Gastkommentarvon Michael KleinDer lange Weg nach Hause – warum Odysseus für Männer heute aktueller denn je istGerade jungen Männern fehlen heute Geschichten von männlichen Vorbildern oder Helden. Selbstzweifel und Unsicherheit dominieren häufig, denn Identität entsteht nicht im luftleeren Raum. Alte, zeitlose Archetypen können mit ihren tieferen Botschaften helfen.03.08.2026, 05.28 Uhr7 LeseminutenEros und Thanatos: Am Mast festgebunden und fast den Verstand verlierend, widersteht Odysseus dem tödlichen Reiz der singenden Sirenen. Gemälde von Herbert James Draper, um 1909.Heritage Images / GettyDer moderne Mann lebt in einer merkwürdigen Zeit. Noch nie besass er so viele Freiheiten. Er kann Berufe wechseln, Familienmodelle neu gestalten, hemmungslos Gefühle zeigen, sexuelle Orientierungen und Identitäten ausleben, alleinerziehender Vater sein oder bewusst auf all dies verzichten und als Single leben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Alte Rollenmuster haben ihre Selbstverständlichkeit verloren. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer sind offener geworden als jemals zuvor. Und dennoch scheint vielen Männern etwas zu fehlen. Nicht Freiheit, sondern Orientierung und damit Lebenssinn. Und natürlich bringt ein Weniger an Reglementierung ein Mehr an Orientierungssuche in der gewonnenen Freiheit. Und Orientierung wird heutzutage nicht mehr automatisch in Erziehung und Schule mitgeliefert.Die notwendige Wiederkehr des OdysseusWer heute gerade jungen Männern zuhört, begegnet kaum mehr Geschichten von männlichen Vorbildern oder gar Helden. Viel häufiger tauchen Selbstzweifel und Unsicherheit auf. Zur Ausbildung einer tragfähigen, reifen Identität brauchen Jungen aber solche positiven Modelle. Denn Identität entsteht niemals im luftleeren Raum.Jeder Mensch entwickelt sein Selbstbild im Spannungsfeld zwischen den Erwartungen seiner Umwelt und den Geschichten, die seine Kultur über ein gelingendes Leben und die jeweiligen Geschlechtsrollen erzählt. Unsere Epoche macht es jungen Männern besonders schwer, zu sich selbst zu finden. Sie lernen weniger an ihren Vätern und Lehrern, weil es diese in zu vielen Fällen schlichtweg nicht gibt.So entstehen allzu oft Orientierungslosigkeit oder eine problematische radikalisierte oder übermässig diffuse männliche Identität. Dabei bietet gerade die antike Erzählung der Odyssee alles, was moderne Menschen in einer Sinn- und Lebenskrise brauchen können, vor allem Mut, Resilienz und Weisheit.Odysseus kann den heutigen Jungen und Männern ein höchst aktueller Zeitgenosse oder gar Freund werden. Um Wege zum gelingenden Mannsein und zu einer tieferen Reife aufzuzeigen, können gerade auch alte, aber zeitlose Archetypen mit ihren tieferen Botschaften helfen. Hier kommen die Odyssee und die neue Odysseus-Mania gerade richtig.Vor beinahe drei Jahrtausenden erzählte Homer in mehr als 12 000 Gesangsversen im Rahmen von 24 Kapiteln über eine Figur, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat. Christopher Nolan bringt sie derzeit mit immensem Budget und Aufwand auf die Kinoleinwand. Der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz hat ihr eine grosse Biografie gewidmet.Keine Gestalt der europäischen Literatur erfährt gegenwärtig eine vergleichbare wiederbelebte Aufmerksamkeit. Es handelt sich um den Veteranen des Trojanischen Krieges, Odysseus, den König von Ithaka, der nach Homers Erzählungen insgesamt zwanzig Jahre von seiner Heimat getrennt ist. Seine zehnjährige Heimreise nach Kriegsende in Troja wird zum Symbol für Prüfungen, Fehler und Verirrungen, aber auch für Resilienz, Ausdauer und Zielstrebigkeit.Odysseus steht für die tiefe innere Zerrissenheit und Ambivalenz eines Mannes, der Held war und nun traumatisierter Kriegsveteran ist. Odysseus muss extrem viel erfahren, erleben und erdulden, wie Homer schon in den ersten vier Versen der Odyssee darlegt. Er ist in einem tiefenpsychologischen Sinne also durch seine Kriegstaten nicht bei sich angekommen, sondern hat sich weiter und weiter von seinem Inneren entfernt.Mit fortschreitender Lektüre der Odyssee zeigt sich aber, dass er am meisten für die Fähigkeit steht, selbst in schwierigsten Situationen durch Ausdauer und Selbstfürsorge immer wieder eine weiterführende Orientierung zu finden. Selbst wenn er seinen Kurs verliert – und das geschieht in der Odyssee oft –, findet er ihn am Ende immer wieder.Zunächst aber wachsen für den traumatisierten Kriegsveteranen die Zweifel und Leiden. Die inneren Wunden werden schlimmer als die äusseren. Die Geister der Vergangenheit werden zu Qualen in der Gegenwart, wie dies für Traumaopfer typisch ist. Odysseus ist nun ein Suchender und kein Held mehr. Es geht um Identität und Selbstfindung. Diese Fragen sind von erstaunlicher Aktualität.Der moderne Mann kämpft nicht mehr gegen Zyklopen, Seeungeheuer oder Orkane auf See. Seine Gegner tragen andere Namen. Heutzutage geht es um Leistungsdruck, Negativierung, digitale Dauerablenkung, Sucht und Depression, Einsamkeit und Verlassenheit, Erfahrungen von Scheitern und – ganz wichtig – Orientierungslosigkeit und das Gefühl der Sinnlosigkeit im Leben.Die Odyssee ist keine Geschichte über Heldentum, vielmehr eine über die lange Reifung eines traumatisierten Mannes mit unbändigem Überlebenswillen.Hinzu kommt Misandrie, die gesellschaftlich beherrschende negative Stimmung gegen Männer, allein aufgrund ihres Geschlechts. Dies führt zu einer weiteren, leisen Gefahr, sich aus Angst so sehr den Erwartungen anderer anzupassen, dass man irgendwann den Kontakt zum eigenen inneren Kompass verliert.Homer erzählt nicht die Geschichte eines Mannes, der die Welt besiegt, sondern die Geschichte eines Mannes, der die Widrigkeiten der Welt, die ihm oft feindselig gesinnt ist, durch sich entwickelnde Fähigkeiten und Lernerfahrungen am Ende bewältigt.Die Odyssee erzählt davon, wie die Welt einen Menschen dauerhaft fordert und zum Äussersten bringt, ohne dass er daran zerbricht. Dies genau macht das Geheimnis ihrer ungebrochenen Aktualität aus. Sie ist keine Geschichte über Heldentum, vielmehr eine über die lange Reifung eines traumatisierten Mannes mit unbändigem Überlebenswillen.Darüber hinaus ist die Odyssee bis heute die tiefste Erzählung männlicher Resilienz. Sie zeigt den Protagonisten im Kampf mit sich selbst und in unterschiedlichsten Konstellationen mit den weiblichen Heldinnen der Erzählung. Resilienz beginnt nicht dort, wo ein Mann unerreichbar oder ohne Gefühle ist, sondern dort, wo er trotz allen Belastungen und Tiefschlägen den Weg zu sich selbst nicht verliert, sondern immer wieder findet. Das wird nach den Erlebnissen mit Riesen und Ungeheuern am Umgang mit Verführungen (Circe, Kalypso) und Einflüsterungen (Sirenen) deutlich.Die lange Zeit der PrüfungenLiest man die Odyssee nicht als Abenteuerepos, sondern als Entwicklungsgeschichte, verändert sich ihr Charakter vollständig. Die Inseln, auf denen Odysseus landet, sind dann keine geografischen Orte mehr, sondern Landschaften der menschlichen Seele. Jede Station konfrontiert ihn mit einer anderen Grundfrage des Lebens. Jede Prüfung stellt eine Tugend infrage, ohne die Reifung nicht möglich ist. Gerade darin liegt die psychologische Genialität Homers.In den einzelnen Prüfungen (Polyphem, Circe, Sirenen, Kalypso) geht es um Selbstkontrolle, Problemlösungskompetenz, Freiheitsstreben, Autonomie, Abwehr gegen Verführungen und Manipulationen, Selbstfindung, Schmerzbewältigung und letztlich die Entwicklung von Charaktertiefe. All dies sind zeitlose Entwicklungsaufgaben für ein gelingendes und zugleich tiefes Leben.Die Themen stehen für die Entwicklung und Wandlungsfähigkeit eines Mannes, der vieles, aber zugleich zu wenig mitbringt. Resilienzsteigerung ist möglich und nötig.Die Inseln, auf denen Odysseus landet, sind dann keine geografischen Orte mehr, sondern Landschaften der menschlichen Seele.Warum berührt uns die Geschichte des Odysseus noch immer – sogar so sehr, dass ein Hollywood-Blockbuster mit dem alten Stoff gedreht wird? Die Odyssee erzählt zwar neben einem historischen Kern viele Sagen und ausführliches Seemannsgarn, die Gesamtheit der Erzählung ist jedoch in ihrer Tiefenstruktur zeitlos und hochrelevant. Sie erzählt von einer anthropologischen Konstante. Der Mensch muss seinen eigenen Weg finden und dann gehen, um sein Selbst zu finden. Dafür braucht er Tugenden, unveräusserliche Fähigkeiten im Umgang mit sich selbst.Die Sinnentleerung der Gegenwartskultur macht es Männern besonders schwer, diesen je individuellen Weg zu finden. Es lauern Fremdbestimmung, Manipulation, Abhängigkeiten, Verführungen und Selbstwertverlust – und speziell für Männer Misandrie, die Negativierung alles Männlichen. Es darf keine männlichen Helden mehr geben. In dieses Vakuum kommt nun der zeitlos gelesene Odysseus.Die Odyssee beantwortet diese Fragen nach dem Lebenssinn nicht mit Erfolg, Macht oder Reichtum, sondern mit Ausdauer, Klugheit und Zielstrebigkeit, also insgesamt mit innerer Reifung. Die relevanten Tugenden sind heute dieselben wie vor 3000 Jahren: Klugheit, Mut, Gerechtigkeit und Weisheit. Allein schon das Verschwinden des Tugendbegriffs aus dem modernen Alltag zeigt auf, was das Kernproblem ist: die Beliebigkeit, Unklarheit und Diffusität in Bezug auf Werte, Moral und Verhalten.Dabei sind Tugenden zeitlos. Aus Niederlagen entsteht Besonnenheit, aus Versuchungen Selbstbeherrschung, aus Verlusten Demut, aus Erfahrungen Weisheit. In diesem Sinn erzählt die Odyssee von den notwendigen Tugenden der Charakterbildung.Der kulturelle Niedergang des Westens beruht auf dem Fehlen wirklicher Tugenden und dem Orientierungsverlust in Bezug auf Werte und Moral. Die Praxis der Tugenden ist zeitlos. Vermeintliche Tugenden – Mut, der nur Gratismut ist – sind wie die verführerischen Gesänge der Sirenen.Liebling der FrauenZum Abschluss noch ein Wort zu Odysseus und den Frauen: Raimund Schulz sieht in ihm den ersten grossen Frauenversteher der Literaturgeschichte. Auffällig ist auf jeden Fall, dass im zweiten Teil der Odyssee Begegnungen mit verschiedenen Frauen den Weg des Odysseus prägen, dass er auch die meiste Zeit der zehn Jahre bis zur Heimkehr mit und bei Frauen verbringt. Er ist sich seiner Männlichkeit bewusst und wird zum Liebling der Frauen, die ihn begehren und dauerhaft bei sich wünschen.Frauen lehren und perfektionieren ihn auch, was wesentlich und wichtig ist. Dazu gehören Circe, Kalypso, Nausikaa, natürlich ganz besonders Penelope und in einem tieferen, spirituellen Sinne die göttliche Athene. Ihre weiblichen Anima-Anteile machen Odysseus mental reich und vielgestaltig. Ohne diese Anteile wäre er nur ein Haudegen und Draufgänger. So aber ist er der kluge, listige Held und reift zum Mann mit Tiefe, Selbstkontrolle, Klarheit und Konsequenz.Und er ist ein Mann im «besten Alter». Für Penelope der vorzüglichste denkbare Partner. Das Geheimnis der beiden heisst Gleichgesinntheit und bestätigt auf wunderbare Weise die Resultate heutiger Partnerschaftsforschung. Nur wer über Jahre und Jahrzehnte immer wieder gleiche oder zumindest ähnliche Inhalte, Werte und Ziele entwickelt und verfolgt, wird in einer Paarbeziehung in tiefer Weise zufrieden und lebt obendrein länger. Und so leben Odysseus und Penelope in der geistigen Welt noch immer.Michael Klein ist Professor für Psychologie an Katholische Hochschule NRW, psychologischer Psychotherapeut, Paartherapeut und Männerforscher.Passend zum Artikel