Die Bergwacht Hinterstein hat inzwischen eine gewisse Routine erreicht, wenn es darum geht, seltsamen Einsätzen mit Sarkasmus zu begegnen. Vielleicht ist es auch Galgenhumor. Vor ein paar Tagen jedenfalls war es wieder so weit, als zwei Jugendliche einen Notruf absetzten. Die „Not“ bestand darin, dass ihnen auf dem Weg vom Schrecksee zum Prinz-Luitpold-Haus eine Schafherde den Weg versperrte, an der sie sich nicht vorbeizugehen trauten.Also marschierte der Hüttenwirt, selbst aktiver Bergwachtmann, mit seinem Sohn los, um die Jugendlichen zu holen. Die Bergwacht Hinterstein kommentierte in sozialen Medien trocken: „Die Schafe stellten sich dabei als nicht besonders aggressiv heraus.“SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Wenn es nur furchterregende Schafherden wären, die am Schrecksee, im Nationalpark Berchtesgaden oder an sonstigen Hotspots in den bayerischen Alpen unbedarfte Wanderer erschrecken würden. Bergwacht, Ranger und Polizei hätten weniger zu tun. Doch die Probleme liegen tiefer, und sie häufen sich, seit Jahren. Tourenplanung mit Tiktok, schlechte Ausrüstung, rücksichtsloses Verhalten, unter alldem leiden nicht nur Einheimische und Einsatzkräfte, sondern auch die Natur.Am Schrecksee hat deshalb der Bürgermeister von Bad Hindelang kürzlich selbst mit angepackt – und kurzerhand einen Zaun am Weg gebaut, damit die Wanderer wenigstens nicht mehr kreuz und quer über die Wiese latschen. Die Aktion ist Teil des Projekts „Innovatives Besuchermanagement zwischen Berg und Tal“. Es läuft seit 2024, damals noch unterstützt vom Umwelt- und Naturschutzzentrum Alpinium.Es gebe am Aufstieg zum Schrecksee Stellen, etwa eine Alpwiese am Kraftwerk Auele, sagt Annette Spies von der Projektleitung Besucherlenkung Bad Hindelang, da laufen die Wanderer hinauf, wo es ihnen gerade passt. Bis zu fünf Pfade nebeneinander sind so entstanden. „Da wurde viel Fläche zerstört.“Also haben sie schon vergangenes Jahr begonnen, ausgetretene Stellen am Aufstieg zum Schrecksee naturschutzfachlich zu sanieren und Trampelpfade zu renaturieren. Sie haben einen Weg über die Weide begradigt, ohnehin schon ein Kompromiss: Die eigentliche Strecke führte woanders lang, aber die Leute marschieren immer direkt hinauf, dagegen kommt man nicht an. „Also dachten wir, bleiben wir lieber auf der gerade Linie“, sagt Spies. Nur sind die Wanderer gleich wieder über die renaturierten Flächen gelaufen. „Also haben wir beschlossen, manche Teilstrecken einzuzäunen.“Ursprünglich auch, um das Vieh auszusperren, bis sich die Weide erholt hat. Aber sie haben schnell gemerkt, das Vieh ist nicht das Problem. „Die Schäden durch Menschen in diesem Gebiet sind viel größer“, betont Spies.Weil die Staatsregierung aber das Alpinium eingespart hat und Bad Hindelang auf die dort angestellten Ranger nicht mehr zurückgreifen kann, sind kurzerhand Bürgermeister Tobias Keuschnig und Tourismusdirektor Max Hillmeier eingesprungen, um gemeinsam mit Spies Zäune anzubringen, die Wanderer in die richtigen Bahnen lenken. Der Bürgermeister, seit dem Frühjahr im Amt, war auch im Juli dabei, als Mitarbeiter der Naturschutzwacht am frühen Morgen Wildcamper erwischten und des Platzes verwiesen.Der Schrecksee liegt auf 1800 Metern, mitten im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen, einer der schönsten Gebirgsseen Bayerns – und wird in sozialen Netzwerken gerne mit sagenhaften Bildern und wolkigen Routeninformationen beworben, ähnlich wie Ziele im Nationalpark Berchtesgaden.Der Schrecksee ist einer der schönsten Bergseen im Allgäu – und äußerst beliebt bei Tiktokern. Foto: Wilhelm Mierendorf/ImagoDer Königsssee und die Halbinsel St. Bartholomä mit der Watzmann-Ostwand im Hintergrund sind ein Muss für die allermeisten Besucher des Nationalparks Berchtesgaden. Foto: Imago/PanthermediaDort machen sie inzwischen mit Wärmebildkameras und gemischten Streifen aus Polizisten und Rangern Jagd auf Gäste, die sich nicht an die Regeln halten und zum Beispiel am Königssee oder am Obersee biwakieren, obwohl das dort wie im übrigen Nationalpark strikt verboten ist. „Die modernen Kameras sind technisch super“, sagt Nationalpark-Vizechef Daniel Müller. „Da können sich die Wildzeltler noch so gut im Gebüsch tarnen, denen entgeht nix.“ Wird so ein Biwakierer erwischt, wird es teuer. „Einmal Zelten mit Feuer anmachen, das macht 350 Euro, pro Person“, sagt Müller, „da kann man sich jederzeit eine Nacht mit morgendlichem Frühstücksbuffet in einem feinen Hotel in unserer Region leisten.“Gerade jetzt zur Ferienzeit ist der Nationalpark Berchtesgaden komplett überlaufen. Gut 1,6 Millionen Besucher im Jahr zählten sie schon vor Jahren in dem Schutzgebiet, in dem eigentlich die Natur Vorfahrt hat, Tendenz steigend. Aktuellere Zahlen gibt es nicht, sie werden gerade ermittelt, sagt Müller. Aber die Anziehungskraft von Königssee, Watzmann und Co. ist ungebrochen. Davon zeugen nicht nur die tagein tagaus übervollen Parkplätze an den Nationalpark-Zugängen. Sondern auch das allabendliche Verkehrschaos rund um Berchtesgaden.Nationalpark-Ranger und Polizisten auf einer gemeinsamen Patrouille auf dem Königssee. Foto: Nationalpark BerchtesgadenGerade die Sommerferien sind eine immense Herausforderung für die Nationalpark-Ranger. Sie sollen dafür sorgen, dass sich die Gäste an die Regeln halten. Dass sie also nicht zelten, kein Lagerfeuer anzünden, keinen Müll wegwerfen, nicht mit Luftmatratzen, Schlauchbooten oder SUP-Boards über den Königssee fahren, nicht abseits der offiziellen Radwege mountainbiken, und auch keine Drohnen in die Luft steigen lassen. Die gemeinsamen Streifen aus Polizisten und Rangern haben sich schon seit einiger Zeit bewährt, sagt Müller. Vor allem rund um den Königssee.Dort sind die gemischten Streifen vor allem in den Morgen- und den Abendstunden unterwegs, also dann, wenn die Beweislage verhältnismäßig eindeutig ist, weil keine Passagierschiffe mehr auf dem See sind, und Ausreden eigentlich nicht möglich sind. Wie viele Wildzeltler dieses Jahr schon erwischt worden sind, kann Müller nicht so genau sagen, weil sich die Zahl ja jeden Tag verändern kann. Aufs Jahr gesehen, und damit ist vor allem die wenige Wochen kurze Sommersaison gemeint, sind es ungefähr 35 Anzeigen, nur wegen Biwakieren, und bis zu weitere 15 wegen Grillen und Feuermachen.Auch Annette Spies von der Gemeinde Bad Hindelang kann mit Zahlen belegen, wie groß der Ansturm auf den Schrecksee ist: An Spitzentagen sind hier die vergangenen Jahre bis zu 800 Wanderer raufgelaufen. Es ist ein teils steiler Weg, der Kondition abverlangt, gerade die berüchtigten Tiktok-Nutzer unterschätzen dies regelmäßig. Sie haben Zählschranken angebracht, auch Teil des Projekts Besucherlenkung: 2024 waren es 13 000 Wanderer, die zum Schrecksee wanderten, 2025 bereits 16 000. „Wir haben das Gefühl, es werden dieses Jahr schon wieder mehr werden.“ Zur Einordnung nennt Spies Zahlen vom Wertacher Hörnle, auch ein sehr beliebtes Wanderziel, da gibt es nur Zahlen bis 2024 – da waren es lediglich 8500 Wanderer.Sie haben eine eigene Homepage eingerichtet für den Schrecksee, um über Regeln im Naturschutzgebiet sowie Informationen zum Aufstieg, Schnee und Wetter zu vermitteln. „Damit die Leute richtige Infos finden, nicht nur Tiktok“, sagt Spies. Es stehen Infotafeln am Weg mit Rest-Gehzeiten, wer sich überschätzt hat, kehrt dann leichter um, so die Hoffnung. Und es stehen Infotafeln unten am Parkplatz, das wollen sie erweitern und einen Infopoint daraus machen. Manche Besucher staunen, weil ihnen nicht bewusst ist, was sie dort lesen: Dass man Getränke mitnehmen und Bergschuhe tragen sollte zum Beispiel.Einigen wird aber wohl auch damit nicht zu helfen sein. Auf sozialen Medien regen sich sogenannte Influencer auf, dass es den Behörden nur darum gehe, mit den Bußgeldern etwa fürs Wildcampen Geld zu machen. Dass es um die Natur geht, verstehen sie nicht. Und die Metallstangen für die neuen Zäune, die findet der Schafhirte öfter mal am Wegrand oder oben am See, achtlos weggeworfen: Die reißen Wanderer gerne mal aus, um sie zu Wanderstöcken umzufunktionieren.
Wie Wanderer sich an Hotspots in den Alpen danebenbenehmen - und wie die Orte reagieren
Im Allgäu und Nationalpark Berchtesgaden führen hohe Besucherzahlen zu Umweltschäden und Regelverstößen. Maßnahmen wie Zäune und Kontrollen sollen Natur schützen.










