IIn Vorbereitung auf meine großen Ferien in Frankreich trank ich neulich ein belgisches Bier. Ich hatte mich eigentlich darauf gefreut, zur Planung der Grand Tour ein Glas Wein zu trinken, aber die Kneipe, vor der mein Begleiter und ich uns niedergelassen hatten, weil der Blick auf die ruhige Kopfsteinpflasterstraße am Rand des Rotlichtviertels immer so herrlich lakonisch ist, hatte nur Grauburgunder im Angebot, und bei dem Wort »Grauburgunder« verweigere ich jegliche Kooperation. Mein Begleiter, der des Lateinischen mächtig ist, empfahl mir dann das belgische Bier, und zwar mit folgendem Hinweis: »Horum omnium fortissimi sunt Belgae.« Es ist immer lustig, wenn er in der Sprache aus den Asterix-Comics redet, aber natürlich verstehe ich kein Wort. »Heißt?« – »Dass die Belgier die tapfersten Barbaren sind und aus Cäsars Sicht damit auch irgendwie Gallier, also Franzosen.« Unser Bier kam, wir stießen mit den freundlichen, kleinen Flaschen an, so ergab das alles Sinn.Als wir dann planungs­mäßig gerade bei der Strecke entlang der Loire angekommen waren, passierte es. Mitten auf der Kopfsteinpflasteridylle, an der Kreuzung, die quasi vor unseren Augen lag, trafen sich ein SUV-Fahrer und ein Lastenradfahrer, und sie waren sich nicht ganz einig, wer jetzt wem die Vorfahrt genommen hatte. Normales Großstadtscharmützel, sofortiges verbales Gefecht. In meinem Asterix-Mindset wusste ich auch direkt, für wen ich war, natürlich für den Radfahrer und nicht für den SUV-Trampel, was fuhr der überhaupt mit so einer Riesenschleuder bei uns im Stadtteil rum, soll er doch wieder abhauen nach Eppendorf oder in die Elbvororte, auf jeden Fall dahin, wo er herkommt, dahin, wo seine verdammte Tiefgarage steht, dahin, wo er sein Geld stapelt .. . ! Und dann fiel mir auf, was das für ein Lastenrad war. Es war, man kann es nicht anders sagen, der SUV unter den Lastenrädern. Ein fettes, mehrere Meter langes E-Bike mit einem Kofferraum vorne dran.In unserem kleinen gallischen Dorf St. Pauli können sich die Leute so was nicht leisten, wer mit solchen Schleudern durch die Straßen fährt, wohnt üblicherweise in Othmarschen und arbeitet hier nur in einer Agentur oder besitzt einen Teil der schickeren Gastronomie – Halt. Auch das stimmt so nicht, oder nicht mehr. Um mich herum ziehen überall reiche Menschen ein, beziehungsweise die Kinder von reichen Menschen.Und also beobachtete ich die SUV-Fahrer-gegen-Lastenradfahrer-Lage und registrierte, dass sich mein Koordinatensystem verschoben hatte. Ich wohnte ja gar nicht mehr im Arme-Leute-Stadtteil am Hafen. Ich war gar nicht mehr Teil des gallischen Dorfs. Und der Typ auf dem Lastenrad, der in diesem Moment mit vorgeschobenem Kinn in das heruntergelassene Fenster des SUV ätzte, sah ori­ginal so aus, wie die Leute in meiner Gegend eben inzwi­schen aussehen: Birkenstocks, Surfer­shorts, Carhartt-Shirt und schnit­tige Sonnenbrille, dazu graumelierter Bart und ebenso graumelierter, modischer Undercut. Der SUV-Fahrer hingegen sah aus wie ein Junge aus dem Arbeiterviertel Billstedt, der die Karre für irgendwen irgendwohinkut­schieren musste, und er hatte leichte Panik im Blick. Ich nahm einen Schluck von meinem Bier. Tap­fere Belgier sah ich nirgends. Was ich sah, war ein Kolonialherr auf einem Fahrrad, der einen Schwächeren in einem Panzer niedermachte.»Das belgische Bier schmeckt gut«, sagte ich, einfach um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.»Kein Reinheitsgebot«, sagte mein Begleiter, »die können mit dem Bier machen, was sie wollen.«Da flog mein Verstand endgültig aus der Kurve, er hat sich bis heute nicht davon erholt. Illustration: GrafiluSimone Buchholz schreibt hier im Wechsel mit Lara Fritzsche, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.