Die Polizei trickst beim Stellen von Rechnungen – dann kommt es zu Mehrausgaben von 1,4 Millionen Franken: In Uster führt eine rätselhafte Finanzaffäre zu ProtestenNun zeigen NZZ-Recherchen: Auch eine Stadträtin ist involviert. Sie hat zweifelhafte Rechnungen selbst genehmigt.18.07.2026, 05.03 Uhr8 LeseminutenIn Uster nahm es die Polizeiführung mit den Regeln zur korrekten Rechnungsführung nicht so genau.Christoph Ruckstuhl / NZZEs beginnt mit einer nüchternen Mitteilung, nur drei Absätze kurz. «Stadtrat Uster beurlaubt Kommandanten der Stadtpolizei» steht darüber, datiert ist das Communiqué auf den 7. April 2026. Zwischen der Regierung der drittgrössten Stadt des Kantons Zürich und ihrem obersten Polizisten kam es laut ihm zu einem «Vertrauensverlust», im Zusammenhang mit einer «internen Untersuchung».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nichts deutet damals darauf hin, dass mit diesen wenigen Sätzen eine Finanzaffäre ihren Anfang nimmt, die nun, drei Monate später, ganz Uster beschäftigt. Eine Affäre, die zu lauten Rufen nach einer parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) führt.Und in die gemäss Recherchen der NZZ auch ein Mitglied der Stadtregierung verstrickt ist.Eklat bei der BudgetsitzungDass bei den Finanzen der Stadtpolizei Uster etwas schiefläuft – das wissen Eingeweihte schon länger. Die Öffentlichkeit aber erfährt es fast nebenbei, anlässlich der letzten Sitzung des Gemeindeparlaments vor den Sommerferien, am Abend des 6. Juli.GLP-Stadtrat Daniel Frei.KeystoneTraktandiert war die Jahresrechnung, normalerweise kein Knüller. Dennoch waren pflichtschuldig ein paar Lokaljournalistinnen erschienen. Ihnen ist zu verdanken, dass publik wurde, was sich an der Sitzung zutrug.Zu reden gaben die Finanzen der Stadtpolizei. Deren Ausgaben liegen schon seit 2022 Jahr für Jahr über dem budgetierten Betrag. 2025 wurden jedoch alle Rekorde gebrochen: 1,4 Millionen Franken Mehrausgaben in einem einzigen Jahr. Nicht wenig angesichts eines Budgets von 6,3 Millionen. Zwar stiegen in demselben Zeitraum auch die Einnahmen der Polizei sprunghaft an. Dennoch gab es scharfe Kritik an der mangelnden Budgetdisziplin der Gesetzeshüter.Die eigentliche Bombe liessen jedoch die zuständigen Stadträte platzen. Der Finanzvorstand Daniel Frei und die Sicherheitsvorsteherin Beatrice Caviezel (beide GLP) erklärten, dass bei der Polizei während über eines Jahrs Zahlungen falsch verbucht und reglementswidrige Anschaffungen getätigt worden seien. Mehrausgaben habe die Polizei durch zusätzliche Busseneinnahmen zu legitimieren gesucht.GLP-Stadträtin Beatrice Caviezel.PD«Diese Befunde zeigen ein Verhalten, das inakzeptabel ist», schrieben die beiden Magistraten danach in einer Stellungnahme. «Wenn selbst die Polizei Regeln umgeht – warum sollten wir das nicht auch tun?», fragte der «Anzeiger von Uster».Auch die Empörung im Parlament war gross. So gross, dass die Jahresrechnung der Stadt am Ende nur hauchdünn mit einer Stimme Unterschied angenommen wurde. Trotz einem Plus von 8,9 Millionen Franken.Als Hauptschuldigen der Affäre stellte die Regierung Andreas Baumgartner dar, den im Frühling freigestellten Ex-Kommandanten. Der «Vertrauensverlust» gegenüber ihm stehe «in direktem Zusammenhang» mit der Rechnungsaffäre, schrieben Frei und Caviezel.Gegenüber Parlamentarierinnen und Parlamentariern war der Finanzvorstand Frei, der früher für die SP im Nationalrat sass, noch deutlicher geworden, wie die NZZ aus sicherer Quelle weiss. Er warf dem Ex-Kommandanten schwere Pflichtverletzungen vor, die dieser danach wissentlich kaschiert habe – vor seinen Chefs wie auch den Kontrollorganen der Stadt.Mit anderen Worten: Die Polizei agierte eigenmächtig, die politische Führung wusste von nichts.Ganz so einfach ist die Sache allerdings nicht. Das zeigen Recherchen der NZZ.Wie die Tricksereien funktioniertenDie finanziellen Verfehlungen bei der Polizei Uster sind bis jetzt nur in Umrissen bekannt. Was sich aufgrund von Angaben der Stadt und Gesprächen mit Involvierten sagen lässt: Im vergangenen Februar wurde die städtische Finanzabteilung – damals geführt vom mittlerweile abgetretenen Stadtrat Cla Famos (FDP) – ob der Jahresrechnung der Polizei stutzig. Eine Revision durch externe Prüfer wurde angeordnet.Und sie zeigte: Im Jahr 2025 und zu einem geringeren Teil auch davor wurden grosse Rechnungsbeträge gezielt in kleinere Teilbeträge gestückelt. Damit sollte eine Vorgabe der Stadt umgangen werden. Denn Ausgaben ab 25 000 brauchen eine Genehmigung durch das zuständige Mitglied der Stadtregierung oder den Stadtrat als Ganzes.Insgesamt wurde so gemäss Angaben der Stadt mindestens eine halbe Million Franken an den politisch Verantwortlichen vorbeigeschleust – und ausgegeben.Wofür? Bekannt ist die Rechnungstrickserei bis jetzt in zwei Fällen. Der erste Fall betrifft die Anschaffung eines Fahrzeugs. Gemäss Informationen aus Verwaltungskreisen soll es sich dabei um einen BMW-Offroader mit 300 PS handeln, der als Zivilfahrzeug für die verdeckte Polizeiarbeit gedacht war. Der Wagen und seine Umrüstung sollen gemäss Tamedia-Zeitungen rund 100 000 Franken gekostet haben. Bezahlt wurde das Ganze allerdings in kleineren Tranchen.So kam die Polizei zu einem Auto, das sie nie in Eigenregie hätte kaufen dürfen. Und dessen Anschaffung auf dem regulären Weg angesichts der konstanten Budgetüberschreitungen wohl kaum bewilligt worden wäre.Die Haltung der verantwortlichen Polizeikader war offenbar, dass das Korps den Wagen brauchte – und die Trickserei damit im Dienst der Truppe stand. Budgetregeln und politische Kontrolle hin oder her.Komplexer ist der zweite Fall von manipulierten Rechnungen, den die NZZ rekonstruieren konnte. Darin soll nämlich nicht nur der Polizeikommandant involviert gewesen sein, sondern auch seine Chefin, die Sicherheitsvorsteherin Beatrice Caviezel.Die Spur führt in die RegierungUster, im vergangenen September. Während dreier Tage ist die Stadt im Ausnahmezustand. Es ist Stadtfest. Gefeiert wird das Jubiläum von 1250 Jahren seit der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes. Es seien Nächte voller «Tanzen, Trinken, Staunen», schwärmt der «Zürcher Oberländer» damals. Gefestet werde, «was das Zeug hält».Die populäre Mundartband Stubete Gäng gibt ein Konzert, die Eröffnungsrede hält Bundesrat Albert Rösti (SVP). Es kommen mehrere zehntausend Besucherinnen und Besucher.Für die Stadtpolizei Uster ist es ein Grosseinsatz. Einer, bei dem es neben dem Personal vor allem etwas in grossen Mengen braucht: Absperrgitter, um die Massen in korrekte Bahnen zu lenken.Doch davon, so wird im Vorfeld klar, hat die Polizei nicht genug. Deshalb will sie mehr Gitter dazukaufen, möglichst schnell.Der Gesamtbetrag für die Anschaffung habe rund 155 000 Franken betragen – so viel, dass eigentlich die Genehmigung des Stadtrats via Nachtragskredit nötig gewesen wäre. So schildern es zwei mit dem Geschäft vertraute Quellen unabhängig voneinander der NZZ.Um das zu verhindern, sei der Betrag flugs in vier Tranchen à zirka 38 000 Franken aufgeteilt worden. Damit lagen die Summen noch immer über der Grenze von 25 000 Franken, die die Polizei in Eigenregie bewilligen konnte. Die Unterschrift der zuständigen Stadträtin – die allein Ausgaben bis 50 000 Franken bewilligen darf – war nötig. Und die erfolgte gemäss mehreren, voneinander unabhängigen Quellen auch.Die regelwidrig gesplitteten Ausgaben wurden so genehmigt – von niemand anderem als Stadträtin Beatrice Caviezel.Kopien der vier Rechnungen, die dieses Vorgehen belegen, liegen der NZZ vor. Jede von ihnen beläuft sich auf exakt 38 455 Franken und 15 Rappen. Daneben ist neben der Signatur von Kommandant Baumgartner jeweils Caviezels Unterschrift zu erkennen. Ergänzt mit handschriftlichen Vermerken wie «eingesehen und bewilligt».Polizeikommandant Andreas Baumgartner.PDDas heisst: Nicht nur der Kommandant, auch die Sicherheitsvorsteherin selbst scheint bei den Finanzen getrickst zu haben. Und zwar mit demselben Vorgehen, das sie heute als «inakzeptabel» bezeichnet.Mit diesem Umstand konfrontiert, schreibt die Stadt Uster: «Ja, die erwähnten Rechnungen wurden durch die Abteilungsvorsteherin Sicherheit visiert. Das korrekte Vorgehen wäre gewesen, den Kredit durch den Stadtrat genehmigen zu lassen.»Stadträtin Caviezel selbst war ferienbedingt nicht für eine Stellungnahme erreichbar. In der Ratsdebatte von vergangener Woche hatte sie noch volle Transparenz versprochen und ihre «Verärgerung» über die Budgetabweichungen ausgedrückt.Der Ex-Kommandant Baumgartner will sich auf Anfrage nicht zu der Sache äussern.Die Spitze des EisbergsIm Stadtparlament ist das Misstrauen gegenüber der politischen Führung geweckt. Nach den Sommerferien will die zuständige Parlamentskommission vertiefte Abklärungen durchführen und Beteiligte anhören. Die SVP Uster fordert gar die Einsetzung einer PUK.Die Stadt betont, das aufgedeckte Fehlverhalten sei «strafrechtlich nicht relevant». «Nach derzeitigem Wissensstand wurde bezahlt, was bestellt wurde. Insofern ist kein finanzieller Schaden entstanden.» Die internen Kontrollmechanismen hätten funktioniert, man habe die gesplitteten Rechnungen selbst entdeckt und Massnahmen ergriffen. So habe man etwa die Beträge herabgesetzt, die Kaderleute in der Sicherheitsabteilung selbst bewilligen dürften.Insbesondere den Bürgerlichen reicht das aber nicht. Gemeinderat Simon Vlk (FDP) hält es für «voreilig», strafrechtliche Folgen auszuschliessen. Es müsse genau untersucht werden, ob sich jemand der Urkundenfälschung oder der ungetreuen Geschäftsbesorgung schuldig gemacht habe.Für den Stadtparlamentarier Daniel Schnyder (SVP) steht die Frage nach Mitwissern und Duldern im Zentrum. Er glaube nicht, dass die Schuld allein bei dem Ex-Kommandanten Baumgartner liege. «Seine Vorgesetzten sollen nichts gewusst haben? Das überzeugt mich nicht.»Marius Weder (SP) will zwar keine PUK, findet den Fall jedoch ebenfalls «befremdlich». Offenbar fehle in Teilen der Polizei der Wille zum Einhalten von Budgetvorgaben. Die gesplitteten Rechnungen sind aus seiner Sicht nur «die Spitze des Eisbergs».Besonders verdächtig erscheint manchen Lokalpolitikern in diesem Zusammenhang ein anderer Posten im Polizeibudget: die Einnahmen aus dem Verteilen von Bussen. Sie sind vergangenes Jahr nämlich plötzlich auf rätselhafte Weise angestiegen.Wenn die Polizei mit Bussen ihre Finanzen schöntEs ist tatsächlich ein bemerkenswerter Geldsegen: Eigentlich waren 2025 Busseneinnahmen von rund 0,5 Million Franken budgetiert. Tatsächlich waren es am Ende über 1,5 Millionen.Dass diese zusätzliche Million ausgerechnet dann auftauchte, als dieselbe Polizei 1,4 Millionen Franken mehr ausgab, als sie sollte – das wirft Fragen auf. Denn im Jahr 2025 beschaffte sich die Stadtpolizei nicht nur mit manipulierten Rechnungen ein Zivilfahrzeug. Sie kaufte gemäss NZZ-Informationen auch allerlei anderes, etwa mehrere Polizeidrohnen und spezielle Einsatzhosen mit gepolsterter Kniepartie.Sollten diese Ausgaben mit gesteigerten Busseneinnahmen kaschiert werden? Oder war es umgekehrt der Geldsegen aus den Bussen, der erst zu den üppigen Ausgaben verleitete? Darüber scheiden sich die Geister. Bürgerliche Stadtparlamentarier vermuten Ersteres, die Stadtregierung selbst glaubt Letzteres.Die Höhe der Zusatzeinnahmen sei «ausserordentlich», schreibt die Stadt auf Anfrage. Sie sei aber zum grössten Teil auf eine neu eingerichtete Kameraüberwachung bei einem Bahnübergang zurückzuführen. Dort missachten viele Autos das Rotlicht, entsprechend zahlreich sind die Bussen. Mittlerweile ist die Kamera nicht mehr in Betrieb.Es scheint, dass in der Polizei Uster im Mindesten die folgende, nicht eben lupenreine Haltung vorherrschte: Wenn wir das Geld einnehmen, dann dürfen wir es auch ausgeben, wie es uns gerade passt.Für Parlamentarier aus SVP und FDP stellt dieser Umstand auch die Aussage der Stadtregierung infrage, wonach für Uster «kein finanzieller Schaden» entstanden ist. «Formell mag das stimmen», sagt Simon Vlk. «Aber die Frage ist doch: Waren diese Anschaffungen wirklich alle nötig?» Sein Verdacht: Die Polizei kaufte Material, das sie nicht brauchte, stellte die Stadtregierung dann vor vollendete Tatsachen – und unterlief damit die politische Kontrolle ihrer Ausgaben.Damit konfrontiert, räumt die Stadt Uster erstmals ein: «Nicht alle Material- und/oder Fahrzeuganschaffungen waren zur Erledigung des Grundauftrages zwingend notwendig.» Es gebe jedoch keine Hinweise darauf, dass die Polizeikader sich selbst oder Dritte mit ihrem Vorgehen begünstigt hätten. «Die Rechnungen sind inhaltlich korrekt.»Der Finanzvorstand Frei betonte im Parlament ausserdem, es gehe hier «weder um ein generelles Verhalten noch um die Stadtverwaltung als Ganzes», sondern um «eine spezifische Situation».Viele offene FragenWeiterhin rätselhaft bleiben derweil die Umstände, die zur Entlassung des Kommandanten führten. Sie hängt dem Vernehmen nach nämlich nicht allein mit der Rechnungsaffäre zusammen. Eine zentrale Rolle soll auch eine interne Administrativuntersuchung spielen. Dabei soll es gemäss mehreren Involvierten nicht um finanzielle Tricksereien, sondern um Verfehlungen anderer Art gehen.Worum genau? Will selbst hinter vorgehaltener Hand niemand sagen.Uster, so viel ist sicher, hat die letzte Enthüllung in der Polizeiaffäre noch nicht überstanden.Passend zum Artikel