Nach der WM in den USA droht Infantino unterzugehen. Aber: Die Empörung in Europa hat der Fifa-Spitze jedenfalls nie gross zugesetzt.03.08.2026, 16.52 Uhr4 LeseminutenFertig gelacht? Der Fifa-Präsident Gianni Infantino vor ein paar Wochen an der Fussball-WM.Hector Vivas / Fifa via GettyIn Europa ist die Entrüstung über den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino besonders gross. Der Oberwalliser wird nicht nur angezählt, sondern sogar vorzeitig abgeschrieben. Nachdem das Ansinnen, private Investoren an den Filetstücken der Fifa teilhaben lassen zu wollen, publik geworden ist, gehen die Wogen hoch. Und dies, obschon der zuerst vorpreschende und jetzt aufgeschreckte Infantino am Wochenende mittels Communiqué zurückgekrebst ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die europäische Konföderation Uefa hat sich mit ungewohnt brachialen Worten gemeldet und fordert den Rücktritt Infantinos. Am Montag hat «The Telegraph» zudem bekanntgemacht, dass die Uefa Infantino in einem sechsseitigen Schreiben mit juristischen Schritten droht. Sie will Dokumente und elektronisch gespeicherte Informationen sicherstellen lassen, die das inzwischen sistierte Privatisierungsprojekt betreffen.Denn eines schleckt keine Walliser Ziege weg und steht in frontalem Widerspruch zu den Versprechen, die Infantino 2016 bei seiner Wahl gemacht hat: Transparenz kennt er nicht. Er gebärdet sich wie einer, der über allem steht.Die reiche Uefa kämpft gegen die reiche FifaDas ist die Vorlage für die steinreiche Milliarden-Uefa, die ebenfalls steinreiche Infantino-Fifa anzugreifen. Die Uefa nimmt sich das Recht der Forderung heraus, die stillen Fifa-Milliarden-Reserven unter das gierige Fussballvolk bringen («Neuer Ansatz für die Verteilung der Ressourcen»). Sie hofft auf das Momentum, ihren früheren Angestellten Infantino vom Sockel stürzen zu können.Sosehr sich die Uefa in Rage schreibt, so sehr hält sich der afrikanische Verband (CAF) zurück. Dieser will sich im Konsultationsprozess einbringen und unterstützt in einem Schreiben «die Steigerung der finanziellen Mittel für die Entwicklung und das Wachstum des afrikanischen und weltweiten Fussballs». Auch die Südamerikaner (Conmebol) haben wenig Temperatur. In einem Communiqué verlangen sie «zusätzliche Informationen und Klarstellungen», begleitet vom Satz: «Der Fussball steht immer an erster Stelle.»Ob die Entwicklung dem 56-jährigen Italo-Schweizer Gianni Infantino so gefährlich wird, wie es derzeit die eurozentristische Sicht glaubhaft macht, ist schwer abzuschätzen. Der Fifa-Kongress, an dem Infantino bis 2031 wiedergewählt werden will, tagt erst im März 2027 in der marokkanischen Hauptstadt Rabat.Die Amtszeiten der letzten drei Fifa-Chefs João Havelange, Joseph Blatter und Infantino haben eines verdeutlicht: Europa mag zwar das ökonomische Zentrum des Weltfussballs sein, aber entscheidend für die Fifa-Spitze ist der Kontinent nicht.Curaçao hat so viel Gewicht wie EnglandAls der Fifa-Generalsekretär Blatter 1998 in Paris zum Fifa-Präsidenten aufstieg, hatte er stets in der Rechnung, wie gewichtig die afrikanischen Landesverbände sein können. Ob da nun vor der Wahl Couverts mit Geld herumgereicht wurden – oder nicht. Zudem muss sich jeder Revoluzzer in einer ruhigen Minute vor Augen halten, dass zum Beispiel die drei Karibik-Inseln Curaçao, Montserrat und St. Kitts und Nevis in der Fifa gleich viele Stimmen haben wie England, Deutschland und Frankreich.Auch wenn sich neben der Uefa auch die nord- und mittelamerikanische Konföderation Concacaf gegen die Pläne Infantinos stellt, weiss niemand, ob wirklich alle Inseln dem Schweizer geschlossen die Gefolgschaft verweigern werden, wenn es ernst wird. Das ändert nichts daran, dass die Lage für Infantino kurz nach der erfolgreichen WM in den USA, Kanada und Mexiko schnell ungemütlich geworden ist. Neben der Uefa (55 Landesverbände) und der Concacaf (35) stellt sich auch der asiatische Kontinentalverband AFC (46) gegen ihn und sein klandestines Vorgehen.Die «L’Equipe» will davon wissen, dass sich der französische Präsident Emmanuel Macron in die Causa eingebracht habe. Der «Guardian» schreibt von britischen Verbänden, die sich von Infantino explizit distanzierten, und für die «Süddeutsche Zeitung» ist der Schweizer seit je ein rotes Tuch, ein einziger Schrecken, der nur Schlimmes im Kopf hat und der schleunigst abgesetzt gehört.Infantino folgt der Maxime der UefaDabei treibt er nur mit aller Konsequenz die Maxime weiter, die ihm in seinen sieben Jahren als Generalsekretär der Uefa eingetrichtert worden ist: noch mehr Geld aus dem Fussball pressen. Grössere Turniere, mehr TV- und Sponsoring-Einnahmen, mehr Prämien für die Landesverbände und die Fussballklubs. Dieses Versprechen hält er allesamt ein. Wer’s nicht glaubt, kann auf der Insel Curaçao nachfragen.Oder im Schweizerischen Fussballverband SFV, der allein dank der WM netto Millionen einnimmt, die teilweise sogar in die nach Geld hechelnde Swiss Football League weiterfliessen. Auch deshalb verhält sich der SFV-Präsident Peter Knäbel still.Nachdem Infantino mit der vergrösserten WM-Endrunde seine erfolgreichen Wochen hinter sich hatte, dachte er wohl, die Fussballwelt mit einer weiteren Schenkung glücklich machen zu können. Etwas Fifa verkaufen, dafür Milliarden erhalten. Wie wäre es mit 40 Millionen für jeden der 211 Landesverbände? Damit könnte der SFV etwa den in Thun geplanten Campus finanzieren.Gianni Infantino hat die Medienarbeit eingestelltDoch jetzt ist Infantino aufgelaufen. Ihm kommt dabei nicht entgegen, dass er seine Medienarbeit in Europa quasi eingestellt hat und fast nur noch über die Fifa-Kanäle oder über soziale Netzwerke kommuniziert, wo er von «Hass gegenüber der Fifa» schreibt. Er erklärt sich kaum mehr öffentlich, schon gar nicht ausführlich, und leistet damit dem Vorwurf Vorschub, in einer eigenen Welt zu leben. Und vor allem hintenherum zu agieren.Er wird den Sturm zunächst einmal auszusitzen versuchen. 2016 wurde er von der Fifa-Gemeinde mit 115 von damals 207 Stimmen gewählt. Salman Al Khalifa aus Bahrain, der auch heute noch die asiatische Konföderation leitet, fielen nur 88 Stimmen zu. Er könnte Infantino 2027 allenfalls gefährlich werden. Wenn er denn will. Wie die langjährigen Verbandspräsidenten Aleksander Ceferin (Uefa) und Victor Montagliani (Concacaf).Der Katarer Nasser al-Khelaifi, der zahlreiche Hüte trägt und in Europa (Uefa-Exekutive, Grossklubs, TV-Markt, PSG) über ein beträchtliches Machtvolumen verfügt, soll kein Interesse am Fifa-Thron haben. Ohnehin ist fraglich, weshalb in der Fifa ausgerechnet mit Nasser al-Khelaifi alles besser (und transparenter) werden sollte. Er hat den direkten Draht zum katarischen Emir und ist im kostspieligen europäischen Fussball ein nicht unwesentlicher Faktor. Katar stützt Gianni Infantino explizit.Die Uefa entrüstet sich über al-Khelaifis Machtballung nicht. Sie macht seit Jahren den Bückling und schweigt.Passend zum Artikel