Anonyme Schmähbriefe, jahrelange Finanztricksereien – und eine Regierung, die mauert: Die Polizeiaffäre in Uster nimmt eine neue WendungEin Schlüsseldokument aus der Verwaltung zeigt: Der finanzielle Schaden ist grösser als bisher angenommen.11.08.2026, 05.05 Uhr7 LeseminutenUster, die drittgrösste Stadt des Kantons Zürich, steckt mitten in einem Lokalskandal.Christian Beutler / KeystoneDie Briefe kamen in offiziellen Couverts, bedruckt mit dem Wappen der Stadt Uster. Ab Winter 2023 trafen sie bei Politikern und Leserbriefschreibern, Privatpersonen und Journalisten der Stadt ein. Jeweils an ihrer Privatadresse. Und ohne Absender.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aufgebaut sind die Briefe, von denen der NZZ mehrere Exemplare vorliegen, immer ähnlich: eine Äusserung der angeschriebenen Person – in einer Zeitung, einer Medienmitteilung, einem parlamentarischen Vorstoss. Versehen mit ein paar fiesen Sprüchen.«Habt ihr Drogen gehabt, vor und während dem schreiben?», steht da zum Beispiel (Orthographiefehler inklusive). «Dumm schreiben und nichts wissen», schimpft der anonyme Autor. Oder er fragt: «Was weisst du schon darüber?»Mehrere Empfänger beachteten die Schreiben nicht weiter, manche warfen es nach der Lektüre gleich ins Altpapier. Aber nicht alle. Bei einigen weckten gewisse Formulierungen und der offizielle Briefkopf einen Verdacht. Einen, der sich nun, zweieinhalb Jahre später, zu bestätigen scheint.Denn die seltsamen Briefe sind inzwischen zur nächsten skurrilen Volte in einer Affäre geworden, welche die drittgrösste Stadt des Kantons Zürich seit Wochen in Aufregung versetzt.Verfehlungen monatelang verschwiegenBegonnen hat der öffentliche Teil dieser Geschichte mit der Beurlaubung des langjährigen Polizeikommandanten Andreas Baumgartner im vergangenen März – wegen eines «Vertrauensverlusts», der im Zusammenhang mit der «Verletzung von Persönlichkeitsrechten» stehe.Der ehemalige Polizeikommandant Andreas Baumgartner.PDWeiter ging es Anfang Juli, als im Rahmen der jährlichen Budgetberatung im Stadtparlament fast nebenbei bekanntwurde, was Regierung und zuständige Parlamentskommission seit Wochen wussten: dass es unter Kommandant Baumgartner zu schweren finanziellen Verfehlungen bei der Polizei Uster gekommen war.Manipulierte Rechnungen, Ausgaben ohne die dafür nötige Freigabe durch die politischen Vorgesetzten – und die Vertuschung des Ganzen durch das Splitting grosser in mehrere kleine Rechnungsbeträge: Das gestanden der Finanzvorstand Daniel Frei und die Sicherheitsvorsteherin Beatrice Caviezel (beide GLP) damals öffentlich ein.Was die beiden Stadträte nicht sagten, sondern eine NZZ-Recherche kurz darauf ans Licht brachte: An den zweifelhaften Finanztricksereien waren nicht nur der Kommandant und sein Kader beteiligt. Auch Stadträtin Caviezel unterschrieb mehrere gesplittete Rechnungen.Beatrice Caviezel, GLP-Stadträtin in Uster.PDUnd: Die gesamte Stadtregierung wusste seit dem März von den Vorgängen, behielt diesen Umstand aber monatelang für sich – eine Zeitspanne, in die auch die städtischen Wahlen fielen.Beträge höher als kommuniziertSeit diesen Enthüllungen ist Uster in Aufregung. Lokalpolitiker verlangen Antworten und – im Fall der SVP – gar eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK). Die Stadtregierung mauert derweil und bestätigt jeweils nur, was sie nicht abstreiten kann.Offen war bisher vor allem das Ausmass der Affäre: Wie lange schon, wie oft und bezüglich welcher Beträge wurde getrickst? Und welcher Schaden entstand dadurch den Steuerzahlern?Die Frage ist insofern von besonderer Brisanz, weil die Ausgaben der Stadtpolizei Uster zuletzt deutlich – nämlich um 1,4 Millionen Franken – über dem budgetierten Betrag lagen. Und es zumindest den Anschein macht, als hätten die Verantwortlichen das Loch in der Kasse mit zusätzlichen Busseneinnahmen zu legitimieren gesucht.Vor allem zwei zweifelhafte Anschaffungen durch die Polizei waren bislang bekannt, ein BMW-Offroader und der kurzfristige Kauf von Strassensperren für ein Stadtfest. Bei beiden waren Rechnungen gesplittet und das Einverständnis der zuständigen Stellen nicht eingeholt worden. Die Stadt Uster sprach von Ausgaben in der Höhe von rund 500 000 Franken, die insgesamt betroffen waren. Und versicherte: Einen finanziellen Schaden für die Stadt habe es nicht gegeben.Nun zeigt ein bisher unbekanntes Schlüsseldokument allerdings: Die Tricksereien waren verbreiteter als bisher bekannt. Und die unrechtmässig ausgegebenen Beträge höher als bisher von den Behörden kommuniziert.Es wird seit Jahren getrickstEs sind deutliche Worte, die die Wirtschaftsprüfer der Zürcher Firma BDO in ihrem Bericht an die Stadt Uster wählen. Vom Stadtrat waren sie Anfang Jahr – als dem zuständigen Finanzdepartement Unregelmässigkeiten im Polizeibudget auffielen – mit einer genauen Analyse der Finanzflüsse in der Abteilung Sicherheit beauftragt worden. Ihr bisher unveröffentlichter Bericht, datiert auf den 19. Mai, liegt der NZZ vor.Darin ist von «massiven Überschreitungen der Ausgabekompetenzen» die Rede, die auf verdächtige Weise mit «einer Stückelung der Anschaffungen» korrespondierten. Dieses Vorgehen lege nahe, «dass die Gesamtausgaben der Anschaffungen bewusst verschleiert wurden».Mit anderen Worten: Mit den Tricksereien wurden systematisch Mehrausgaben vor Parlament und Öffentlichkeit verborgen, die sonst möglicherweise nicht gutgeheissen worden wären.Dies geschah laut dem Bericht nicht in wenigen Einzelfällen und auch nicht vorwiegend in der jüngeren Vergangenheit, wie es bisher den Anschein machte. Insgesamt elf Fälle von irregulären Ausgaben listen die Experten auf. Fünf davon betreffen das Jahr 2025, der Rest verteilt sich auf die Jahre 2022 bis 2024. Weiter zurück reicht die Untersuchung nicht – gut möglich also, dass dort noch weitere Fälle schlummern.Auch der Gesamtbetrag liegt über dem bisher bekannten: Insgesamt wurden mindestens 774 000 Franken auf unrechtmässige Weise ausgegeben, eine Viertelmillion mehr als bislang bekannt.Bemerkenswert ist aber nicht bloss das Ausmass. Interessant ist auch, wohin das zu Unrecht ausbezahlte Geld floss.Autos, eine App – und viele HosenDer grösste Betrag fällt auf den unscheinbaren Posten «Bekleidung/Ausrüstung». Für eine einzige Bestellung von Schutzmaterial gab die Polizei fast eine Viertelmillion Franken aus. Gemäss gut informierten Kreisen soll das Geld mindestens zum Teil für speziell gepolsterte Einsatzhosen mit bequemer Kniepartie geflossen sein.Um die Ausgaben zu verschleiern, wurden sie nicht nur auf mehrere Rechnungen, sondern auch über zwei Rechnungsjahre verteilt – «bewusst», wie es im BDO-Bericht heisst.Die nächsttieferen Posten sind der BMW (197 000 Franken) und die mobilen Strassensperren (154 000). Dazu kommen irregulär getätigte Ausgaben für den Kauf und Umbau von drei weiteren Fahrzeugen und für ein Videomesssystem.Dem Untersuchungsbericht ist auch zu entnehmen, was die Polizei sich beim Auftrag für die Programmierung einer eigenen App für das Stadtfest «Uster-Märt» leistete. 35 000 Franken waren dort bewilligt. Doch nachdem 32 000 davon ausgegeben worden waren, ging der Lieferant in Konkurs.Daraufhin liess sich die Polizei von einem anderen Anbieter eine erweiterte App erstellen – für nochmals 61 000 Franken. Diesen Betrag hätte der Stadtrat gutheissen müssen, was allerdings nicht geschah. Insgesamt waren die Kosten am Ende fast drei Mal so hoch wie ursprünglich veranschlagt.Die Sache mit den BriefenDer «Uster-Märt» wiederum führt zurück zum seltsamsten Aspekt dieser Geschichte: den anonymen Schmähbriefen, die seit zweieinhalb Jahren bei Lokalpolitikern und anderen im Briefkasten landen. Sie drehen sich nämlich auffällig oft um das Fest.Dieses steht immer wieder in der Kritik: Mal ist es zu laut und zu vermüllt, mal zu unpersönlich und ausgestorben. Mal geben die Mehrwegbecher zu reden, mal die Zahl der Stände. Die Polizei und die Stadtbehörden müssen sich im Nachgang regelmässig erklären – und genau das macht den anonymen Schreiber offensichtlich wütend.Vehement verteidigt der Schreiber den «super Job» der Behörden – und schimpft auf ihre Kritiker. Wie der «Anzeiger von Uster» berichtet und verwaltungsinterne Quellen bestätigen, sollen in den Briefen vereinzelt auch Drohungen ausgesprochen worden sein.Was die Briefe zu mehr als einer Randnotiz macht, ist der Absender: Gemäss gut unterrichteten Quellen vermutete man den Autor im Umfeld der Stadtpolizei. Diese Verdachtsmomente führten im Mai 2025 zum Start einer internen Administrativuntersuchung. In deren Rahmen soll sich Ex-Kommandant Baumgartner in den Augen seiner Vorgesetzten zu wenig kooperativ verhalten haben. Was wiederum zu seiner Beurlaubung und der Auflösung des Arbeitsverhältnisses führte.Diese Ereigniskette schildern der NZZ unabhängig voneinander mehrere involvierte Personen. Die Polizeiaffäre von Uster ist damit eine doppelte: Schmähbriefe hier, Rechnungstricks dort.Wobei Verteidiger des Ex-Kommandanten argwöhnen, die Tricks seien nur deshalb zum Thema gemacht worden, um die Entlassung Baumgartners zusätzlich zu rechtfertigen. Er ist in dieser Sichtweise einer, der mit dem Wissen seiner Vorgesetzten die Regeln brach, um seine Truppe gut auszurüsten. Und nun zum Sündenbock gemacht wird. Eine Darstellung, der wiederum die Stadt kategorisch widerspricht.Sicher ist nur: Die Sache ist verworren. Und die Regierung von Uster tut – ob aus Unkenntnis oder Unwillen – wenig, um den Fall öffentlich zu klären.Untersuchungsbericht ging nicht an KommissionAm 18. Juli gab die Stadtpräsidentin von Uster, Barbara Thalmann (SP), dem «Anzeiger von Uster» ein Interview, das wohl als Befreiungsschlag gedacht war. Es wurde allerdings zum Bumerang.Denn Thalmann behauptete im Gespräch, erst nach den städtischen Wahlen vom 12. April erfahren zu haben, dass auch die Sicherheitsvorsteherin Caviezel in die Rechnungsaffäre involviert ist. Dann, im Rahmen des bei solchen Interviews üblichen Gegenleseprozesses, änderte sie ihre Aussage nachträglich ab: Die Stadtregierung sei doch schon Ende März über Caviezels «Fehler» informiert worden.Ein Hin und Her, über das die Lokalzeitung prompt berichtete. Wodurch in der Stadtpolitik einmal mehr der Eindruck entstand: Hier wird entweder etwas verschleiert. Oder die Regierung hat die Hintergründe der Affäre (und ihre Tragweite) selbst nicht verstanden.Ein Eindruck, der sich wenige Tage später verfestigte, als ein Parlamentarier der städtischen Rechnungskommission etwas Seltsames bemerkte: Den entscheidenden BDO-Bericht über die finanziellen Verfehlungen der Polizei hatte die Kommission nie erhalten – obwohl sie solche Dokumente im Rahmen der Budgetberatung erhalten muss.Ein Fehler, für den der zuständige GLP-Stadtrat Daniel Frei sogleich um Verzeihung bat. Von der NZZ zu den Gründen für die verzögerte Zustellung befragt, sagt der Finanzvorsteher Frei: «Das ärgert mich selbst masslos. Es ist eine Panne, ein Versehen, das so nicht hätte vorkommen dürfen.»GLP-Stadtrat Daniel Frei.KeystoneEr wie auch seine Abteilung hätten geglaubt, der Bericht sei dem Parlament zugestellt worden. Dass dem nicht so gewesen sei, habe er durch den Parlamentarier erfahren. Wie es dazu habe kommen können, werde noch ermittelt.Eine Hypothese sei, dass es sich um ein Missverständnis handle und der Bericht mit einem zweiten, ähnlich benannten Bericht verwechselt worden sei.Stadt will «disziplinierte Kommunikation»Frei, erst seit Anfang Mai im Amt, verspricht eine vollständige Aufarbeitung der gesamten Affäre. Weiter könne er sich momentan leider nicht zur Sache äussern.Auch die Sicherheitsvorsteherin Caviezel verweist auf die städtische Medienstelle und Stadtpräsidentin Thalmann: Nur sie dürften sich im Moment zur Sache äussern.Der Ex-Kommandant Baumgartner seinerseits reagierte nicht auf Kontaktversuche. Er soll eine Stillschweigevereinbarung unterschrieben haben.Die Stadt antwortet auf einen ausführlichen Fragenkatalog bloss mit einem summarischen Statement. Darin steht: «Der Stadtrat hat ein grosses Interesse an einer umfassenden und lückenlosen Aufarbeitung.» Man habe dafür einen Ausschuss gebildet, dem Thalmann, Frei und der Bauvorstand Richard Sägesser (FDP) angehörten.Parallel dazu fänden auch in der zuständigen Parlamentskommission «vertiefte Prüfungen» statt. Die Stadtregierung werde der Kommission am kommenden Montag Red und Antwort stehen und wolle diesem Prozess nicht vorgreifen. Alle Beteiligten seien «zu einer disziplinierten Kommunikation» verpflichtet.Daran scheinen sich in Uster allerdings nicht viele gebunden zu fühlen. Erst vor wenigen Tagen fanden mehrere Lokalpolitiker in ihrem Briefkasten ein weiteres anonymes Schreiben. Darin wird der Ex-Kommandant Baumgartner – «der beste Mann und die beste Führungsperson» – wortreich verteidigt. Stadträtin Caviezel wird dagegen auf geschmacklose Weise verunglimpft.Es ist der vorläufige Tiefpunkt in einer Affäre, die nur Verlierer kennt.Passend zum Artikel
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