei einer Präsentation im Weissen Haus am 11. Februar davon, dass das iranische Regime bei einem gemeinsamen Luftkrieg schnell kollabieren würde. Doch diese Prognose erwies sich als Irrtum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bereits nach sechs Wochen entschied sich Trump für eine Waffenruhe, ohne ein strategisches Kriegsziel erreicht zu haben. Nun handelte der amerikanische Präsident mit Iran ein Rahmenabkommen für eine Friedenslösung aus, ohne die israelische Regierung einzubinden. Bei einer Pressekonferenz am Montag verfügte auch Netanyahu offenbar nicht über die Details des bisher unveröffentlichten Memorandum of Understanding zwischen Washington und Teheran.Libanon wird zum StresstestKlar scheint aber, dass es Iran besonders mit einem Punkt in dem Abkommen gelungen ist, einen Keil zwischen Netanyahu und Trump zu treiben: mit der regionalen Ausweitung der Waffenruhe auf Libanon. Gemäss den pakistanischen Vermittlern sagten die USA den Iranern zu, dass auch die israelischen Angriffe auf die schiitische Hizbullah-Miliz in Libanon eingestellt würden. Dies betonte auch der iranische Aussenminister Abbas Araghchi am Dienstag: Jeder israelische Angriff auf libanesisches Territorium und eine anhaltende israelische Besetzung in Südlibanon seien eine Verletzung des Memorandums, erklärte Araghchi. Die zwei Vertragsparteien der Übereinkunft seien auf der einen Seite die USA und Israel sowie Iran und der Hizbullah auf der anderen Seite.Netanyahu will diese Einschränkung allerdings nicht akzeptieren. Die israelischen Truppen würden in der Pufferzone im Süden von Libanon «so lange wie nötig» stationiert bleiben, erklärte der israelische Ministerpräsident am Montag. «Wir sollten uns nicht mit weniger abfinden als mit der Demontage des Hizbullah», schrieb der israelische Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, auf X.Theoretisch könnte Iran nun die Öffnung der Strasse von Hormuz und die Umsetzung des Memorandums verzögern, damit Trump die israelische Regierung zum Rückzug aus Südlibanon drängt. Bereits in den vergangenen Tagen und Wochen hat der amerikanische Präsident zunehmend die Geduld mit Netanyahu verloren. In einem Telefonat zu Beginn dieses Monats soll Trump zu ihm gesagt haben: «Du bist total verrückt.» Jüngst tat der amerikanische Präsident seinen Unmut über die israelischen Angriffe auf den Hizbullah in Libanon öffentlich kund. In einem Interview nannte er Netanyahu am Sonntag «einen sehr schwierigen Kerl».Kritiker in Israel fürchten nun, dass Netanyahus Krieg gegen Iran das islamistische Regime gestärkt und gleichzeitig die Beziehungen zu den USA – dem wichtigsten Verbündeten Israels – schwer beschädigt hat. Das Resultat des Iran-Kriegs sei unter Netanyahus Regierung «das zweitgrösste Fiasko» nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, schrieb die regierungskritische und linksliberale Tageszeitung «Haaretz» am Dienstag. Auch der Krieg im Gazastreifen habe letztlich nicht, wie von Netanyahu erhofft, zu einem «totalen Sieg» und zur Entwaffnung der Hamas geführt. Und nun habe der Krieg gegen Iran das Land zusätzlich isoliert: «Ein solches Ende der iranischen Saga – ohne Regimewechsel, ohne ein Ende des Atom- und Raketenprogramms und eine klare Beschädigung der besonderen Beziehung zu den USA – offenbart das Ausmass der Zerstörung, die Netanyahu dem globalen Ansehen Israels seit 2023 zugefügt hat.»Gewachsene Zweifel an TrumpAuch die konservative «Jerusalem Post» zeigt sich besorgt über Trumps Einigung mit Iran. Problematisch sei dabei vor allem die Frist von sechzig Tagen, in denen die zentralen Streitpunkte zum iranischen Atomprogramm verhandelt werden sollen. Israelische Regierungskreise gehen davon aus, dass diese Frist noch verlängert werden könnte. Diese Verzögerung gebe Teheran viel Zeit, um seine Streitkräfte und seine verbündeten Milizen wie etwa den Hizbullah nach dem kräftezehrenden Krieg neu aufzustellen, schreibt die Zeitung. «Teheran weiss, wie es die Verzögerung nutzen kann. Der Hizbullah weiss, wie er die Verzögerung nutzen kann. Israel hat bereits in der Vergangenheit für solche Verzögerungen einen Preis bezahlt.»Netanyahu hatte gehofft, im Oktober mit einem militärischen Sieg gegen Iran in die Parlamentswahl zu ziehen. Doch die Umfragen sagen seiner Regierungskoalition derzeit eine Niederlage voraus. Es sei unmöglich für Netanyahu, den Wählern das amerikanische Abkommen mit Iran zu verkaufen, erklärte der Politologe Jonathan Rynhold gegenüber Reuters. «Das Beste, auf das er (Netanyahu) hoffen kann, ist ein Scheitern des Abkommens und ein Neubeginn des Kriegs zu Israels Vorteil.»Netanyahus politische Gegner kritisieren unter anderem, dass er keine Entscheidungen unabhängig von Trump treffe und dessen Druck stets nachgebe. Einer seiner grössten Herausforderer ist der frühere Regierungschef Naftali Bennett. Am Montag warf dieser Netanyahu «ein historisches Versagen» im Krieg gegen Iran vor. Auch Bennetts Ziel ist der Sturz des iranischen Regimes. Er will dies mit einer «Oktopus-Strategie» erreichen: «Mit der einen Hand hindern wir Iran daran, eine Atombombe zu entwickeln. Mit der anderen beschleunigen wir mit politischen, wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Mitteln den Kollaps des Regimes.»Allerdings zweifeln auch konservative Meinungsmacher in Israel daran, dass sich das Land bei dem Kräftemessen mit Iran noch auf Trump und die USA verlassen kann. Trump habe «total kapituliert», schrieb etwa der einflussreiche Journalist Amit Segal in seinem Telegram-Kanal. Auf X zitierte er den früheren amerikanischen Aussenminister Henry Kissinger: «Es kann gefährlich sein, Amerikas Feind zu sein, aber Amerikas Freund zu sein, ist verhängnisvoll.»Diese Zweifel teilen offenbar viele Israeli. Gemäss einer derzeitigen Umfrage gehen nur noch 44 Prozent der Bevölkerung davon aus, dass die Sicherheit Israels für Trump eine wichtige Sorge ist. Im März, während der israelisch-amerikanischen Luftangriffe gegen Iran, betrug dieser Anteil noch 60 Prozent.Passend zum Artikel