Was war der Auslöser?In Spanien gilt ein Urteil des obersten Gerichtshof Spaniens vom 29. Juni dieses Jahres als wahrscheinlicher Auslöser. Das Gericht stellte dabei klar, dass Migranten, die auf dem Seeweg in eine der beiden spanischen Exklaven Ceuta oder Melilla im Nordosten Marokkos kommen, nicht sofort wieder zurückgeschickt werden dürfen. Diese sogenannten Pushbacks seien nur zulässig, wenn die Migranten versuchten, Grenzanlagen zu überwinden, um die Grenze illegal zu überschreiten.Sánchez machte „einseitige Lesart des Urteils“ sowie Menschenschmuggler für die Lawine von Migranten verantwortlich. „Es scheint, als habe sich diese Auslegung des Urteils in den letzten Stunden wie ein Lauffeuer in den Netzwerken der Mafia verbreitet und eine Lawine von Ereignissen ausgelöst, wie wir sie gestern erlebt haben“, sagte Sánchez.Die meisten Migranten sind auf das spanische Hoheitsgebiet geschwommen – mindestens 41 Menschen sind dabei gestorben. Andere kamen über den Landweg.Wie hat Marokko reagiert?Donnerstag war ein nationaler Feiertag in Marokko, an dem die Thronbesteigung von König Mohammed VI. gefeiert wird. Der König machte nur 25 Kilometer von Ceuta entfernt Urlaub. Deshalb ist es möglich, dass an dem Tag weniger marokkanische Wachposten an der Grenze zu Ceuta positioniert waren.Das allein erklärt nach Angaben spanischer Medien aber nicht den massiven Ansturm auf die Exklave. „An diesem Donnerstag waren die Gendarmen auf marokkanischer Seite jedoch nicht mehr vor Ort, sodass ganze Familien den Tarajal-Pass praktisch zu Fuß überqueren konnten“, schrieb die spanische Zeitung El País. Der Tarajal-Pass ist der Grenzübergang zwischen Marokko und Ceuta auf dem Landweg.Wie ist das Verhältnis von Spanien zu Marokko?Es wäre nicht das erste Mal, dass Marokko die Grenze für Migranten öffnet, um Druck auf Spanien auszuüben. Im Jahr 2021 etwa gelangten über 10.000 Migranten nach Ceuta, nachdem Marokko die Grenzkontrollen im Streit mit Spanien über die Westsahara gelockert hatte.Madrid ist bei der Grenzsicherung auf die Kooperation von Marokko angewiesen und hat deshalb stets öffentliche Kritik an Rabat vermieden - so wie jetzt auch. Dennoch gibt es dieses Mal selbst aus der Regierungspartei PSOE Stimmen, die Marokko indirekt als Verantwortlichen nennen.Javi López, Vizepräsident des Europäischen Parlaments und PSOE-Mitglied hat die Drohung Italiens, das Schengen-Abkommen mit Spanien auszusetzen, mit den Worten zurückgewiesen: Wenn Migration als Waffe eingesetzt wird, antwortet Europa mit Solidarität, nicht mit Egoismus.Enrique Santiago, Sprecher des spanischen Linksbündnisses Izquierda Unida, das Teil des Koalitionspartners Sumar ist, schrieb am Donnerstag auf X: „Der heutige massive Ansturm ist etwas ganz anderes: eine Provokation von Marokko.“Was könnte Marokko provoziert haben?Spanische Medien spekulieren, was dieses Mal den Zorn von Rabat hervorgerufen haben könnte, und nennen unter anderem den Besuch von Ministerpräsident Pedro Sánchez in Algerien am 20. Juli. Algerien ist ein wichtiger Gaslieferant von Spanien. Algerien und Marokko sind sich spinnefeind und streiten seit Jahren um den Status der Westsahara.Als weiteren möglichen Auslöser nennen spanische Zeitungen ein Gerangel zwischen Madrid und Rabat um die Frage, wo das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2030 stattfindet, deren Hauptgastgeber Spanien, Marokko und Portugal sind.Wie reagieren die USA?In den vergangenen Monaten haben spanische Experten zudem gewarnt, dass US-Präsident Donald Trump seine Wut auf Spaniens mangelnde Verteidigungsausgaben und die fehlende Unterstützung im Irankrieg nutzen könnte, um Spanien via Marokko zu schwächen.Der US-Präsident hatte Spanien mit Sonderzöllen und einem Handelsembargo gedroht - beides ist jedoch kaum realisierbar, da die EU für die Handelspolitik ihrer Mitglieder verantwortlich ist.Marokko und die USA haben ein enges Verhältnis. Unter Trump haben die USA als erstes westliches Land offiziell die Souveränität Marokkos über die Westsahara anerkannt. Rabat benannte die Küstenautobahn durch das Gebiet daraufhin nach Trump.Das Weiße Haus machte die spanische Regierung für die Eskalation in Ceuta verantwortlich. „Präsident Trump warnt Europa schon seit Langem vor den Folgen einer fortgesetzten Umsetzung extrem linker globalistischer Politik, wie beispielsweise der Erleichterung der Massenmigration“, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Ana Kelly, der spanischen Nachrichtenagentur EFE.Wie reagieren die EU und andere EU-Staaten?In den Konflikt hat sich auch die EU eingeschaltet. „Die Bilder aus Ceuta sind inakzeptabel“, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in einem Beitrag auf X. „Wir können nicht zulassen, dass jemand in unsere Union kommt, ohne sich an unsere Regeln zu halten.“Die Regierungen von Italien und Finnland haben Spanien scharf kritisiert. Der italienische Außenminister Antonio Tajani machte Spaniens Migrationspolitik für den Ansturm verantwortlich. Madrid ist dabei, über eine Million illegale Migranten zu legalisieren, die Ende vergangenen Jahres mindestens fünf Monate lang ununterbrochen in Spanien gelebt haben. „Die Bilder aus Ceuta zeigen, dass die Entscheidung (…) völlig falsch ist und den Menschenhandel begünstigt", schrieb Tajani. Der spanische Außenminister José Manuel Albares bestellte daraufhin den italienischen Botschafter ein.Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni erklärte, die Lage in Ceuta sei „eine konkrete Gefahr für die europäischen Grenzen“. Italien erwäge deshalb, ob es möglich sei, den Schengen-Raum gegenüber Spanien vorübergehend auszusetzten.Der ehemalige EU-Außenbeauftragte Josep Borrell erklärte umgehend: „Nach EU-Recht darf kein Mitgliedstaat die Teilnahme eines anderen Mitgliedstaats am Schengen-Raum einseitig aussetzen.“Aber auch die finnische Innenministerin Mari Rantanen erklärte am Freitag auf X, dass „Länder, die ihrer Verpflichtung zum Schutz der Außengrenzen nicht nachkommen, keine Mitglieder des Schengen-Raums sein können“. Auch die Regierungschefs von Österreich und Tschechien sprachen sich für die Schließung der Schengen-Grenzen zu Spanien aus.Was passiert jetzt mit den Migranten?Laut Medienberichten sind Hunderte von Migranten bereits wieder nach Marokko zurückgekehrt. Sánchez bedankte sich bei Marokko für die Kooperation beim Kampf gegen die Menschenschmuggler und für die Bereitschaft „die Rückführung zu beschleunigen“. Einen Zeitraum nannte er jedoch nicht.