Nach Putins Angriff auf die Ukraine bricht Maria Reva ihren Roman ab – und erzählt schliesslich doch weiterEigentlich wollte sie über eine ukrainische Heiratsvermittlung schreiben. Dann kam der Krieg dazwischen. Mit «Das Königreich der Schnecken» gelingt Maria Reva skurriles, liebevolles und erschütterndes Buch.28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMaria Reva, als Kind aus der Ukraine nach Kanada ausgewandert, fühlt sich als Zuschauerin des Krieges in ihrer Heimat.Anna PidgornaHier macht man beim Lesen einiges mit. Wie auch Maria Reva beim Schreiben. Ihr Roman «Ein Königreich für eine Schnecke», eine feinsinnig-skurrile Erzählung über drei Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen bei der ukrainischen Heiratsvermittlung «Romeo Meets Yulia» anheuern, bricht nach einem Drittel unvermittelt ab. Mit Beginn der russischen Invasion kann die kanadische Autorin mit ukrainischen Wurzeln nicht weiterschreiben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Reva verharrt. Und lässt dann die Leserin an dem Prozess teilhaben, den sie durchmacht beim Versuch, weiterzuschreiben. Versucht sich an einem kurzen, versöhnlichen Happy End, samt Danksagung und Klappentext. Das sie widerruft. Um sich in einem Gespräch mit einem vielleicht fiktiven Agenten zu verlieren. In einem E-Mail-Verkehr mit einem Redaktor, der einen Text zur Lage in der Ukraine von ihr als zu humorvoll zurückweist. Sie beschwört eine Art weisen, wenn auch etwas besserwisserischen antiken Chor herauf.In alledem und in sehr persönlichen, in der Ich-Form verfassten Texten wird ihre Not spürbar: «Meine Schwester, die ebenfalls in Vancouver lebt, hat mir erzählt, dass sie in frisch aufgeworfenen Erdhügeln für Blumenbeete Massengräber sieht. Manchmal frage ich mich, ob wir beide verrückt werden, ob wir in zwei Realitäten zugleich leben – auf der einen Seite die Explosionen, von denen alle Anrufe aus der Ukraine durchzogen sind, auf der anderen die Dinnerpartys in Vancouver mit lächelnden, lachenden Freunden in knitterfreien Stoffen, die den Krieg nicht einmal zur Sprache bringen.»Als Lesende spürt man, wie es der als Kind nach Kanada ausgewanderten Autorin und anderen ergeht, die ihre Heimat bedroht sehen und daran leiden, aber aus der Ferne auch nur Zuschauende sind. Zugleich bedauert man, dass man nicht zurückdarf in die kluge Geschichte voller Absurditäten über die Schneckenforscherin Jewa und die Schwestern Nastja und Sol, die versuchen, durch ihre Teilnahme am Heiratsvermittlungsangebot für westliche Junggesellen ihre verschwundene feministische Mutter zu provozieren. Und man schämt sich zugleich, weil man so egozentrisch ist in einer für andere lebensbedrohlichen Situation.Der einschneidende Wechsel der Perspektive wirkt ungemein authentisch und hebt den Roman auf eine völlig neue Ebene. Maria Revas Werk – bitterböse Roadtrip-Satire und erschütterndes Zeitzeugnis – stand auf der Longlist des Booker Prize.Dass das Buch trotz dem metafiktionalen Bruch am Ende eine Einheit bildet, liegt an Revas staubtrockener, aber bildhafter Sprache. Durch sie kommt uns die Autorin ebenso nahe wie die Protagonistinnen und Protagonisten, die alle auf ihre Art Sonderlinge sind und Mühe haben, ihresgleichen zu finden – wie die Schnecke «Lefty» mit dem linksgewundenen Gehäuse: «Er war der Letzte seiner Art, und er war allein.» Die seltene Baumschnecke ist Jewas wichtigster Pflegling, welcher die schliesslich doch fortgeführte Geschichte begleitet und ihren Lauf mit beeinflusst.Maria Reva: Ein Königreich für eine Schnecke. Übersetzt von Stephan Kleiner. DTV 2026. 480 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel