Die totale Anbiederung: Warum sich Städter auf dem Land immer so unterwürfig benehmenSie kaufen überteuerten Käse, bewundern Trockensteinmauern und machen den Bückling vor dem Bauern. Städter missbrauchen die Alp für ihr eigenes Seelenheil.02.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenKI-müde Städter auf der Suche nach sinnvoller Arbeit.Daniel JansVor ein paar Wochen liess ich mich zu einer Wanderung ins Berner Oberland überreden. Ein Sonntag wie im Bilderbuch, wolkenloser Himmel, später wollten wir in einem der Bergseen baden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Daran, dass sich viele Städter für Spaziergänge auf totgetrampelten Höhenwegen in atmungsaktive Funktionskleider zwängen, in denen sie auch den Mount Everest besteigen könnten, hatte ich mich ebenso gewöhnt wie an die Apps, die jedes Pflänzlein bestimmen, jede Krete benennen, jede Kalorie zählen und jedes Gewitterchen auf die Minute genau vorhersagen.Neu aber war mir dieser Ton, mit dem meine Wanderfreunde die ersten einheimischen Bauern und Bäuerinnen begrüssten, sobald wir an ihren imposanten Höfen vorbeizogen. Da schwang mehr als Höflichkeit mit. Mehr als Respekt für ihre aufgeräumten Gemüsegärten und idyllischen Blumentröge.Es war eine Unterwerfung.Als wir eine Stunde später vor einem Hofladen einer kleinen Alp Rast machten, wiederholte sich dieses Schauspiel. Erst sorgte die selbstgemachte Zwetschgenmarmelade in dickwandigen Einmachgläsern für 23 Franken für Begeisterungsstürme. Dann führte der nicht minder überteuerte, vakuumverpackte Alpkäse zu andächtigem Raunen in der Gruppe, als stünde man in der Galleria dell’Accademia vor Michelangelos «David».Und als der Bauer in grüner Arbeitshose mit Seitentaschen um die Ecke schlurfte, machten einige eine Bewegung, die man sonst nur aus Höfen des 17. Jahrhunderts kennt: Sie schrumpften, neigten ihre Köpfe zur Seite wie Knechte und fragten demütig: «Dürften wir vielleicht ein wenig von Ihrem Most kaufen?»Als ich einem Arbeitskollegen, der eine Wohnung in den Bündner Bergen hat, von dieser Unterwürfigkeit des Städters auf dem Land erzählte, meinte er, es gehe ihm genauso.Sobald er mit seinen Söhnen in den Bergen an einer Käserei vorbeilaufe, überkomme ihn eine Ergriffenheit, wie sie religiöse Menschen beschreiben würden, die den Petersdom besuchten. «Schaut mal, Kinder», höre er sich sagen, während ihm ein wohliger Schauder über den Rücken laufe: «So entsteht echter Käse.»Woher stammt diese Anbiederung? Was sind die Gründe für diese Überhöhung, die jeden Bauern mit Krumme im Mundwinkel zum Philosophen adelt, jeden Skiliftbügelgeber zum Freigeist krönt und jede windschiefe Trockenmauer zum Kunstwerk erklärt?Kein Mensch in Paris oder London ginge vor maulfaulen Landwirten in der Normandie oder in Somerset derart auf die Knie und würde in Hofläden für überteuerte Durchschnittsware noch saftige Trinkgelder twinten.Hier oben herrscht noch eine heile Welt.RDB / Ullstein / GettyDiese Servilität des Städters auf dem Land ist eine urschweizerische Eigenheit – und sie findet nur in diese eine Richtung statt. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass Familien vom Land an ihren wenigen freien Tagen von ihren Höfen in die Städte pilgern, sich berauschen am prallen Leben, sich für die verschiedenen Milieus interessieren, an Smashburger-Läden, Co-Working-Spaces und Reformer-Pilates-Studios vorbeispazieren und Tramchauffeusen anhimmeln wie Städter die Käser, nur weil die jeden Tag Tausende Pendler durch verstopfte Strassen fahren.Es gibt Zahlen, die dieses Phänomen stützen.Im jüngsten Stadt-Land-Monitor der Forschungsstelle Sotomo im Auftrag der Agrargenossenschaft Fenaco gilt eine ländliche Umgebung unter allen Befragten als bevorzugter Wohnort, während Grossstädte wie Zürich oder Basel, selbst für Grossstädter, am unbeliebtesten sind. «2021 wollten 14 Prozent am liebsten in einer grossen Stadt leben. Heute sind es gerade noch 11 Prozent.»Auch Menschen aus Agglomerationen, also durchaus urbanen Gegenden, schlagen sich, wie es im Bericht heisst, «politisch eher auf die Seite des Landes als auf die Seite der Stadt». Trotz fortschreitender Urbanisierung also würden sich immer mehr Menschen mit dem Land identifizieren und sich gegen (rot-grüne) Städte stellen.Eigentlich paradox: Da boomen Zürich, Genf oder Basel und positionieren sich international als Wissens- oder Kunstzentren, da werden aus verschlafenen Agglomerationen immer lebendigere Orte, und doch entwickelt sich daraus nicht etwa ein urbaner Stolz, den man aus anderen europäischen Städten kennt. Das Wachstum führt zur gegenteiligen Reaktion: zu der eigenen städtischen Verschmähung und der gleichzeitigen Idealisierung des Landes.Die Politikwissenschafterin Alina Zumbrunn von der Universität Bern, die über Selbst- und Fremdwahrnehmung der Menschen in der Stadt und auf dem Land soeben einen Forschungsbericht publiziert hat, sagt, es finde eine Asymmetrie statt. So werden Städter negativ bewertet, nicht nur von aussen, also von den Menschen vom Land, sondern auch von sich selbst. 70 Prozent der befragten Städter, so Zumbrunn, empfinden sich als arrogant.Umgekehrt aber findet keine Abwertung statt. Landbewohner und Landbewohnerinnen werden von Städtern als bodenständig, hilfsbereit und gesellig eingeschätzt und sind auch selbst mit sich im Reinen, das zeigen Zumbrunns Zahlen: «Nur 5 Prozent beurteilen das Land als arroganter als die Städte. 81 Prozent finden hingegen, die Städte seien arroganter als das Land.»Warum ist das so? Warum nimmt diese Selbstkasteiung des Städters offenbar zu – und was genau hat das mit der übertriebenen Ehrerbietung vor dem Alpkäse im Hofladen zu tun?Zeit, etwas auszuholen.Um die Ideologisierung des Schweizer Landlebens zu verstehen, muss man zurück ins 18. Jahrhundert, zu Jean-Jacques Rousseau, jenem Genfer Philosophen, der den Mythos vom «edlen Wilden» massgeblich prägte und die Natur zum moralischen Zufluchtsort erhob. Rousseau pflanzte dem Bürgertum die zweifelhafte Idee ein, dass der Mensch in der Stadt verfalle, auf dem Land hingegen rein und unverfälscht bleibe.Der Basler Soziologe Lucius Burckhardt wiederum, Begründer der Spaziergangswissenschaft, erklärte in seinen kulturanalytischen Schriften der 1980er Jahre, dass das, was der Städter ehrfurchtsvoll «Natur» nenne, in Wahrheit eine gedankliche Projektion sei. Eine Sehnsucht. Ein von uns selbst entworfenes Bild einer intakten Welt, das wir dringend benötigten, um die tägliche Entfremdung der eigenen, durchorganisierten Moderne überhaupt erst zu ertragen.Der Bauer, dem sich meine Gruppe städtischer Hobbywanderer in neongelben Arcteryx-Softshelljacken vor dem Hofladen im Berner Oberland mit Ehrfurcht annäherte wie einem Silberrücken, obwohl sie seine Arbeit mit ihren Steuern finanziert, wird in diesem Sehnsuchtspanorama zur zentralen Figur. Darauf wies schon der Wirtschaftshistoriker und ETH-Professor Jean-François Bergier hin.Seine These: Als die Schweiz im Zuge der Industrialisierung eine der rasantesten Transformationen Europas durchmachte, brauchte das Land ein Gegengewicht gegen die Angst vor dem gesellschaftlichen Verfall. Der mythologisierte Senn fungierte als stoischer Anker: unbestechlich, erdverbunden, frei von den Lastern des städtischen Kapitals.Bergier zeigte, wie die Fiktion des autarken Sennentums, die Romantisierung des freien Älplers, genutzt wurde, um ein kollektives «geistiges Reduit» zu errichten, eine Bastion der Unverfälschtheit, die offenbar bis heute verfängt und die jeder Zürcher Hipster-Wanderer mit Glarnertüechli-Bandana auf die Hügel des Berner Oberlandes projiziert.Die Scham der MühelosenAnders als in den USA gibt es in der Schweiz kein «rural resentment», ein Begriff der amerikanischen Politikwissenschafterin Katherine Cramer, der viel darüber erzählt, warum Donald Trump in seinem ersten Wahlkampf gegen die als Mitglied der urbanen Elite verunglimpfte Hillary Clinton gewann.Es gibt in Städten wie Zürich, Bern oder Biel keinen ausgeprägt herablassenden Blick auf abgehängte und ewiggestrige Landeier, so wie ihn Cramer in den USA verortet (Clinton sprach vom «basket of deplorables»). Und wie man ihn etwa auch von Berlinern kennt, die in ihren Sechs-Zimmer-Wohnungen am Prenzlauer Berg mit gebürstetem Fischgrätparkett verachtend über das Leben in der brandenburgischen Provinz spotten. In der Schweiz herrscht eine Umkehrung: Die kurzen Begegnungen mit Bauern auf der Alp werden zu psychologischen Gerichtsverfahren, in denen sich die Städter selbst auf die Anklagebank setzen.Was Deutsche in Schweizer Städten machen, machen Schweizer Städter auf der Alp: den Bückling.Artists Eyes / UnsplashGerade weil Menschen aus der Stadt tunlichst vermeiden wollen, auf dem Land als arrogant zu gelten, verhalten sie sich auf den gelb markierten Wanderwegen überangepasst, mahnen die Kinder im Primarlehrerton, die Verpackung ihres glutenfreien Proteinriegels auf keinen Fall liegen zu lassen, die Gatter hinter sich vorbildlich zu schliessen, als hänge davon die Zukunft dieses Landes ab.Es ist ein Verhalten, wie es Menschen aus Hamburg beschreiben, die neu nach Zürich ziehen und sich möglichst höflich beim Bäcker in die Reihe stellen, um ja nicht dem Klischee des zackigen Deutschen zu entsprechen. Was Deutsche in Schweizer Städten machen, machen Schweizer Städter auf der Alp: den Bückling.Es ist die Scham des Gewinners. Die Scham der Mühelosen. Zwar empfinden sich Städter politisch gesehen nicht als überlegen, sie haben auch keinen Grund dazu. In den vergangenen Abstimmungen wurden Zürich, Genf oder Basel regelmässig überstimmt.In finanzieller Hinsicht und in kulturellen Fragen hingegen gibt es durchaus so was wie eine städtische Dominanz, die sich in den Begegnungen auf den Bauernhöfen in eine übertriebene Demut wandelt. Eine Vergebung dafür, eine ganze Woche lang hinter dem Computer im klimatisierten Büro mit Kaktussammlung auf dem abgestaubten USM-Haller-Regal verbracht zu haben, um Strategiepapiere zu entwickeln, deren Halbwertszeit kürzer ist als die Haltbarkeit von Rohmilch, und dennoch mehr zu verdienen als Älpler in einem Monat.Der moderne AblasshandelUnd so erinnert die Bewunderung des Vaters, «Schaut, Kinder, das ist echter Käse!», an eine moderne Form des Ablasshandels. Indem die Meute urbaner Outdoor-Hipster auf dem Land zu Kreuze kriecht, die Marmeladegläser bestaunt und sich vor dem Landwirt ins Heu wirft, befreit sie sich von der Scham, Teil einer immer entfremdeteren Welt zu sein, in der mithilfe von KI alles noch effizienter wird.Es ist die Bewunderung der Akademiker, die morgens vor der Arbeit duschen, für die Käser oder Käserinnen, die abends duschen, nachdem sie ihr Tagwerk erfüllt haben, weil sie schwitzten und stinken und weil sie etwas erschaffen haben, das man berühren und essen kann.Der Käse wird zur Chiffre für das Echte und Unverfälschte, der Bauer zum Hohepriester des Haptischen. Einer, der eben noch weiss, wie es geht, der die Authentizität verkörpert, nach der die «Gesellschaft der Singularitäten» gemäss dem Soziologen Andreas Reckwitz so sehr lechzt.Während man selbst den Sinn seiner Arbeit als kleines Rad in der Grossraumbüromaschinerie immer häufiger hinterfragt, trifft man auf der Alp auf Menschen, deren Arbeit sich dem Zweifel entzieht. Ein Feld ist bestellt, oder es ist es nicht. Eine Kuh ist gemolken, oder sie schreit vor Schmerz. Das Holz ist gestapelt. Das sogenannt epistemische Wissen der Menschen auf dem Land, basierend auf Erfahrung, die man selber vor Ort und in der Praxis machte, wird von KI-müden Städtern auf Ritalin zur Religion erkoren.Vielleicht war die Verklärung der Alp zum kitschigen Ideal deshalb nie grösser, weil sie bedroht ist wie ein exotisches Tier. Deshalb reden wir sie uns schön, deshalb feiern wir die Hofläden ab, loben die hausgemachte Rösti, obwohl sie in Fett schwamm, und verneigen uns vor der Arbeit der Landwirte, die uns immer mehr kostet: Wir erhalten uns unsere Sehnsucht.In einer disruptiven Zeit, in der sich Gewissheiten auflösen, vieles niedergerissen oder wegrationalisiert wird, darf die Alp als Phantasma und Kulisse einer Bilderbuchschweiz, die es nie gab, nicht auch noch verschwinden.All das spielte sich im Hintergrund ab, als wir auf unserer Wanderung vor dem Hofladen im Berner Oberland doch nur den Kopf lüften und eine Rast machen wollten und den Kühlschrank mit dem Käse entdeckten. Das vielleicht bizarrste Neurosenspektakel der modernen Schweiz.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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