Benjamin Netanyahu ist der grosse Verlierer des Iran-Deals. Überlebt er das politisch, und was passiert nun mit Israel?Seit vielen Jahren ist der israelische Ministerpräsident der Garant für die Sicherheit seines Landes. Doch er hat sich verkalkuliert, in Iran und im Weissen Haus.Quynh Tran, Tel Aviv21.06.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenDer israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu erlebt derzeit wohl schwierige Tage. Seine politische Zukunft und die Zukunft seines Landes stehen auf dem Spiel.Amir Levy / Getty«Thank God and Donald Trump», prangte bis vor kurzem von gigantischen Plakaten im ganzen Land. Damit bedankte sich der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu beim amerikanischen Präsidenten dafür, dass die USA zusammen mit Israel eine Offensive gegen den Erzfeind Iran starteten. Darauf hatte Netanyahu 30 Jahre gewartet. Seit drei Jahrzehnten trat er immer wieder vor der Weltöffentlichkeit auf und warnte davor, dass Iran in Kürze fähig sei, eine Atombombe herzustellen und damit die Existenz Israels bedrohe. Mit dem Angriff am 28. Februar erfüllte sich für Netanyahu ein Traum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Netanyahu hatte den US-Präsidenten mit der Aussicht in den Krieg gelockt, dass dieser sehr rasch einen Sturz des Regimes herbeiführe. Trump konnte nicht widerstehen. Auch er träumte seit den achtziger Jahren davon, Iran die Schmach der Geiselnahme in der US-Botschaft von Teheran heimzuzahlen. Sie hatte gleich zu Beginn der Islamischen Revolution stattgefunden. Er wollte in die Geschichte eingehen als der amerikanische Präsident, der der Islamischen Republik ein Ende bereitete.Die Plakate sind weg, noch heute wehen aber in Jerusalem die israelische und die US-amerikanische Flagge Seite an Seite. Doch das Gefühl der Dankbarkeit hat sich praktisch über Nacht in Entsetzen gewandelt. Am Mittwoch hat Donald Trump ein mit Iran ausgehandeltes Memorandum of Understanding unterschrieben – Israel fehlte am Verhandlungstisch. Die Absichtserklärung sieht ein sofortiges und dauerhaftes Ende des Krieges an allen Fronten vor, auch in Libanon, und die Öffnung der Strasse von Hormuz. Ausserdem verpflichten sich die USA unter anderem, die Öl-Sanktionen gegen Iran aufzuheben und eingefrorene iranische Vermögenswerte freizugeben.LED-Plakate zeigen, wie glücklich Israel über Trumps Entscheid war, mit Israel in einen Krieg mit Iran zu treten.Erik Marmor / Getty«Katastrophale Kapitulation», titelte David Horovitz, Chefredaktor der «Times of Israel» am Mittwoch. Und sprach damit der Nation aus dem Herzen, die bis zu diesem Moment einig hinter dem Angriff auf Iran stand. Der Krieg sollte doch die nukleare Gefahr und das iranische Raketenprogramm eliminieren sowie Irans Macht über regionale Stellvertreter wie den Hizbullah und die Hamas aushebeln. Doch nichts von alledem wurde erreicht.Netanyahu im ClinchFür Trump mag dies einfach ein Deal sein, den er eingehen muss – zumindest im Moment. Für Israel fühlt es sich an wie eine existenzielle Bedrohung. Die USA, der Garant für die Sicherheit Israels, lassen ihren Partner fallen. Ist das Land noch zu retten?Netanyahu bemühte sich an einer Pressekonferenz um Schadensbegrenzung, ohne Trump zu kritisieren. «Wir haben den Staat Israel vor der Vernichtung bewahrt», sagte er und versicherte: «Iran wird keine nuklearen Waffen haben. Nicht jetzt, nicht in Zukunft.» Doch von der Mehrheit wird der Ausgang des Iran-Kriegs als Versagen gedeutet.Für Netanyahu ist das besonders prekär, wollte er doch mit einem Sieg über Iran – oder zumindest einer massiven Schwächung – auch von seinem Versagen am 7. Oktober 2023 ablenken. Er, der sich in den letzten Jahrzehnten als Mr. Security gab, hatte nicht verhindern können, dass die terroristische Hamas ein Massaker an der israelischen Bevölkerung im Süden des Landes verübt hatte und 250 Geiseln nahm. Vor dem 7. Oktober hatte er sich damit gebrüstet, den Konflikt mit den Palästinensern durch Überwachung und wirtschaftlichen Druck «managen» zu können. Danach führte er einen Rachefeldzug mit eiserner Hand.Polizisten evakuierten eine Frau und ihr Kind aus Ashkelon im Süden Israels am 7. Oktober 2023. An diesem Tag verübte die Hamas ein Massaker an Israeli.Tsafrir Abayov / APMit dem Gaza-Krieg, den Angriffen auf Irans verbündete Milizen, den Schlägen in Syrien und schliesslich auch den Angriffen auf Iran wollte er sich wieder als Garant der israelischen Sicherheit etablieren. Israel wurde in dieser Zeit schon als neuer Hegemon gehandelt, der das Machtgefüge im Nahen Osten veränderte. Israels brutales Vorgehen in Gaza – über 70 000 Tote, die Blockade von Hilfsgütern, die fast totale Zerstörung des Gazastreifens – beschädigte zwar das Image Israels massiv und führte dazu, dass das Land international zunehmend isoliert dasteht. Doch Netanyahu wusste, dass Trumps Amerika Israel stets unterstützen würde. Bis jetzt.Im gemeinsamen Grossangriff gegen Iran gingen die Interessen der USA und Israels rasch auseinander. Denn bald wurde klar, dass das Regime in Teheran eben doch nicht so rasch gestürzt werden konnte, trotz enormen Bombardements der Amerikaner und Israeli. Mit der Blockade der Strasse von Hormuz durch Teheran und steigenden Öl- und Benzinkosten wurde der Preis für Donald Trump bald zu hoch. Er wusste, dass er trotz seiner militärischen Übermacht nicht mehr herausholen konnte. Zwar sagte Trump noch vor einem Monat, wirtschaftliche Überlegungen seien kein Faktor im Krieg, er wolle nur ein nukleares Iran verhindern. Doch das hat sich rapide geändert: «Ich wollte eine wirtschaftliche Katastrophe verhindern», sagte er diese Woche.Die Zwischenwahlen rücken immer näher, Trumps Iran-Krieg hätte den Republikanern eine gewaltige Niederlage bereiten können. Seit Monaten werfen bekannte Exponenten der Maga-Bewegung Trump vor, dass er entgegen seinen Wahlversprechen die USA in einen unendlichen Krieg in Nahost verwickle und sich zum Spielball von Netanyahu habe machen lassen. Etwa der frühere Moderator von Fox News, Tucker Carlson, oder die bekannte Podcasterin Megyn Kelly. Trump wollte das nicht auf sich sitzen lassen und stellte klar, wer hier der Boss ist. Er liess Netanyahu fallen und beendete den Krieg.Tucker Carlson, eine Ikone der Maga-Bewegung, hat mit Trump wegen des Iran-Krieges gebrochen.Cheney Orr / ReutersNun ist Netanyahu in einem Dilemma: Führt er den Krieg gegen den Hizbullah und Iran weiter, riskiert er die Allianz mit den USA, gibt er klein bei, sieht er in Israel schwach aus. Doch was heisst das nun für Netanyahu, und was heisst das für Israel? Immerhin hat Netanyahu in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass sein politisches Schicksal mit demjenigen des ganzen Landes einhergeht.Töten ist keine SicherheitsstrategieNoch im vergangenen Jahr sprach Netanyahu davon, Israel zu einem «Super-Sparta» zu machen, zu einer autarken Militärmacht, die sich ohne externe Unterstützung behaupten kann. Ermutigt von seinen taktischen Erfolgen gegen Irans Proxys kündigte er damals grossmäulig an, das milliardenschwere Abkommen über die Militärhilfe, das alle zehn Jahre neu vereinbart wird und 2028 wieder erneuert werden soll, nicht verlängern zu wollen.Damit begab er sich ins Reich der Hybris. «Ich sehe keine Realität, in der die USA nicht Teil der strategischen Überlegungen Israels sind», fasst Gil Murciano, Geschäftsführer des israelischen Politik-Think-Tanks Mitvim, die Meinung von Sicherheitsexperten zusammen. Das muss auch Netanyahu bewusst sein.Ein Mann ist in sein von Israel zerstörtes Haus in Nabatié zurückgekehrt, nachdem ein Waffenstillstand zwischen den USA und Iran ausgerufen wurde.Hussein Malla / APSeit 1999 laufen auf zehn Jahre angelegte Abkommen, die jährlich Militärhilfen von inzwischen 3,8 Milliarden Dollar vorsehen. Dazu kamen 22 Milliarden Dollar in Form von Waffen und Munition zwischen dem Terroranschlag im Oktober 2023 und 2025.Israel ist enorm tief mit den USA verbunden. Es ist eine special relationship sondergleichen, die bis in die sechziger Jahre zurückreicht und nicht nur die strategische militärische Zusammenarbeit und regionale Geopolitik umfasst. Israel ist auch der grösste Empfänger US-amerikanischer Entwicklungshilfe, der erste Partner eines Freihandelsabkommens, beschwört immer wieder gemeinsame «westliche Werte» und ist nicht zuletzt durch die jüdische Diaspora in den Vereinigten Staaten verbunden.Doch Netanyahus Politik und der Vielfrontenkrieg, den er seit dem 7. Oktober führt, sorgten auch in den USA für einen Stimmungswandel. Laut jüngsten Umfragen stehen mehr als die Hälfte der jüdischen US-Bürger Israels militärischem Vorgehen in der Region kritisch gegenüber, unter jüngeren Gruppen fühlt sich die Mehrheit nicht mehr mit Israel und dem Zionismus verbunden.Der Protest im Januar 2025 in New York hatte nichts genützt. Die USA und Israel haben am 28. Februar 2026 eine Offensive auf Iran gestartet.Jimin Kim / SOPA Images / ImagoAuch Aipac, die grösste proisraelische Lobbygruppe, die jahrzehntelang mit Hunderten Millionen US-Dollar die politische Landschaft in Washington mitgeprägt hat, stösst zumindest auf demokratischer Seite zunehmend auf Widerstand. Laut einer Umfrage des renommierten Pew Institute vom April sehen 60 Prozent der Amerikaner Israel inzwischen negativ, bei den Republikanern sind es inzwischen 40 Prozent, bei unter 50-Jährigen schon über die Hälfte.Netanyahus Sicherheitsstrategie ist auf ganzer Linie gescheitert. Vizepräsident J. D. Vance brachte es diese Woche auf den Punkt: «You’re a country of nine million people. You can’t just kill your way out of solving every single national security problem that you have.» (Ihr seid ein Land mit 9 Millionen Einwohnern. Ihr könnt euch nicht aus jedem Problem der nationalen Sicherheit heraustöten.)Auch Trump liess eine Bemerkung fallen, die in Netanyahus Ohren besonders schmerzen musste. Israel bekämpfe den Hizbullah schon «zu lange», sagte Trump, und habe schon zu viele Menschen getötet. «Man sollte nicht einfach ein ganzes Haus zerstören, nur weil man nach jemandem suche.» Das Problem von Netanyahus Taktik ist indes – und das zeigen die Beispiele Iran, Libanon und Gaza: Auch wenn man die Führungsriege tötet, wird sie wie bei der Hydra durch immer neue Köpfe ersetzt. Am Ende macht er Israel damit nicht sicherer, sondern weniger sicher.Diaspora wendet sich ab«Noch nie in der Geschichte Israels hatte die Regierung weniger Kontrolle über die Sicherheit ihrer Bürger», sagt Sicherheitsexperte Murciano. Netanyahu ist in einer Sackgasse angekommen. Er hat zu sehr auf Trump gesetzt, und dieser hat ihm nun die Kontrolle entzogen. Und Israel?Eine Israelin schaut auf Rauch, der auf der anderen Seite der Grenze in Südlibanon aufsteigt.Shir Torem / ReutersNetanyahu hatte den Kurs des Landes so stark bestimmt wie vor ihm nur der Staatsgründer und erste Regierungschef David Ben Gurion und Ministerpräsident sowie Friedensnobelpreisträger Yitzhak Rabin. Unter Netanyahu ist Israel immer weiter nach rechts gerückt. In einer Umfrage von 2022 – also vor dem Massaker des 7. Oktobers – identifizierten sich 62 Prozent der der jüdischen Bevölkerung als rechts, unter jüngeren Kohorten sogar 75 Prozent. In dieser Zeit hat Netanyahu vor allem ein Versprechen eingehalten, und zwar, dass er eine Zweistaatenlösung verhindern werde. Seit dem 7. Oktober ist die Zweistaatenlösung in Israel nicht mehr existent. Wieso sollte man die Palästinenser für das grösste Massaker am jüdischen Volk seit dem Holocaust belohnen, ist das wohl meistgehörte Argument.2022 hatte sich Netanyahu nur mithilfe von rechtsradikalen Parteien wieder an die Spitze hieven können. Mit ihnen treibt er eine Justizreform voran, die die Gewaltenteilung im Land schwächt und gegen die vor dem Gaza-Krieg Hunderttausende Israeli auf die Strasse gingen. Unter dieser Rechtsaussenregierung grassiert die Siedlergewalt im Westjordanland. In Israel selbst wachsen sowohl die rechtsradikalen Kräfte mit ihrer Vision eines Gross-Israel jenseits völkerrechtlich akzeptierter Grenzen als auch die orthodoxen und ultraorthodoxen Kräfte mit theokratischen Vorstellungen, die im Widerspruch zu freiheitlichen demokratischen Werten stehen.Israel muss sich entscheiden, ob Netanyahu nach 19 Jahren an der Spitze weiterhin das Schicksal des Landes bestimmen soll oder ob man sich von ihm trennt und in eine neue Zukunft geht. Spätestens Ende Oktober wird gewählt.Donald Trump war in den Worten von Benjamin Netanyahu eigentlich der beste Freund, den Israel je im Weissen Haus gehabt hatte. Im Bild sind die Delegationen der beiden Länder bei einem Treffen in Mar-a-Lago in Palm Beach, Florida.Jonathan Ernst / ReutersValable Zukunftsvisionen für Israel sucht man heute indes vergebens. Zwar entstanden neue Parteien wie etwa Naftali Bennetts und Yair Lapids Beyachad. Mit Gadi Eisenkots «Yashar», Yair Golans «Demokraten» und «Makom Lekulanu» (Ein Platz für alle) aus dem Umfeld der Bürgerrechtsbewegung Standing Together haben sich zuletzt auch im moderaten Spektrum neue Parteien gegründet. Doch sie alle haben keine gemeinsame Grundvorstellung von Israels Zukunft. Sie können den rechten Visionen nur wenig entgegensetzen.Netanyahus Likud-Partei hat noch immer die höchsten Zustimmungsraten unter allen israelischen Parteien. Wird es Netanyahu wieder schaffen, sich an der Macht zu halten? Man nennt Netanyahu nicht umsonst den Magier. Niemand wurde wohl öfter politisch totgeschrieben.Zu bedenken ist zudem, dass die konkreten Verhandlungen über das Friedensabkommen zwischen den USA und Iran nicht einmal begonnen haben. Sie waren für Freitag in der Schweiz vorgesehen. Doch gegenseitige Attacken zwischen Israel und Hizbullah verzögerten die Gespräche. Bereits am Samstagnachmittag verkündete das iranische Militärkommando zudem, die Strasse von Hormuz wieder geschlossen zu haben.Allerdings sind die Unterhändler aus den USA und Iran schon vor Ort oder auf dem Weg in die Schweiz. Noch ist absolut gar nichts in trockenen Tüchern bei diesem Deal. Und damit, so wahrscheinlich die Überlegung bei Netanyahu, nicht alles verloren für Netanyahus Israel.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel