„Man kann noch so viel würzen und spicken – aus einer gebratenen Katze wird doch keine Hasenpastete.“ Es ist kein Geringerer als Hegel, dem wir diese unbeeindruckte Ermahnung zur authentischen Qualität unserer intellektuellen Produkte verdanken. Es könnte als ein gutes Zeichen gelten, dass die Odyssee wieder einmal im Fokus des öffentlichen Interesses steht. Mit Uberto Pasolinis „Rückkehr nach Ithaka“ von 2024 und Christopher Nolans „Odyssee“ stellen uns zwei große filmische Epen die weltbildträchtigen Abenteuer eines der ersten großen Helden der Weltliteratur vor Augen. Doch ist die Aufmerksamkeitsökonomie der bildmächtigen zeitgenössischen Regisseure der großen Erzählung gewachsen? Reicht ihr Sinn für die Erzählstrukturen aus, um angemessen zu repräsentieren, was uns die Dichtung inmitten der großen Prospekte und Schlachten zu sagen hat? Reicht das, was Nolan in der Werbung für seinen Film geltend macht: dass er jede verfügbare englische Übersetzung des großen Epos gelesen habe?So unterschiedlich die Intentionen der beiden Regisseure im kongenial listenreichen Einsatz technischer und ästhetischer Mittel auch sind – in ihren dramaturgischen Strategien handeln sie sich vor lauter diskussionswürdigem Eigensinn ihrer Projektionen eine Lücke ein, eine entsetzliche Lücke.Kunstvoll verschachteltDie rätselhafteste und herausforderndste Frauengestalt vielleicht der gesamten Weltliteratur ist eine Figur aus Homers Odyssee: die Phäakenprinzessin Nausikaa. Dabei spielt sie nur eine Nebenrolle. Doch die Episode, die ihr im Epos gewidmet ist, ist höchst bedeutsam, und sie ist ebenso rührend und ergreifend wie der Hauptstrang des Eheromans, der in der Schicksalsgeschichte des Odysseus so viel mehr ist als bloß eine kostbare Intarsie. Nausikaa ist nicht nur die Person, die dem Odysseus auf der letzten Etappe seiner schikanös retardierten Heimreise das Leben rettet und ihm zur Fortsetzung seiner Reise verhilft. Sie verkörpert bei erheblichem Selbstopfer auch die nahe Wiedervereinigung mit der treuen Penelope. So ist sie eine tragische Figur der Apologie der ehelichen Liebe.Odysseus, der Heerführer der Griechen, die dem Spartanerkönig Menelaos zu Hilfe kommen, als dieser die von Paris nach Troja entführte Helena zurückholen will, ist auf seinem Heimweg nach der Schlacht alles in allem zwanzig Jahre unterwegs, da ihn der Meergott Poseidon durch unablässige Schikanen daran hindert, gleich nach erfolgreichem Kampf mit seinen Gefährten wieder nach Hause ins heimatliche Ithaka zurückzukehren. Zu den Abenteuern auf seiner verwickelten Rückreise, die uns in kunstvoller Verschachtelung erzählt werden, gehören nicht nur die Gefangenschaft im Reich der Zyklopen und die Befreiung aus der Gewalt des Polyphem sowie die riskante Passage zwischen Scylla und Charybdis, auch nicht nur die Aufenthalte bei der schönen Nymphe Kalypso und der arglistigen Zauberin Kirke, die seine Männer in Schweine verwandelt. Es gehört auch die letzte Station dazu, der Besuch bei den Phäaken auf der Insel Scheria, an deren Gestaden ihn die Königstochter als gestrandeten Schiffbrüchigen findet. Sie nimmt ihn mit in die Burg ihrer Eltern.Nausikaa entstammt einem großen Geschlecht und einer Verbindung, die nur das Beste erwarten lässt, denn ihre Eltern, der König Alkinoos und seine Frau Arete, sind ein ebenbürtiges Paar. „Einer Unsterblichen gleich an Wuchs und reizender Bildung“, so wird sie eingeführt. Sie ist jung, sanft, fleißig und klug. Sie ist ein schönes und gut geratenes Mädchen – eine weibliche Verkörperung der kalokagathia, des griechischen Ideals, in dem sich körperliche Schönheit und Tugend in vollkommenem Maße paaren – und sie ist im heiratsfähigen Alter. In der Nacht, in der Odysseus als Schiffbrüchiger am Strand angespült wird, erhält Nausikaa im Traum den Auftrag, ihre Brautaussteuer zu waschen, deshalb lädt sie die kostbaren Stoffe und Gewänder auf Karren und fährt mit ihren Jungfrauen an den Strand, um ein ausgiebiges Waschfest zu veranstalten, nach dessen Beendigung sie sich alle beim Ballspiel entspannen. Sie ist es, die durch Anleitung der Göttin Athene den Odysseus am Strand findet, und sie hat keine Angst vor dem fremdartigen Strandgut, das ihr da zugespielt wird.Eine Königstochter geht nicht auf MännerfangSie tritt ihm so selbstbewusst wie neugierig entgegen, sie instruiert ihn mit wohlgesetzten Worten und führt ihn gastfreundlich und sicher in die Stadt. Von Anfang an erfahren wir dabei ihre Hintergedanken. „Würde mir doch ein Gemahl von solcher Bildung bescheret unter den Fürsten des Volks, und gefiel’ es ihm selber zu bleiben!“ Kein Wunder, dass es ihr der fremde Mann angetan hat, denn Athene hat es wieder einmal gefallen, göttlichen Zauber über ihren Schützling auszugießen. Dass sich Nausikaa umstandslos in Beziehung zu ihm setzt, erfahren wir auf das Unschuldigste an der Art und Weise, wie sie sich ausdrücklich jede Kompromittierung verbittet. Die Leute in der Stadt sollen nicht denken, Nausikaa, die Prinzessin, hätte sich selbst einen Mann gesucht, den sie jetzt im Schlepptau nach Hause bringe: So lässt sie Odysseus treuherzig wissen, wie sie selbst die Situation empfindet, und sie hält ihn an, er möge in gemessenem Abstand hinter ihr und ihren Begleiterinnen bleiben und erst nach einer angemessenen Wartezeit in den Palast folgen.Als wir die Prinzessin wiedersehen, sind zwei Tage vergangen, und es ist bereits der Abend vor der Abreise des Odysseus, für die ihn ihr Vater und die Adligen der Stadt mit dem erforderlichen Schiff und mit Geschenken ausstatten, nachdem sie beim Fest und beim Wettkampfspiel Zutrauen zu dem schwermütigen Gast gefasst haben. Odysseus erzählt auf Bitten seines Gastgebers von seinen schweren Abenteuern. „Aber Nausikaa stand“, in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, „geschmückt mit göttlicher Schönheit, / an der hohen Pforte des schöngewölbeten Saales / und betrachtet wundernd den göttergleichen Odysseus; / und sie redet ihn an und sprach die geflügelten Worte: / Lebe wohl, o Fremdling, und bleib in der Heimat auch meiner / eingedenk, da du mir zuerst dein Leben verdanktest. / Ihr antwortet drauf der erfindungsreiche Odysseus: / O Nausikaa, Tochter des edlen Phaiakenbeherrschers, / lasse mich jetzo nur Zeus, der donnernde Gatte der Here, / glücklich zur Heimat kehren und schaun den Tag der Zurückkunft! / Täglich werd ich auch dort, wie einer Göttin, voll Ehrfurcht / Dir danksagen; du hast mein Leben gerettet, o Jungfrau!“Am ungekämmten Haar wird abgelesen, dass der Bogenschütze auf dieser Vase aus dem fünften Jahrhundert vor Christus Odysseus sein soll.The Metropolitan Museum of ArtNichts ist passiert zwischen ihnen, und nach diesem ungewöhnlich ergriffenen Abschiedsgruß wird Nausikaa mit keinem weiteren Wort erwähnt. Wir erfahren von keinem Annäherungsversuch, keinem Enttäuschungsdrama, auch später von keiner Erinnerung des heimkehrenden Abenteurers an die schöne junge Retterin. Homer bringt das hoffnungsvolle Mädchen, so bedeutsam er es in einer eigenen detailreichen Geschichte eingeführt hat, sang- und klanglos um die Ecke der Erzählung und spart sich jeden Kommentar. Das Schweigen zum Schicksal der Nausikaa ist ein bedeutsames Schweigen.Odysseus will, was er sollDie Affären mit der schönen Kalypso und mit der Zauberin Kirke liegen hinter dem einfallsreichsten aller Helden. Die beiden waren trotz Einsatzes selbst unlauterer Mittel nicht stark genug, ihn zu halten. Er will zurück nach Ithaka, in sein eigenes Haus, zu seiner Frau, seinem Sohn, seiner Familie. Er will, was er soll. Er soll die frevelhaften Freier schlachten und den Hof wieder in Ordnung bringen. Er soll wieder dort schlafen, wo er hingehört: in seinem eigenen Bett. Unter die Gefahren, die einen Mann bedrohen und daran hindern, zurückzukehren, wohin er soll, haben die Götter auch die gefährlichen Frauen gemischt. Die tun das Ihre, um den Lebensfaden zu verwickeln, aber letztlich können sie den Helden nicht von seiner Bestimmung entfremden. Nun ist er auf dem Weg nach Hause, da tritt ihm ein letztes Mal eine Frau in den Weg – und zugleich die erste, die ihm wirklich gefährlich werden könnte. Nausikaa ist der Penelope ebenbürtig an Herkunft, Schönheit und Tugend. Wenn hier jetzt die Geschichte anfinge, die so naheliegend ist, dass die naive Prinzessin selbst von Anfang an daran denkt, dann käme Odysseus nicht mehr nach Hause. Denn mit der Phäakenprinzessin kann man nicht so umgehen wie mit einer von diesen losen Giftmischerinnen und Ränkeschmiedinnen, die dann schließlich selbst schuld sind, wenn sie wieder verlassen werden. Hier müsste man zum Bigamisten werden, und das würde dann noch ganz andere Götter aufbringen als Poseidon. Ithaka wäre verloren.Odysseus, Nausikaa und Penelope stehen unter demselben Gesetz der Ehre und der Pflicht. Deshalb ist die schöne Retterin die einzige wirklich gefährliche Frau in der ganzen Odyssee. Und darin liegt der Grund, wieso die angedeutete Geschichte im vielsagenden Ansatz stecken bleiben muss.Eben stand das Mädchen noch an der Säule des schönen Festsaals und blickte auf den begehrten Fremden. Plötzlich ist es verschwunden. Wie viel Achtung vor der Person in diesem rabiaten Kidnapping durch den omnipotenten Autor steckt, können wir an dem ermessen, was von ihr ansonsten hätte erzählt werden müssen. Von ihrem Schmerz bei der Entdeckung, dass sie den strahlenden Fremden nicht haben kann, hören wir kein Wort; ebenso wenig von ihrem Arrangement mit der zweitbesten Lösung, die fortan jede andere Verbindung sein muss, wenn man sich erst einmal in Odysseus verliebt hat. Die Leser dürfen die Tränen der vornehmen Nausikaa nicht zu sehen bekommen.Die Textilien verweisen auf die Hausarbeit in IthakaWieso aber musste es überhaupt sein, dass diese Person auftritt? Es gab schließlich auch andere Weisen, Odysseus an Land und in die Stadt zu bringen. Es war gar nicht nötig, ein vielversprechendes junges Mädchen erst träumen, dann seine Aussteuer mit Wagen und Mägden weit hinaus ans Meer karren und waschen zu lassen und all das. Die Station bei den Phäaken hat offenbar die Funktion, glaubwürdig zu machen, wie der Schiffbrüchige wieder zu Schiff und Ausstattung kommt. Wir kennen die sonst üblichen Kunstgriffe der Erzählung. Wieso konnte nicht Athene, die wieder einmal sein Haupt und seine Schultern mit Schönheit übergießt, damit er Eindruck mache, ihm stattdessen einfach den Weg vom Meeresufer in die Stadt und in den Palast des Alkinoos zeigen?Dass durch das Auftreten der Nausikaa der Handlung ein weiteres retardierendes und spannungssteigerndes Element zugefügt wird, ist zu formal, um als Erklärung auszureichen. Spezifischer ist ihre Funktion, darauf zu verweisen, dass dem geplagten Abenteurer die Heimkehr zu seiner schönen und tugendhaften Frau nunmehr unmittelbar bevorsteht. Die Aussteuer und die kostbaren Kleider, die die Mädchen an den Strand gebracht hatten, werden dem kriegsgeübten listigen Beobachter, als er auf dem Rückweg neben den Wagen herging, nicht entgangen sein: all die anspruchsvollen Textilien. Da er aus denselben Kreisen kommt, mag er sich denken können, dass es mit diesem Aufwand eine besondere Bewandtnis hat: ein Hinweis auf die Appetenz der jungen Prinzessin. Sie ist im heiratsfähigen Alter, und sie denkt ans Heiraten.Von Nausikaa sehen sie nichts: Zuschauer bei der Vorführung einer Siebzig-Millimeter-IMAX-Kopie von Nolans Film in Prag.AP Photo/Petr David JosekDer springende Punkt aber liegt in dem, was nicht Odysseus, sondern der Leser weiß: Zu Hause in Ithaka beschäftigt sich eine andere Frau, die Königin, mit bedeutsamen Textilien. Penelope webt an dem Stoff, aus dem das Leichentuch für ihren Schwiegervater gemacht werden kann. Sie hält die Freier hin, die sie nach dem langen Ausbleiben des Königs belagern, um sie zu einer neuen Heirat zu nötigen: Sie will vor jeder Entscheidung erst noch diese letzte Pflicht gegen die Familie erfüllt haben, die sie nach deren Verlangen und im Einklang mit der Tradition durch die Wahl eines neuen Gatten verlassen soll. Die Prinzessin, die sich diesen Mann auf den ersten Blick zum Mann wünscht, hat ihre Aussteuer und ihre Hochzeitsgewänder so umsichtig gepflegt, wie es Penelope zu ihrer Zeit auch getan haben wird. Die Königin, die ihren Mann zurückerwartet, webt unterdessen an einer Todesaussteuer.Listenreichtum verbindet die EheleuteDie Rolle der Nausikaa besteht von daher nicht allein darin, ein retardierendes Moment im Ablauf der sich ihrem glücklichen Ende zuneigenden Erzählung zu sein; Nausikaa darf nämlich den Helden auf dem Weg nach Hause nicht nur nicht weiter aufhalten – sondern durch den Verweis auf das, was ihn dort erwartet, beglaubigt sie die baldige Heimkehr. In Nausikaa und ihren kostbaren Textilien kommt dem Odysseus seine Frau zum Vorschein. Ihre Rolle besteht also eigentlich darin, ihn auf eine ihm selbst nicht durchschaubare, aber dem Geist der Erzählung bewusste Weise auf seinem Weg zu beflügeln.Penelope hat sich über die Jahre gerettet, indem sie die Freier mit einem schlauen Trick hinhielt. Was sie tagsüber unter den Augen der belagernden Freier webt, trennt sie nachts wieder auf. Penelope ist ihrem Mann nicht nur darin ebenbürtig, dass sie eine schöne und tugendreiche Frau ist und aus gutem Hause stammt, sie ist auf ihre Art auch ebenso listig wie der sprichwörtlich listenreiche Odysseus.Als Odysseus dann kommt, als Bettler verkleidet und durch den Zauber seiner Schutzgöttin Athene ein unansehnlicher Alter, ist die erste Person, die ihn erkennt, sein treuer Hund Argos. Die wunderbare Miniatur, die hier eingearbeitet ist, in der wir die Liebe zwischen Mensch und Tier verewigt finden, darf als eine der Formen im Spektrum der Liebe nicht fehlen. Man beachte, dass dieses Haustier bereits als ein Individuum behandelt wird, mit eigener Geschichte und mit Namen. Die nächste Person, die ihn erkennt, seine alte Amme Eurykleia, die dem fremden Gast die Füße wäscht und ihn dabei an der Narbe an seinem Knie identifiziert, ist es dann, die der Herrin Bericht erstattet, dass der König nach Hause zurückgekehrt ist.Ein Bett im ÖlbaumPenelope führt das Gespräch mit dem Fremden, der nunmehr offen Anspruch darauf macht, Odysseus zu sein. Gut, sagt die Herrin des Hauses diplomatisch am Ende der langen Unterredung, dann wolle sie ihm das Bett des Odysseus nach unten in die Halle tragen und für die Nacht richten lassen. Genau das ist die Prüfung, die kein Hochstapler bestehen könnte. Nur Penelope und ihr Mann wissen, dass man das Bett des Odysseus nicht einfach anderswohin tragen kann: Odysseus hat dieses Bett selbst hergestellt, und er hat es in die Krone eines etagenüberragenden Ölbaums fest eingebaut. Erst als er ihr dieses intime Wissen mitgeteilt hat, das – anders als jedes Amulett – vor der Entwendung durch einen Außenstehenden gesichert ist, ist Penelope überzeugt, dass der fremde alte Bettler ihr Mann ist, und die beiden begeben sich einträchtig in ihrem Glück nach oben und teilen das Lager im Brautbett des Odysseus.Die Beschreibung, die sich dann im Text findet, ist wohl die früheste Hommage an die eheliche Liebe, die wir haben: Mit Kirke und Kalypso verband den Helden der Odyssee nur die abstrakte, kontextfreie Sinnenlust. Die Geschwindigkeit seines Abschieds beglaubigt in beiden Fällen, dass ihm das wenig bedeutet. Mit seiner Gefährtin hat er eine Geschichte, die in der umstandslosen Möglichkeit, jederzeit den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen und sich gegenseitig die Geschichten zu erzählen, die der andere während der Zeit der Trennung verpasst hat, ihre Bestätigung findet.Es ist somit nicht nur eine entsetzliche Lücke im Text, die an den neuen Verfilmungen des großen Epos ins Auge sticht, es sind derer zwei: die Auslassung dieses „Details“ – dass der heimgekehrte Held nach allem Kampfeseinsatz am eigenen Hof noch diese eine letzte Prüfung zu bestehen hat –, der Prüfung durch die listenreiche Ankündigung der Königin, sie wolle ihm sein Bett in die Halle herunterholen lassen; und die Auslassung der hochbedeutsamen Nausikaa-Episode. Was sich darin zu erkennen gibt, ist – Aktualisierung des Heldenmythos durch die Strategien des verantwortungsethisch gebrochenen Selbstverständnisses hin und her – eine allzu abgebrühte Unempfindlichkeit gegen die Schönheit und die Teleologie des Epos.Eine Pointe der Geschichte sei zumindest erwähnt: Die wirkmächtige These, die Denis de Rougemont in seinem Werk „Die Liebe und das Abendland“ darlegt, das Tristan-Epos mit seiner durch die Unvereinbarkeit von Leidenschaft und dauerhafter Liebe konstitutiven Todesverfallenheit sei das Element des abendländischen Liebesverständnisses, darf ohne Anspruch auf definitive Widerlegung doch durch Ergänzung entschieden modifiziert werden: Mit gleichem Recht ist nämlich die Odyssee als Dokument des abendländischen Liebesverständnisses zu nennen, und sie spricht eine andere Sprache. Sie hat auch den Vorzug einer unmissverständlichen Parteinahme: Die Geschichte vom listenreichen Odysseus und der ebenbürtig listenreichen Penelope artikuliert das Selbstverständnis der großen Liebe, in der nicht die vom höfischen (oder bürgerlichen) Leben abgehobene Leidenschaft verklärt, sondern die Einheit von Sinnenlust, pragmatischer und ethischer Handlungsbereitschaft und liebender Achtung propagiert wird.