Gefeierter Debütroman von Maria Reva: Mit dreizehn Junggesellen auf Liebessuche in der Ukraine, dann bricht der Krieg ausMit ihrem wilden Buch «Ein Königreich für eine Schnecke» gelingt der Schriftstellerin ein witziges und doch tiefgründiges Abbild einer verrückten Gegenwart.Rainer Moritz10.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEs ist ein Vergnügen, Maria Reva auf den verspielten Umwegen ihres Buches zu folgen.Anya ChibisWie schreibt man über den Krieg, ohne in Betroffenheitsjargon zu verfallen? Und wie kann es gelingen, einen komischen, skurrilen Ton anzuschlagen und gleichzeitig Zerstörung, Tod und Heimatverlust ernst zu nehmen? Die 1989 in der Ukraine geborene und mit sieben Jahren nach Kanada gekommene Maria Reva, die 2021 Kurzgeschichten veröffentlichte, hat sich in ihrem Erstlingsroman «Ein Königreich für eine Schnecke» von all diesen Hindernissen nicht abschrecken lassen und einen kühnen Text vorgelegt, der sich mit einem stattlichen Arsenal sonderbarer Figuren und bizarrer Episoden mitten in die Ukraine begibt, im Jahr 2022, als die russische Invasion einsetzt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Anfang des Romans steht Jewa, eine Frau um die dreissig, die zum Entsetzen ihrer Mutter keine Familie gründen und sich lieber dem «Schutz von Weichtieren» widmen will. Genauer gesagt, geht es ihr um 276 Schnecken, die sie in einem zum Labor umgebauten Wohnmobil beherbergt. Auf diese Weise will sie, in engem Austausch mit einem Schneckenforscher aus Hawaii, Arten vor dem Aussterben bewahren – eine Sisyphusarbeit, da sie sich eingestehen muss, es meist mit Endlingen zu tun zu haben, also mit letzten Überlebenden. «Endling», so heisst denn auch der englische Originaltitel, der im Deutschen zum etwas bemühten «Ein Königreich für eine Schnecke» wurde.Romantische Reise in den KriegAls Jewa es müde wird, komplizierte Forschungsanträge zu stellen, um ihr fahrendes Labor zu finanzieren, kommt sie in Kontakt mit den beiden Schwestern Nastja und Sol, die für die kanadische Agentur «Romeo Meets Julija» arbeiten. Deren Ziel ist es, liebeshungrige «Junggesellen» aus der westlichen Welt in die Ukraine zu locken, wo ihre Wünsche in Erfüllung gehen sollen: «In der ukrainischen Frau», so die Agenturwerbung, «verschmelzen die Rassen miteinander, und Sie bekommen von allem das Beste! Wie bei einem Büfett.»Die drei Frauen verdienen als Angestellte der Liebesagentur leichtes Geld, doch das Szenario verändert sich mit einem Mal, als die «romantischen Touren» durch die Ukraine der Realität zum Opfer fallen. Denn der Überfall Russlands zerstört alle Voraussetzungen dafür – auch die des Romans, den Maria Reva, das gleichnamige Alter Ego der Autorin, schreiben wollte. Mit allen postmodernen Wassern gewaschen, lässt Reva ihr ursprüngliches Projekt nach rund zwei Fünfteln des Textes offiziell enden, mit Danksagung und Autorenvita. Der anvisierte Schluss ist nicht mehr haltbar. Es ist ein Vergnügen, Reva auf diesen verspielten Umwegen zu folgen, ihr dabei zuzusehen, wie sie problemlose Abbildungen der Realität ad absurdum führt und beispielsweise von einzelnen Szenen mehrere Variationen anbietet.Plötzlich kommen wieder die SchneckenWas folgt, ist – inmitten des sich ausbreitenden Krieges – eine turbulente Roadnovel. Die drei Frauen nehmen dreizehn der Junggesellen als Geisel und verfrachten sie in das enge Wohnmobil. Dass draussen Krieg herrscht, begreifen die verdutzten Herren erst mit Verzögerung, und zu ihrem Entsetzen entfernt sich Jewa mit ihrem Gefährt nicht von den Brennpunkten. Nein, auf einem viral gehenden Foto entdecken sie und ihr hawaiianischer Freund ein an einem verdorrten Baum klebendes Exemplar genau jener Schneckenart, von der Jewa ein letztes, seit vier Jahren tiefgekühltes Exemplar geblieben ist. Leider befindet sich der Baum der Bäume im Süden der Ukraine, in Cherson, wo die Gefahr am grössten ist – für die Schneckenforscherin freilich kein Grund, ihr vollgepferchtes Wohnmobil nicht genau in diese Region zu lenken. Die beiden Schnecken müssen schliesslich zusammengeführt werden!Maria Reva hat einen ausgesprochen klugen, gewitzten Roman geschrieben. Selbst seine Metareflexionen («Wie macht man aus einzelnen Erzählsträngen einen ‹richtigen› Roman?») wirken nie gewollt. Und wenn die ersten Schüsse fallen, gibt Reva dem ausbrechenden Kriegsgeschehen seine unfassbare Bedrohung, ohne stilistisch über Gebühr aufzutrumpfen. Angereichert ist das Ganze mit – fast zu vielen – Abschweifungen, etwa wenn plötzlich ein Filmteam auftaucht, das ein Propagandastück drehen und damit suggerieren will, wie freudig die Ukrainer die ihnen vermeintlich Freiheit schenkenden russischen Invasoren empfangen.Abbild einer irrsinnigen WirklichkeitBei all dieser Fülle grossartiger Episoden vergisst Maria Reva nicht, ihren vom Schicksal und von Erinnerungen gebeugten Figuren Leben einzuhauchen, sie nicht zu Demonstrationsobjekten zu machen. Mit wenigen Strichen skizziert sie die Sehnsucht der beiden Schwestern, ihre Mutter Jolanta endlich wiederzusehen. Diese ist anfangs seit acht Monaten untergetaucht und scheint nicht mehr auffindbar zu sein – was umso merkwürdiger erscheint, da die Mutter eine bekannte feministische Aktivistin ist, die sich einst «vor Putin entblösst hatte, mit blutroten Slogans auf ihrem Rücken».Und selbst die Junggesellen, die es sich etwas kosten lassen, in der Ukraine, einem Land mit hohem Frauenüberschuss, ihr Liebesglück zu finden, sind keine stereotypen, skrupellosen Gestalten. Einer von ihnen kommt bei den ersten Kriegsscharmützeln ums Leben, und ein anderer, Pawlo, durchläuft ein wahres Martyrium, bis er seine Berufung findet. Einst mit seinen Eltern aus der Ukraine nach Kanada ausgewandert, malt er sich in der Ferne eine paradiesische Heimat aus – eine Phantasmagorie, die sich angesichts der (Kriegs-)Realität in nichts auflöst. Erst ganz am Ende erfahren wir, was aus dem einst von Hochschulen abgelehnten Künstler wird.«Ein Königreich für eine Schnecke» ist ein verblüffendes Debüt, das sich nicht mit simplen, vorgestanzten Erzählweisen zufriedengibt und für die Verletzungen, die die irrsinnige Gegenwart den Menschen zufügt, einen genauen Blick hat.Maria Reva: Ein Königreich für eine Schnecke. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. DTV, München 2026. 479 S., Fr. 38.90.Passend zum Artikel