Die Piktogramme auf dem rot eingefärbten Radweg auf der Lindwurmstraße sind an diesem Dienstagvormittag bereits mit gelben Streifen überklebt. Dennoch rauschen im Sekundentakt Fahrradfahrer auf dem erst im vergangenen Jahr fertiggestellten Radweg in Richtung Sendlinger Tor. Während Bauarbeiter Poller abbauen, die den Radstreifen von der Spur für den motorisierten Verkehr abtrennen, und gelbe Markierungen verlegen, die den Radlern den Weg auf den alten Radweg zwischen den hoch aufragenden Pappeln und den Häuserfronten weisen sollen.Am vergangenen Freitag hat die Landeshauptstadt – im Auftrag von Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) – bekanntgegeben, dass der Radweg auf der Lindwurmstraße zwischen Reisingerstraße und Sendlinger Tor temporär – wie vor dem Umbau – wieder neben den Gehweg verlegt werden soll. Damit wird auf der Fahrbahn eine separate Busspur geschaffen, um den Schienenersatzverkehr mit Bussen zwischen der Implerstraße und Sendlinger Tor zu beschleunigen. Seitdem reißt die Kritik an der Maßnahme nicht ab.Dass es Probleme beim Schienenersatzverkehr gibt, der aufgrund der Sanierung der U-Bahnhöfe Poccistraße und Goetheplatz und der damit verbundenen Einstellung des U-Bahn-Verkehrs zwischen Sendlinger Tor und Implerstraße eingerichtet worden ist, räumt auch Holger Quick vom Radentscheid München ein. „Auch wir sprechen uns dafür aus, dass der Schienenersatzverkehr beschleunigt werden muss“, sagt Quick. „Aber wir behaupten, dass es wirksamere und mildere Lösungen gibt.“ Zudem kritisiert er die Kommunikation der Stadtspitze bei der Vorbereitung und Umsetzung der Maßnahme – ohne Namen zu nennen. „Wir vom Radentscheid bedauern es extrem und verstehen es überhaupt nicht, dass Vertreter des Fuß- und Radverkehrs bei der Maßnahme überhaupt nicht einbezogen wurden“, so Quick.Diesem Vorwurf stellt sich Münchens Zweite Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne), die den Mobilitätsausschuss des Stadtrats leitet. Auf SZ-Nachfrage räumt Fuchs ein: Die Kommunikation hätte besser laufen müssen; der Bezirksausschuss und Vertreter des Radverkehrs hätten „frühzeitig“ einbezogen werden sollen. „Das nehmen wir als klaren Lernauftrag mit“, so Fuchs.Die Empörung unter Interessenvertretern des Radverkehrs indes war nach Bekanntwerden der temporären Verlegung des Radwegs enorm. Am Freitagabend hatte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club München (ADFC) spontan zu einer Demo auf der Lindwurmstraße aufgerufen, an der sich etwa 50 Menschen auf ihren Rädern beteiligten. Münchens ADFC-Vorsitzenden Andreas Schön erzürnt, dass der Umbau zulasten der Verkehrssicherheit von Fahrradfahrern gehe. Diese müssten einem Problem – Stau auf der Lindwurmstraße – weichen, das sie selbst nicht geschaffen hätten; und würden auf die alte, teils marode Infrastruktur verdrängt. „Obwohl der Radverkehr doch vor allem durch die neue Infrastruktur so gewachsen ist“, so Schön.Bürgermeisterin Fuchs indes rechtfertigt die Maßnahme. „Die Belastung durch den Schienenersatzverkehr war in dieser Form zu hoch“, sagt sie. „Gerade im Berufsverkehr standen die Busse viel zu lange im Stau.“ Für die vielen Menschen, die täglich auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, sei das keine tragbare Situation gewesen. „Deshalb bin ich froh, dass wir jetzt kurzfristig Abhilfe schaffen können“, betont Fuchs, die aber auch ihre Hand Richtung Fahrradfahrer ausstreckt: „Es handelt sich ausschließlich um eine vorübergehende Lösung. Für die Dauer der Bauarbeiten wird auf den früheren Radweg ausgewichen, danach wird die Situation wieder angepasst.“Die Stadt reagiert mit der Verlegung des Radwegs auf das hohe Verkehrsaufkommen. Immer wieder stehen Busse des Schienenersatzverkehrs zwischen Implerstraße und Sendlinger Tor im Stau. Stephan RumpfDass die Stadt sehenden Auges in diese Situation geraten sei, kritisiert Manuel Pretzl, Fraktionssprecher der CSU im Stadtrat. „Wir als CSU haben immer gesagt, dass man nicht alles auf einmal machen kann: Sanierung der Brücke an der Poccistraße, die U-Bahnhöfe Poccistraße und Goetheplatz, die Lindwurmstraße“, so Pretzl. „Das war alles absehbar und einfach zu viel.“ Aus Sicht seiner Fraktion sollte für Fahrradfahrer angesichts des hohen Verkehrsaufkommens eine Alternativroute über den Bavariaring und die Bavariastraße eingerichtet werden.Planlosigkeit unterstellt auch Tobias Ruff, Fraktionssprecher der ÖDP im Stadtrat, der Stadt – und fordert ebenfalls eine Ausweichroute etwa auf Parallelstraßen zur Lindwurmstraße für den Radverkehr, statt die Radler auf einen „viel zu schmalen Radweg“ und „veralteter Infrastruktur“ fahren zu lassen. Dass eine eigene Busspur benötigt werde, um den Schienenersatzverkehr beschleunigen zu können, hebt auch Ruff hervor – eine mögliche gemeinsame Nutzung der Busspur durch Busse und Fahrräder wäre für ihn daher „weder praktikabel noch sinnvoll“.Diese Lösung indes will Holger Quick vom Radentscheid München nicht kategorisch ausschließen. Er bringt aber auch noch weitere Alternativen ins Spiel, mit denen der Schienenersatzverkehr beschleunigt werden könnte und Radfahrer nicht an den Rand gedrängt werden müssten. Mit einer „Zuflusskontrolle“ oder Rechtsabbiegeverboten, so Quick, könne der motorisierte Individualverkehr auf der Lindwurmstraße reduziert werden. Auch könnten die Parkplätze auf der Parkspur zwischen Fahrbahn und Radweg entfernt werden, um so Platz für eine eigene Busspur zu schaffen, schlägt Quick vor. Entlastung könnte auch eine Aufsplittung des Schienenersatzverkehrs schaffen, indem auch der U-Bahnhof Fraunhoferstraße angefahren wird.„Das sind alles Vorschläge, die man erörtern muss. Aber dafür muss man miteinander reden“, sagt Quick. Dieser kritisiert auch den Zeitpunkt der Maßnahme. „Warum muss man das vor der verkehrsarmen Sommerzeit übers Knie brechen?“