Der Ansturm marokkanischer Migranten auf die spanische Exklave Ceuta am 30. und 31. Juli wirft viele Fragen auf. Rund 60.000 Menschen sprangen bei der Nachbarstadt Fnideq ins Meer und schwammen los, in dem Glauben, mit dem Erreichen des anderen Ufers seien sie in Spanien und in der EU als Asylanten angelangt. Mindestens 83 Menschen verloren ihr Leben. Nach ein, zwei Tagen waren geschätzt 48.000 von 60.000 Menschen zurück in Marokko, freiwillig oder gezwungen.Wer dafür die Verantwortung trägt und den Massenansturm ausgelöst hat, ist die Frage, auf die es wahrscheinlich keine einfache Antwort geben wird. Steckt die marokkanische Regierung dahinter? Hat Spanien versagt? Oder gibt es Hintermänner in der internationalen Politik? Ein Umstand lässt sich eindeutig benennen: Der Ansturm auf Ceuta ist ein Social-Media-Phänomen, das exemplarisch zeigt, welche Macht von den Netzwerken ausgeht.60.000 Menschen in die Irre geführtSie sind in der Lage, 60.000 Menschen in die Irre zu führen und sie dazu zu bringen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Sie lassen einen Staat wie Spanien machtlos erscheinen und setzen die Europäische Union einer Zerreißprobe aus. Dafür braucht es auf den sozialen Netzwerken nur die richtigen Stichworte. Und was wir Ende Juli erlebt haben, könnte sich schon bald wiederholen. Das Datum für den nächsten Massenansturm auf Ceuta steht: Es ist der 15. August.Der Weg übers Meer nach Ceuta sei frei, wird Nutzer auf Tiktok weisgemacht.FBladi Delmouni/Tik TokIn den Tagen vor dem 30. Juli waren auf Facebook, Instagram, Tiktok und Whatsapp Gruppen und Videos aus dem Boden geschossen, die das Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens zu Flüchtlingen von Ende Juni auf einen einfachen Nenner brachten. Das Urteil besagt, dass Asylsuchende, die auf dem Seeweg nach Ceuta oder Melilla gelangen, nicht direkt abgewiesen werden dürfen, sondern Anrecht auf eine Einzelfallprüfung haben. Auf Social Media wurde daraus: Schwimmt nach Ceuta, der Weg in die EU ist frei.„Grenze offen“, „der Weg ist frei“, „Ceuta ohne Papiere“ oder „Schwimmen nach Ceuta“ lauteten – in arabischer Sprache – die Stichworte, unter denen zum Grenzübertritt verlockt wurde. Ein weiteres Stichwort hieß „Fnideq“ – der Name der marokkanischen Nachbarstadt von Ceuta. Die wohl häufigste Wortwahl war „haraga Ceuta“. „Haraga“ meint „diejenigen, die (ihre Ausweispapiere) verbrennen“. In Verbindung mit dem Ortsnamen Ceuta ist die Bedeutung klar.Unter der Losung bildeten sich auf Facebook oder Whatsapp Gruppen mit, wie spanische Medien berichten, angeblich bis zu 20.000 Mitgliedern, die sich inzwischen wieder aufgelöst haben sollen. Als Initiatoren benennen die Regierungen von Marokko und Spanien die Schleusermafia, die Spur einiger Accounts führte nach Algerien.Angekommen in Ceuta, ging es erst einmal darum, heißt es auf diesem Account, die eigene Mutter anzurufen.S/Tik TokAuf Videos gab und gibt es Szenen zu sehen, die den Grenzübertritt wie einen Badeausflug erscheinen lassen. Auf einem krault eine Zeichentrickfigur ganz locker von Fnideq nach Ceuta; auf einem anderen zeigt jemand einen Raum voller Schwimmausrüstung, mit der er Fluchtwillige ausstaffieren könnte. Ein weiterer Film zeigt junge Männer, die Passanten in Ceuta bitten, mit ihren Smartphones telefonieren zu dürfen, um ihre Familien in Marokko zu verständigen. Auf einem anderen ist zu sehen, wie Dutzende junge Männer von der Ladefläche eines Lastwagens springen, ein marokkanischer Polizist schaut ihnen zu – die Szene soll sich nahe der Grenze zur Exklave Ceuta ereignet haben. Sie ist mit ebensolchen Fragezeichen zu versehen wie alle anderen Lockvideos. Ihre Wirkung aber verfehlt sie nicht.Der Schwung auf Social Media ging noch weiter. Über Facebook, Instagram, Tiktok, Youtube und Whatsapp weitete er sich, wie nicht anders zu erwarten, auch auf Elon Musks Plattform X aus als Vorlage für alle, die an eine Weltverschwörung glauben, vorzugsweise eine jüdische. 119 Accounts auf X hätten mit 173 Posts einer Leserschaft von mehr als hundert Millionen Menschen die Botschaft verabreicht, hier handele es sich um ein jüdisches Komplott, fand das Antisemitism Research Center (ARC) der in den USA ansässigen NGO Combat Antisemitism Movement (CAM) heraus, wie die „Jerusalem Post“ berichtet.So rundet sich der Kreis von der nordafrikanischen Schleusermafia bis zu linken wie rechten Verschwörungsantisemiten. Und das könnte, wie das lokale Nachrichtenportal „Ceuta Actualidad“ schreibt, nicht die letzte Runde gewesen sein. Mit Blick auf entsprechende Social-Media-Posts warnt das Portal vor einem zweiten Massenzustrom. Das Motto auf Social Media laute nun: „Unsere letzte Chance“.