Die Hände verbrannt: Gianni Infantino kapituliert vor dem Widerstand der FussballweltDer Fifa-Regent Infantino zieht überraschend schnell seinen Plan zurück, den Fussball an private Investoren zu verkaufen. Damit müsste auch Infantinos Zeit als Fussballkönig enden – eigentlich.01.08.2026, 19.29 Uhr6 LeseminutenKostet die Niederlage Gianni Infantino den Kopf als Fifa-Präsident?Illustration Dario Veréb / NZZaSWiderstand lohnt sich, das Gute hat gesiegt: Das ist der Tenor in der Fussballwelt, nachdem der Fifa-Präsident Gianni Infantino am Samstag den Rückzug seiner Expansionspläne bekanntgegeben hat. 96 Minuten nach Mitternacht liess Infantino vom Fifa-Hauptsitz in Zürich eine Medienmitteilung in seinem Namen verschicken mit dem Eingeständnis seiner Niederlage. Das Projekt werde «nicht weiterverfolgt», es habe «zur Spaltung geführt».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Infantinos Kehrtwende kam unerwartet rasch. Zwanzig Stunden vorher liess er noch mitteilen, dass er an seinem Vorhaben festhalte. Nochmals skizzierte er mit Nachdruck seine Pläne zur Veräusserung der Turnierrechte, immerhin zum «Vorschlag» heruntergedimmt. Die Kritik sei der verzerrten Berichterstattung in den Medien geschuldet, die weltweite Empörung die normale Erscheinung «einer demokratischen Konsultation». Doch dann ging es schnell.Innert weniger Stunden muss Infantino klargeworden sein, dass er sich zum einsamen König ohne Reich gemacht hatte. Die asiatische Konföderation (AFC) reagierte mit einer offiziellen Stellungnahme, dass sie mit ihren 47 Landesverbänden den Vorschlag ablehne. Die AFC war der dritte Kontinentalverband nach dem europäischen Verband (Uefa) und der Konföderation von Nord- und Mittelamerika (Concacaf), der sich abwandte. Die Ablehnung war auch für Infantinos engste Mitarbeiter das Zeichen, aufzumucken.Ein Deal für Bestechung«Es ist das Projekt einer Einzelperson», sagte der Fifa-COO Kevin Lamour, «auch wenn es mich den Job kostet» – er und die Administration seien von Infantino «getäuscht» worden. Es war die Bestätigung dafür, dass Infantino seinen Plan ohne Auftrag oder eine Absprache mit den zuständigen Gremien wie dem Fifa-Rat im Alleingang ausgeheckt und durchgezogen hatte.Auch Carlos Cordeiro quittierte am Freitag seinen Job als Infantinos Chefberater. Der frühere Banker, Präsident des amerikanischen Fussballverbandes und Bindeglied zur amerikanischen Regierung, sagte: «Es ist ein schlechter Deal für die Mitgliedsverbände, ein schlechter Deal für den Fussball und ein schlechter Deal für die Zukunft des Spiels.»Der «schlechte Deal», den Infantino durchdrücken wollte, sah so aus, dass er die Fifa-Rechte an ein Unternehmen namens Fifa Forward Enterprise (FFE) abtreten wollte. Die Firma hätte sämtliche kommerziellen Aktivitäten mit der WM als Filetstück verwertet. Den Wert der FFE veranschlagte Infantino auf 20 Milliarden Dollar, an denen bis zu dreissig Prozent private Investoren mit ihrem Gewinnstreben beteiligt wären.Infantinos Taschenspielertrick: Jeder der 211 Mitgliedsverbände hätte für die kommenden vier Jahre auf einen Schlag je 40 Millionen Dollar erhalten. Einmal mehr hatte der Präsident die kleinen Verbände im Visier für eine Mehrheit für seinen Plan. 40 Millionen Dollar sind für Mini-Verbände ein Betrag, der zu Träumen verleiten mag. Und es ist für kleine Verbände ein Betrag in der Nähe von Wahlbestechung.Ein vorläufiger Sieg für die UefaDas Geld dafür wäre von den privaten Geldgebern um Joshua Kushner mit seinem Thrive-Capital-Investmentfonds geflossen. Kushner ist der Bruder von US-Präsident Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Letztmals hatte sich Infantino am WM-Final an der Seite von Trump gezeigt. Doch seither soll Trump verärgert sein über seinen «good friend Gianni», der ihm noch im Dezember einen goldenen Friedenspreis verliehen hatte.Grund für den Ärger von Donald Trump war, dass es Infantino nicht schaffte, dass der amerikanische Präsident höchstpersönlich den spanischen Weltmeistern die WM-Trophäe überreichen konnte. Wer Trump enttäuscht, bekommt das zu spüren. Nie habe er etwas von Infantinos Deal gehört, sagte Trump später. Danach versagte der Trump-Clan offensichtlich Infantino den Support für den 20-Milliarden-Plan, der durch den weltweiten Aufruhr massiv an Gewinnpotenzial verlor. Ohne die europäischen Teams ist eine WM wirtschaftlich wertlos.Eine wertlose WM ohne Deutschland, Spanien, Frankreich oder England hatte am Donnerstag als vorentscheidenden Punkt im Widerstands-Manifest die Uefa angedroht. Der europäische Fussballverband hatte in einer Dringlichkeitssitzung beschlossen, bis auf weiteres sämtliche Fifa-Wettbewerbe zu boykottieren. Ein wirkmächtiges Zeichen. Der Boykott gelte, bis der Investorenplan «in seiner Ganzheit verworfen» sei. Zudem müsse die Fifa zusichern, dass sie «ihre Governance und ihre Wettbewerbe nie wieder für private Investoren» öffne.Ablehnend hatte nicht nur die Uefa reagiert. Auch die EU-Kommission, Politiker und Fussballfunktionäre stimmten in den Chor der Entrüstung ein. Von Bestechung, Erpressung und einem Ausverkauf des Fussballs war die Rede. Die «Seele und die Führung des Fussballs sind keine Handelswaren», war da zu vernehmen. Andy Burnham, Englands neuer Premierminister, schaltete sich in Fan-Verkleidung mit einem Lehrstück in Populismus ein: «Die Weltmeisterschaft ist kein Produkt. Niemand hatte je das Recht, sie zu verkaufen. Man kann den Deal schönreden, wie man will. Sobald man einen Teil davon verkauft hat, hat man sich verkauft.»Geld – immer mehr GeldDie Beziehung zwischen dem wichtigsten Kontinentalverband und der Fifa ist schon lange belastet. Während die Uefa die Vormachtstellung ihrer Ligen und ihre Premiumprodukte Champions League und Euro verteidigt, will die Fifa in Domänen eindringen, welche die Uefa kontrolliert.Infantinos Angriffe auf den Kernmarkt sind vielfältig. So veranstaltet die Fifa seit der Reform der Klub-WM 2025 selbst einen Klubwettbewerb mit Beteiligung europäischer Teams. Die Erhöhung auf 48 WM-Teilnehmer war ein anderer Schritt des Fifa-Hegemons. Die Diskussion über künftig 64 WM-Teilnehmer ist nicht vom Tisch. Auch Infantinos Idee, eine weltweite Nations League einzuführen, bedrängt die europäische Nations League.Während der WM hatte die Uefa verschiedentlich ihr Missfallen signalisiert. Etwa rund um die Vorgänge, die zur Begnadigung des gesperrten US-Stürmers Folarin Balogun geführt hatten. Oder als Infantino in Aussicht stellte, die WM schon bald alle zwei Jahre durchzuführen. Mit dem Fernbleiben am WM-Final setzte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin ein deutliches Zeichen der Geringschätzung.Doch es ist wohlfeil, dass die Europäer sich nun als Retter und Bewahrer des Fussballs als Volkseigentum inszenieren. «Dies ist ein Sieg für den Fussball als Ganzes», liess die Uefa am Samstag nach Infantinos Rückzieher verlauten. Denn der Uefa geht es letztlich um das Gleiche wie der Fifa: um Geld, Macht und Wachstum. Allerdings nach den Regeln, die sich die Fussballfamilie selber gegeben hat. Diese Regeln hat Infantino gebrochen. Auch deshalb ist der offene Wirtschaftskrieg zwischen der Uefa und der Fifa nur verhindert. Befriedet ist der Konflikt deshalb nicht.Was Infantino der Fussballwelt vorgesetzt hatte, erreichte mit der Beteiligung von Privaten zwar eine neue Dimension. Aber es ist die konsequente Fortsetzung seiner Politik, dass finanzielles Wachstum das oberste Prinzip der Fifa sein muss. Im Grundsatz hat es dagegen nie Opposition gegeben. Solange die Rechnung stimmte, regte sich aus Europa bis am letzten Dienstag auch in den Fifa-Gremien nur selten offene Kritik.Bereits als Infantino im Februar 2016 als Ersatzkandidat für Michel Platini zum Präsidenten gewählt wurde, versprach er die Aufstockung der WM-Teilnehmer von 32 auf 40 sowie die massive Steigerung der Ausschüttungen an die Verbände. Das Wachstum würde immer mit unter den obersten Prinzipien von «Transparenz, Governance und Respekt vor den Fifa-Institutionen» vorangetrieben.Hintergrund der Inthronisierung Infantinos war der chaotische Fifa-Kongress 2015 in Zürich. Mehrere Funktionäre waren wegen Korruption, Bestechung und Erpressung festgenommen worden. Sepp Blatter musste auf eine weitere Amtszeit verzichten. Nach Infantinos Wahl zeigte sich rasch, was der Blatter-Nachfolger unter seinen Worten von «Reformen für eine saubere Fifa» hielt: Er installierte Personen und Strukturen nach seinem Gusto, um die alte Politik des Tricksens und Schmierens in die Gegenwart zu führen.Schon nach einem Jahr ersetzte Infantino in der Ethikkommission Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert, der immerhin Blatter gesperrt hatte. Infantino liess die Ethiker auf dem Flughafen in Bahrain informieren, wo sie für die Wiederwahl am Kongress teilnehmen wollten. Auch der Portugiese Miguel Maduro hatte nach Infantinos Geschmack den Job als Governancebeauftragter zu ernst genommen und musste gehen. Der Kongress und der Fifa-Rat nickten die Rochaden wie vieles andere ab.Kumpanei mit Oligarchen und AutokratenNach nur dreizehn Monaten im Amt gab Infantino ein nächstes Beispiel, dass er sich freie Bahn für seine Vorhaben verschafft: Er präsentierte bereits 2018 in Bogotá den Vertretern der Kontinentalverbände im Fifa-Rat mit einem «anonymen» Angebot, für zwölf Jahre die WM- und andere Rechte zu verkaufen – für 25 Milliarden Dollar. Das Vorhaben wurde abgelehnt. Infantino liess sich nicht beirren.Hinter den 25 Milliarden stand Saudiarabien. Der autokratische Staat hatte die Ausrichtung der Fussball-WM als politisches Ziel identifiziert, um sich der Welt ähnlich wie Katar als modernes, offenes Land zu präsentieren. So wirkte Infantino darauf hin, dass die WM 2034 an Saudiarabien ging, im gleichen Beschluss wie die nächste WM 2030 an Marokko, Spanien und Portugal. Die Doppelvergabe fand vor zwei Jahren in einer virtuellen Kongress-Sitzung per Akklamation statt.Wie der Vorgänger Blatter erwies sich Infantino stets als geschmeidiger Netzwerker, der für seine Zwecke geschickt Oligarchen, Scheichs, Autokraten und Staatsmänner zu umgarnen wusste. Infantinos Kumpanei mit Trump lieferte dafür die jüngste Anschauung.Mit dem Rückzug seiner Pläne rollt nun über Infantino die Walze von Forderungen nach einem sofortigen Rücktritt. Davon scheint er weit entfernt zu sein. Er wolle «mit allen Beteiligten Gespräche führen über die Zukunft», schreibt Infantino. Er glaubt, nur eine Schlacht verloren zu haben, aber nicht den Krieg um den Fussballthron. Bis im November müssen die Kandidaten ihre Bewerbung für eine Wahl im März abgeben. Der Kampf um die Macht im Fussball geht erst richtig los.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel