Alarmzustand in der spanischen Exklave Ceuta: Mehr als tausend Migranten strömen unkontrolliert in den KüstenortDie Regierung des Küstenortes bei Marokko fordert von Madrid die Ausrufung der nationalen Notlage. Die Bilder erinnern an den letzten Ansturm von Migranten 2021, als zwei Dutzend Menschen beim Versuch, EU-Boden zu erreichen, starben.30.07.2026, 18.28 Uhr4 LeseminutenVon Schwimmringen bis Neoprenanzügen – die Menschen kamen unterschiedlich ausgestattet an der spanischen Küste an.ReutersOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Donnerstagnachmittag sind innert weniger Stunden Hunderte Migranten ungehindert von Marokko nach Ceuta gelangt. Die meisten liefen auf marokkanischem Boden möglichst nahe an die Grenze der spanischen Exklave und schwammen dann über die Grenze in den Küstenort. Bilder und Videoaufnahmen zeigen durchnässte, aber jubelnde Menschen bei ihrer Ankunft.Ceuta gehört zu Spanien und ist deshalb ein beliebtes Ziel für Migranten, die irregulär in die EU einreisen wollen. Die Exklave ist mit massiven Grenzschutzanlagen gesichert. Doch der Ansturm übers Wasser überforderte die Polizei offenbar. In spanischen Medien sprachen Sicherheitskräfte vor Ort von einer «kritischen Lage und von Chaos».Der Druck auf die marokkanisch-spanische Grenze hat in den vergangenen Tagen stark zugenommen. Laut Angaben der dortigen Regionalregierung sind in den letzten zehn Tagen mehr als 1500 Migranten nach Ceuta gelangt. Die Aufnahmezentren seien teilweise zu über 200 Prozent belegt, sagte der Regionalpräsident Juan Jesús Vivas. Ceuta verfüge über rund 500 Aufnahmeplätze für Migranten, rund 1000 Plätze seien belegt, weitere 1000 Menschen warteten nun im Freien vor den Aufnahmezentren.Wie viele Migranten genau am Donnerstag hinzugekommen sind, ist noch unklar. Spanische Medien sprechen aber von der grössten Migrationskrise in Ceuta seit 2021.Der Regionalpräsident rief die rund 83 000 Einwohner Ceutas zur Ruhe auf und erinnerte daran, dass die Stadt so etwas nicht zum ersten Mal erlebe. Damit spielte Vivas auf den letzten grossen Ansturm auf den spanischen Grenzübergang in Marokko an. Im Mai 2021 stürmten innert 48 Stunden mehr als 8000 Migranten die Grenzanlagen und Strände von Ceuta. Die Sicherheitskräfte waren überfordert und reagierten teilweise mit Gewalt, es kam zu mindestens 24 Toten. Auch dieses Jahr sind schon mehr als 30 Personen beim Versuch gestorben, Ceuta über das Meer zu erreichen.Vivas forderte die Zentralregierung in Madrid am Donnerstag auf, den nationalen Notstand auszurufen und die Koordination der Lage zu übernehmen. Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska soll offenbar am Freitag in die Region reisen. Der konservative Vivas forderte von der sozialistischen Regierung in Madrid gleichzeitig den Einsatz der Armee, um die Lage unter Kontrolle zu bringen und die Ankömmlinge sofort wieder auszuschaffen.Ein Neuankömmling küsst den Boden in Ceuta. Hier beginnt das Territorium der Europäischen Union.Reduan Dris / EPADie Sicherheitskräfte sehen zu, wie Dutzende Migranten nach Spanien schwimmen.Antonio Sempere / APGerichtsurteil oder mangelnde Kontrollen als Auslöser?Doch seit wenigen Wochen ist das rechtlich nicht mehr ohne weiteres möglich. Anfang Juli entschied Spaniens Oberster Gerichtshof, dass Migranten, die Ceuta schwimmend erreichen, nicht sofort nach Marokko zurückgeschickt werden dürfen. Anders als Menschen, die Zäune oder andere Grenzanlagen überwänden, hätten sie die Grenze nicht gewaltsam überschritten. Dieses Urteil könnte dazu beigetragen haben, dass derzeit deutlich mehr Menschen den Weg über das Meer wählen.Auch die lockere Migrationspolitik von Spanien könnte neue Anziehungskraft freigesetzt haben. So beschloss die spanische Regierung jüngst eine massive Regularisierung von Immigranten ohne Papiere. Bis Ende Juni beantragten 1,3 Millionen irreguläre Einwanderer eine Legalisierung ihres Aufenthalts.Spanische Medien spekulieren allerdings auch, dass das volatile diplomatische Verhältnis zu Marokko die neue Zunahme der irregulären Migration begünstigt haben könnte. Spanien hat mit Marokko eine Vereinbarung, wonach das Nachbarland Migranten, die irregulär in das EU-Land kommen wollen, kontrolliert und von der Abreise abhält.Es sind vornehmlich junge Männer, die den gefährlichen Weg über das Meer wählen. In den vergangenen sechs Monaten kam es zu mehr als 30 Toten.Reduan Dris / EPAMarokko hat die Grenzkontrollen jedoch schon mehrfach gelockert, um Druck auf Madrid auszuüben – so auch beim Massenansturm auf Ceuta im Jahr 2021. Auslöser war damals eine humanitäre Entscheidung Spaniens: Ohne Marokko zu informieren, liess die Regierung Brahim Ghali, den Anführer der Westsahara-Unabhängigkeitsbewegung Polisario, unter falschem Namen aus dem algerischen Exil einfliegen und wegen einer schweren Corona-Erkrankung in einem spanischen Spital behandeln.Die diplomatischen Verstimmungen führten dazu, dass in den darauffolgenden Jahren Tausenden Migranten die Flucht von Marokko nach Spanien gelang. Erst seitdem die Regierung von Pedro Sánchez in einer historischen Kehrtwende den Widerstand gegen Marokkos Autonomieplan für die 1976 annektierte Westsahara aufgegeben hat, funktionierten die Kontrollen und Rückführungen zwischen den Ländern wieder.Am 20. Juli besuchte Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez erstmals seit vier Jahren Algerien. Marokko ringt mit Algerien unter anderem um die Westsahara. Doch das spanische Aussenministerium wies Spekulationen entschieden zurück, wonach der Besuch erneut Missstimmung und Vergeltungsmassnahmen provoziert haben könnte.Passend zum Artikel