Übergroße, grellgelbe Buchstaben haben die Bauarbeiter auf der Lindwurmstraße angebracht, die signalisieren, wer hier Vorrang hat: der „BUS“. Die Markierung hält aber nicht alle Menschen auf ihren Zweirädern, die zweifelsohne nicht in die Kategorie Bus fallen, davon ab, an der Ecke Lindwurmstraße/Reisingerstraße einfach weiter geradeaus stadteinwärts zu radeln. Wie sie es seit vergangenem Jahr gewohnt waren, als dem motorisierten Verkehr auf der wichtigen Zubringerstraße Richtung Innenstadt eine Spur genommen und dem Radverkehr zugeschlagen worden war.Mitte Juli aber hat die Stadt die Verkehrsführung auf der Lindwurmstraße zwischen der Reisingerstraße bis kurz vor dem Sendlinger Tor zugunsten des Schienenersatzverkehrs – zunächst temporär – geändert. Nur etwa ein Jahr nach dem etwa 1,6 Millionen Euro teuren Umbau vom Goetheplatz bis zum Sendlinger Tor, von dem insbesondere die Fußgänger und vor allem die Radfahrer profitierten, die seitdem auf eigenen Fahrradspuren unterwegs waren – zulasten des motorisierten Verkehrs, dem je eine Spur pro Fahrtrichtung genommen wurde.Angesichts im Stau stehender Busse des Schienenersatzverkehrs aber sah sich Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) genötigt, die Rolle rückwärts hinzulegen und den Radfahrern zumindest vorübergehend die eigene Spur zu nehmen und darauf eine Busspur einzurichten. Seitdem reißt die Kritik an der Maßnahme nicht ab. Andreas Schön etwa, Vorsitzender des Münchner Allgemeinen deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), spricht von „teils chaotischen Szenen“ auf der Lindwurmstraße – nimmt aber auch jene in die Pflicht, die er qua Amt vertritt: die Fahrradfahrer.Keine Rückkehr zur alten Situation, da es mehr Radler gebe, sagt der ADFC-ChefDenn eigentlich müssen die Radler stadteinwärts an der Kreuzung der Lindwurm- mit der Reisingerstraße nach rechts schwenken, den gelben Markierungen folgen und – wie vor dem Umbau – auf dem alten, noch bestehenden Radweg weiterfahren. Und zwar „benutzungspflichtig“. Soll heißen: Eine Weiterfahrt auf der nun als Busspur ausgewiesenen Fahrspur ist ihnen untersagt. Dass sich daran nicht alle halten, stellt auch ADFC-Vertreter Schön fest. Auf der Busspur zu fahren, sei natürlich nicht legal. „Aber es entzerrt die Situation auf der Lindwurmstraße etwas.“Denn die Versetzung des Radwegs zurück auf die Fläche zwischen den Häuserfronten und Pappeln, so Schön, sei eben keine reine „Rückkehr zur alten Situation“. Mittlerweile seien sehr viel mehr Menschen mit dem Fahrrad auf der Lindwurmstraße unterwegs als früher, was eben auch mit der besseren Infrastruktur durch den Umbau im vergangenen Jahr zusammenhänge, so Münchens ADFC-Chef.Mit dem temporären Umbau zeigt sich indes Münchens Mobilitätsreferent Georg Dunkel zufrieden – insbesondere hinsichtlich der Verbesserungen für den Schienenersatzverkehr, der den Ausfall der U-Bahn zwischen Sendlinger Tor und Implerstraße aufgrund der Erneuerung der U-Bahnhöfe Poccistraße und Goetheplatz kompensieren soll. „Die angepasste Verkehrsführung mit Einrichtung einer Busspur in der Lindwurmstraße hat gemäß ersten Beobachtungen und Eindrücken vor Ort die gewünschten Verbesserungen gebracht“, sagt Dunkel auf SZ-Nachfrage. Durch die Maßnahme würden Rückstauungen und Konflikte vermieden und Verzögerungen reduziert.Radler müssen zwischen der Reisingerstraße und kurz vor dem Sendlinger Tor eigentlich wieder auf den alten Radweg zwischen den Häuserfronten und den Pappeln ausweichen. Robert HaasDies bestätigt auch die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Mit der nicht einmal 200 Meter langen Busspur komme ein Ersatzbus im Schnitt etwa zwei Minuten schneller voran, teilt ein Sprecher mit. Dadurch habe sich der Betriebsablauf maßgeblich stabilisiert. Seit diesem Montag seien zudem weitere Verbesserungen zu erwarten: „Mit Beendigung der Gleisbaustelle in der Sonnenstraße wenden wieder weniger Züge am Sendlinger Tor. Damit kann die Grünphase für den aus der Lindwurmstraße kommenden Verkehr verlängert werden“, so der MVG-Sprecher, der dadurch weitere Fahrtzeitverkürzungen für die Ersatzbusse erwartet.ADFC-Sprecher Schön spricht nach zwei Wochen Busspur von einer „gemischten Bilanz“ aus Sicht der Fahrradfahrer - und denkt zeitlich bereits über den Start des Münchner Oktoberfestes hinaus. Denn mindestens so lange soll die Busspur bestehen bleiben, teilt das Mobilitätsreferat mit. Anschließend werde die Situation neu bewertet – samt einer „detaillierten Auswertung aller Verkehrszahlen“, so Mobilitätsreferent Dunkel.Schön sagt, dass es perspektivisch keinesfalls bei der Verlegung des Radwegs bleiben dürfe und fordert die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung zum Dialog auf: „Wir sind bereit, über Nachfolgelösungen zu reden und versuchen ins Gespräch zu kommen. Aber bisher ist das nicht passiert.“ Über die Sommerferien, so Schön, müsse eine neue Lösung gefunden werden, die nach dem Oktoberfest umgesetzt werden könne. „Denn der Konflikt auf der Lindwurmstraße ist noch da.“