Drei Bundesräte reden über die Schweiz. Sie schildern drei verschiedene Länder. Wer hat recht?Christoph Blocher, Beat Jans und Guy Parmelin reisen durch das Land und erklären den Leuten die Schweiz. Für den einen gehört sie zu Europa, für den anderen steht sie für sich – und für einen dritten irgendwo dazwischen.01.08.2026, 14.31 Uhr6 LeseminutenKaum ein Schweizer hat so viele Reden anlässlich der Bundesfeier gehalten wie Alt-Bundesrat Christoph Blocher.Peter Schneider / KeystoneTell mit Blocher, Europa mit Jans und Konkordanz mit Parmelin – drei Blicke, auf die SchweizOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Den Auftakt machte Christoph Blocher am Freitagnachmittag in Matten bei Interlaken. Er ist der Gastredner einer von Pro Schweiz organisierten Bundesfeier auf dem Areal der Tell-Freilichtspiele. Programm: Jodlerchor, Reden, ein Ausschnitt aus «Tell, unser Held» (frei nach Schiller), Kollekte zugunsten der Neutralitätsinitiative und eine Gratis-Wurst. 1400 Menschen haben sich angemeldet, 1200 werden erwartet. Es ist drückend heiss.Christoph Blocher ist neben Adolf Ogi der wahrscheinlich geübteste Bundesfeierredner der Eidgenossenschaft. Unzählige Male ist er am 1. August irgendwo im Land aufgetreten und hat Reden gehalten. Themen: Eigenständigkeit, Sicherheit, Unabhängigkeit.Nächster Halt: die SchweizDieses Mal steht der Schweizer Nationalheld im Zentrum seiner Rede. Blocher hat nicht nur die Schiller-Adaption in Matten mehrfach besucht (samt Kindern und Enkelkindern), er hat auch das Original-Drama mehrfach gelesen. Zur Vorbereitung auf den Tag erneut.Es sei kein Zufall, dass Tell den Schweizern ausgerechnet von einem Deutschen geschenkt worden sei, sagt Blocher. Denn schon immer hätten Ausländer die Bedeutung und Besonderheit des Fleckens Schweiz und seines Systems besser erkannt als mancher Schweizer Politiker.Blocher beginnt mit Ulrich von Rudenz, der seinem Onkel Attinghausen vom Hof der Habsburger vorschwärmt. Geblendet vom Glanz fremder Mächte. Heimatvergessen. «Hören Sie», fragt Blocher das gebannt lauschende Publikum, «unsere heutigen Politiker?» Auch diese sagten schliesslich: «Wir können doch nicht abseits stehen, uns abschotten von diesem grossen europäischen Verwaltungsstaat. Wir können doch kein Sonderfall sein!»Christoph Blocher hat das Original-Drama Tells zur Vorbereitung auf diese Rede nochmals gelesen.Peter Schneider / KeystoneWeiter geht es mit Tell, dem Helden der bewaffneten Freiheit, und einem Plädoyer für die immerwährende, bewaffnete und integrale Neutralität – so, wie sie seine Neutralitätsinitiative in der Verfassung verankern will.Christoph Blocher sieht Europa am Rand eines dritten Weltkriegs. Wie die Gegner seiner Initiative schliesst er nicht aus, dass Russland schon bald den Westen angreifen könnte. Schutz erhofft er sich nicht durch engere Kooperation mit Europa und der Nato, sondern durch eine Neutralität, die davon absieht, eine Atommacht wie Russland mittels Sanktionen und der Nähe zu westlichen Allianzen zu reizen.Das Publikum, eher älter, Schweizerkreuz auf Mützen, T-Shirts, Trinkflaschen, nickt und klatscht. Die meisten sind überzeugt, dass Christoph Blocher recht hat. Doch jetzt braucht man aber erst einmal eine Bratwurst und ein Bier.Nächster Halt: EuropaEin paar Stunden später und 150 Kilometer weiter hält Bundesrat Beat Jans eine Ansprache, die sich streckenweise anhört wie eine Gegenrede zu Blocher. Der amtierende Justizminister kann die Tell-Rede seines längst pensionierten Vorgängers nicht kennen, aber er hat dessen Argumente offenbar längst verinnerlicht und für untauglich befunden. «Wir können uns nur gemeinsam verteidigen», sagt Jans in Therwil, Kanton Basel-Land. Jans spricht von den europäischen «Nachbarn, den Partnern, den Verbündeten» und schlussfolgert: «Wir gehören nicht zur EU, aber die Schweiz gehört zu Europa.»Jans hält seine Rede auf dem Vorplatz des «Bahnhofsschulhauses» eines Ortes, der gar keinen Bahnhof hat. Festbänke am Boden und Lampions in der Luft, Jodlermusik und Grillgeschmack. Dorffestvibes am Nationalfeiertag, der jedes Jahr bis zu 800 Therwilerinnen und Therwiler anzieht. Legendär ist das Verpflegungskonzept, es gibt zwei Schlangen: eine ist mit «Fleisch und Salat» beschriftet, die andere mit «nur Fleisch», wobei die Filets und Würste kalt und roh daliegen. Denn es ist Tradition in Therwil, dass die Leute ihre Fleischstücke selbst grillieren, auf einem der sechs Gasgrills, die neben dem Schulhaus aufgebaut wurden.Den ganzen Abend stehen ein paar Männer unterschiedlichen Alters um die Grills herum, schweigen einander erst an, fragen irgendwann nach der Grillzange, wenden dann kopfschüttelnd die einseitig verkohlten Bratwürste des Mittvierzigers, der «kurz» weg musste, zum Kind, zur Frau, zum Getränkestand. Einer mit 1291-Schriftzug auf dem Polohemd nimmt sein Filet vom Grill und geht zum nächsten, hält die flache Hand darüber, «mol, hier ist's ein bisschen heisser», sagt er und legt sein Filet auf den Rost. Der andere Mann reagiert, ordnet seine Würste nun neu an, damit alle Fleischstücke Platz haben. Schliesslich starten sie ein Gespräch reden erst über die Schweizer Nationalmannschaft und den «skandalösen Schiedsrichter», dann über Tell, der schon als Gründungsmythos für die Dänen habe herhalten müssen, wie der Mann im 1291-Polohemd sagt. «Nur heisst er bei denen anders, und sie spielen schlechter Fussball.»Die Frau vom Organisationskomitee erklärt: «Ein Schweizer setzt sich doch nicht zu einem Fremden an den Tisch!» Also zwingt sie die Leute zum gemeinsamen Grillieren. Es ist die moderne Adaption der helvetischen Entstehungsgeschichte. «Der lose Staatenbund», referiert Jans, «hat die Eidgenossen dazu verdammt, aufeinander zu- und einzugehen».Beat Jans beim Bundesratsreisli Ende Juni. Er mag den Kontakt mit der Bevölkerung.Anthony Anex / KeystoneBlocher ging in seiner Rede von aussen nach innen, von der deutschen Betrachtung Tells zurück in die Schweiz. Jans macht den umgekehrten Weg, bewegt sich rhetorisch von innen nach aussen, von Minute zu Minute mehr. «Liebe Menschen in Therwil», sagt Jans zu Beginn, danach: «Liebe Schweizerinnen und Schweizer.» Nach fünfzehn Minuten spricht er das Publikum mit «liebe Europäerinnen und Europäer» an. Jans' rhetorische Reise endet bei der Feststellung, dass die Geschichte der Schweiz «eben keine Geschichte über Abschottung, sondern eine über Vielfalt, Offenheit und Zusammenhalt» sei.Nächster Halt: irgendwo dazwischenSteht Blocher für den Glauben, dass nur eine isolierte und eine absolut neutrale Schweiz die richtige sein kann, und Jans für das Gegenteil, steht Guy Parmelin kraft seines Amtes als Bundespräsident irgendwo zwischen seinem Kollegen und dem Alt-Bundesrat. Inhaltlich und – mit etwas Mut zum Ungefähren – auch geografisch. Parmelin ist der diesjährige Gastredner auf dem Rütli, Schauplatz des schweizerischen Gründungsmythos, dort also, wo die drei Eidgenossen «unterschiedlichster Herkunft» den berühmten Schwur abgaben, wie es Parmelin beschreibt. Es ist ein Blick in Jans' Schweiz, in ein Land, das sich erst durch Vielfalt und die Menschen «unterschiedlichster Herkunft» zur Nation hat entwickeln können. Parmelin sagt auf dem Rütli aber auch, die Schweiz sei «nie wegen ihrer Grösse» gross gewesen. «Ihre Stärke lag immer in ihrem Willen, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen.» Es ist die blochersche Deutung: Isolation statt Internationalität.Parmelin spricht in seiner Rede über die Bedeutung der Kleidung, da die Schweizerische Trachtenvereinigung ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert.Urs Flüeler / KeystoneDie Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) hat auf das Rütli geladen. Nach ein paar Jahren mit progressivem Linksdrall hat sie nicht nur den Präsidenten ausgewechselt, sondern auch den Kurs wieder etwas konservativer ausgerichtet, wenngleich im Vorprogramm Jazzmusik läuft, was zwei Trachtenfrauen schnöden lässt: «Ganz schlechte Musik!»Natürlich trägt Parmelin auch an diesem Tag seine im Basel-landschaftlichem Therwil gefeierte Mütze mit dem Slogan: «Switzerland great since 1291». Viele auf dem Rütli tun es ihm gleich. Parmelin, der bislang nicht unter Verdacht stand, modisch allzu ambitioniert zu sein, wird gerade ein bisschen zum Trendsetter. Denn seine Baseballcap entwickelt sich zur zeitgenössischen Tracht – made in USA, so viel Weltoffenheit muss es dann schon sein. Nur logisch, widmet Parmelin seine Rütli-Rede anlässlich des einhundertjährigen Bestehens der schweizerischen Trachtenvereinigung dem Motto «Kleidersprachen». «Kleidung erzählt etwas über unsere Herkunft und unsere Zugehörigkeit», sagt der Bundespräsident, der auf dem Rütli hauptsächlich zur konservativen Schweiz spricht, die 1291-Mützen, Trachten und Sennenhemd trägt. Parmelin weiss das und sagt, alle trügen Verantwortung für die Schweiz, «egal, welche Kleider sie tragen».Auch auf dem Rütli trägt Bundespräsident Guy Parmelin seine rote Mütze.Urs Flüeler / KeystoneIn Einigkeit widersprechenChristoph Blocher ist überzeugt, dass die Schweiz nur stark bleiben kann, wenn sie alleine und strikt neutral bleibt («Der Starke ist am mächtigsten alleine»). Beat Jans glaubt fest daran, dass sich die Schweiz nur gemeinsam «mit den Nachbarn, den Partnern, den Verbündeten» verteidigen kann. Und Guy Parmelin sieht die Schweiz irgendwo dazwischen, als Land des Kompromisses, der «kein Zeichen von Schwäche» sei. «Im Gegenteil. Der Kompromiss steht für die Fähigkeit, trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam weiterzugehen.»Die Schweiz, die alle drei miteinander verbindet, spiegelt sich auch im Umgang des Landes mit seinem Nationalfeiertag. Während andere Länder Paraden abhalten, Kunstflieger die Farben der Landesflagge in die Luft ziehen lassen und im ganzen Land jede Minister, jede Bürgermeisterin und jeder Regionalpräsident dieselbe Version der Staatsgeschichte erzählt, widersprechen sich in der Schweiz zwei amtierende Bundesräte und ein Ex-Magistrat – und schildern doch das gleiche Land.Passend zum Artikel
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