Die Lindwurmstraße ist eines der zentralen Prestigeprojekte der Stadt München beim Umbau der Verkehrsinfrastruktur. Und auf dem Abschnitt vom Sendlinger Tor bis zum Goetheplatz lässt sich seit vergangenem Jahr beobachten, welches Ziel diese Umgestaltung verfolgt. Radfahrern und Fußgängern wird deutlich mehr Platz eingeräumt, der motorisierte Verkehr indes muss sich seitdem mit einer statt wie zuvor zwei Fahrspuren begnügen. Eine Kampfzone aber bleibt die Lindwurmstraße auch nach dem Umbau des ersten Abschnitts – und die Kontroversen gehen weiter, wie viel Raum den unterschiedlichen Verkehrsarten zugestanden werden soll.Seit Mai dieses Jahres haben die verkehrlichen Belastungen auf der wichtigen Achse aus Sendling in die Münchner Innenstadt noch einmal zugenommen. Weil die U-Bahnhöfe Poccistraße und Goetheplatz saniert werden, besteht seitdem auf dem Abschnitt von der Implerstraße bis zum Sendlinger Tor Schienenersatzverkehr mit Bussen – und die stehen sehr zum Ärger vieler Pendlerinnen und Pendler auf der Lindwurmstraße nicht selten im Stau.Das Mobilitätsreferat der Landeshauptstadt und die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) haben sich im Auftrag von Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) diesem Problem gestellt – und eine Lösung entwickelt, die heftige Kritik hervorruft. Andreas Schön, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) München, spricht in einer ersten Reaktion von „Ad-hoc-Entscheidungen“, die das Vertrauen „in eine verlässliche Verkehrspolitik“ untergraben würden.Doch was erzürnt den Interessenvertreter der Münchner Fahrradfahrer derart? Vor der Umgestaltung teilten sich Fußgänger und Radfahrer den eher begrenzten Platz zwischen den so markanten Pappeln und den Häuserfronten. Seit dem etwa 1,6 Millionen Euro teuren Umbau sind die Radler zwischen Goetheplatz und Sendlinger Tor auf gut markierten, breiten Radwegen neben den nur noch zwei Fahrspuren für Autos, Lieferwagen und Busse unterwegs. Und den Fußgängern stehen deutlich breitere Gehwege zur Verfügung.Zurück zu alten Zeiten: Früher teilten sich Radler und Fußgänger an der Lindwurmstraße den Platz zwischen den Pappeln und den Häuserfronten – auf einem Teilabschnitt soll diese Lösung temporär wieder eingeführt werden. Florian PeljakDas Mobilitätsreferat und die MVG planen nun im Abschnitt von der Reisingerstraße bis zum Sendlinger Tor – also auf etwas weniger als der Hälfte des neu gestalteten Straßenraums – die temporäre Rückkehr zur alten Lösung. Voraussichtlich bereits von kommendem Dienstag, 21. Juli, an soll auf diesem Abschnitt stadteinwärts eine Busspur eingerichtet werden. Der Radverkehr werde dann, teilt das Referat mit, „benutzungspflichtig auf den baulich noch vorhandenen Geh- und Radweg im Seitenbereich verlegt“. Es seien im Auftrag des Oberbürgermeisters mehrere „Optimierungsmaßnahmen“ geprüft worden, heißt es aus dem Mobilitätsreferat, um einerseits die Fahrzeitverluste beim Schienenersatzverkehr zu reduzieren und andererseits die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Denn immer wieder, so eine Sprecherin, komme es auf der Lindwurmstraße zu Konflikten zwischen den unterschiedlichen Verkehrsarten.Münchens ADFC-Vorsitzender Andreas Schön spricht von einem „Rückbau des Radfahrstreifens“ und kritisiert die Maßnahme scharf. Florian PeljakMit dieser Maßnahme will sich der ADFC München, der von einem „Rückbau des Radfahrstreifens“ spricht, nicht abfinden. Ein sicherer Radweg, so Sprecher Schön, sei keine Übergangslösung auf Abruf. „Wer ihn bei erster Herausforderung wieder zurücknimmt, macht deutlich, dass die Sicherheit von Radfahrenden offenbar jederzeit zur Disposition steht“, sagt er. Mit der Verlegung der Spur würden Tausende Fahrradfahrer zurück auf einen „unsicheren, völlig unterdimensionierten und teilweise beschädigten Radweg“ geschickt. Und dies, so Schön, dürfe auch aus rechtlichen Gründen nicht durchgedrückt werden: „Verkehrssicherheit geht vor Leistungsfähigkeit laut Straßenverkehrsordnung.“ Soll heißen: Der Schutz von Leib und Leben genießt Vorrang vor der flüssigen Abwicklung des Kfz-Verkehrs.Einen geplanten Rückbau der neuen Radfahrstreifen streitet eine Sprecherin des Mobilitätsreferats indes ab: „Das ist vollkommen falsch.“ Es handle sich dabei um eine temporäre Maßnahme. Durch ein Nachsteuern der Ampelanlagen im Bereich der Kreuzung Lindwurmstraße, Reisingerstraße und Ziemssenstraße sowie „verstärkter Kommunikation vor Ort“ würden zudem weitere Maßnahmen ergriffen, um das Einfädeln des Radverkehrs sowie der Busse und Kraftfahrzeuge möglichst sicher zu gestalten.Aus Sicht des ADFC aber stellt dies die Rückabwicklung eines Erfolgsmodells dar: Der erst vor einem Jahr fertiggestellte Umbau des ersten Abschnitts sei ein Erfolgsmodell, so Schön, und erhöhe die Verkehrssicherheit auf einem der meistbefahrenen Radwege Münchens. Und der Radverkehr habe nicht zuletzt wegen des Ausfalls der U-Bahn zwischen Implerstraße und Sendlinger Tor und des Schienenersatzverkehrs, der deutlich längere Fahrzeiten aufweise, noch einmal an Bedeutung gewonnen, so Schön.Der Ersatzverkehr wird in seiner jetzigen Form und von kommender Woche an mit eigener Busspur bis zum Start des Oktoberfests Bestand haben. Anschließend, sagt eine Sprecherin des Mobilitätsreferats, werde die Situation neu bewertet; schließlich würden dann auch wieder Pendel-U-Bahnen verkehren.Ob der Radverkehr zwischen Reisingerstraße und Sendlinger Tor dann wieder in die Mitte der Lindwurmstraße verlegt wird, bleibt abzuwarten. Fest steht bereits jetzt, dass der Kampf um kostbaren Raum in dicht bebauten Innenstädten in München eine Fortsetzung finden wird: Weiter südlich wird derzeit die Bahnunterführung an der Lindwurmstraße umgebaut, in den kommenden Jahren folgt dann die Umgestaltung der Trasse bis nach Sendling – Kostenpunkt insgesamt: etwa 19 Millionen Euro. Konflikte zwischen Radfahrern, Autofahrern und dem öffentlichen Nahverkehr inbegriffen.