PfadnavigationHomeICONISTTrendsArtikeltyp:MeinungBesuch in WinnendenEin Nachmittag im „D-Zügle“ ist die Antwort auf alle Fragen, die man sich nie gestellt hatVeröffentlicht am 25.06.2025Lesedauer: 3 MinutenDie Bahnhofskneipe „D-Zügle“ in Winnenden an einem FreitagnachmittagQuelle: Frédéric SchwildenGroßstadtbewohner versuchen die Weltlage wegzumeditieren. Aber in Wahrheit tut die Bahnhofskneipe mehr für die psychische Gesundheit. Diese Gedanken kommen unserem Autor als er in Winnenden das Stück „Biervampir“ der schwäbischen Punkband Normahl auf dem Handy abspielt.Direkt am Bahnhof in Winnenden ist die Kneipe „D-Zügle“. Das „D-Zügle“ steht da als eigenständiges Häuslein zwischen Bahnhofsgebäude und der Straße davor. Da ist ein mit durchsichtiger Plastikplane eingehegter Wintergarten. Hinter der Plane hängt eine große Deutschlandflagge. Zur Sicherheit steht im schwarzen Teil der Flagge noch mal „DEUTSCHLAND“. Ein Wimpel des VfB Stuttgart häng am Gebäude. Es ist Freitagnachmittag und sehr heiß. 30 Grad hat es. Im „D-Zügle“ läuft Schlagermusik, ein Mann steht mit einer Zigarette in der Hand im Gastraum und schwoft bei einem Bier ins Wochenende. Direkt davor wartet ein einzelnes Taxi auf den einen Gast des Tages.Gerade hat in Graz ein 21-jähriger Mann zehn Menschen an seiner ehemaligen Schule ermordet und sich anschließend selbst getötet. Neun der Ermordeten sollen zwischen 14 und 17 Jahren alt sein. Und deswegen denke ich auch wieder an den Amoklauf von Winnenden. Das war 2009. Und im Wesentlichen war es die gleiche Scheiße. Junger Mann hasst sich und die Welt, geht bewaffnet an seine ehemalige Schule und beginnt zu morden. Seitdem ist der Ortsname Winnenden untrennbar mit der Tragödie eines Verbrechens verbunden.Ich komme nicht aus der Gegend hier. Aber die Familie meiner Frau. Als ich zum ersten Mal das Ortsschild von Winnenden sah, dachte ich an den Amoklauf. Was natürlich unfair ist. Aber so ist das eben: Eine Katastrophe reicht aus, um für immer das Antlitz eines Ortes zu bestimmen.Aber eigentlich ist Winnenden das Hochdruckreinigerunternehmen Kärcher, der Bäcker Maurer mit der goldenen Brezel als Logo, der herrlich schwäbisch benannte Zipfelbach, der bei Ludwigsburg-Poppenweiler in den Neckar mündet. Winnenden ist der Wochenmarkt, die Kneipe „Jägerstüble“ und natürlich die großen Schwaben-Punker Normahl, die sich hier 1978 als Schülerband gründete. Und wie das mit Punks so ist, arbeiten sie heute als Außendienstler, Sozialarbeiter und Sanitärfachmann.Die einzige Möglichkeit, den ganzen Wahnsinn auszuhaltenUnd ich spiele das Stück „Biervampir“ von Normahl auf meinem Handy ab. Das erschien vor genau 40 Jahren. Aber das Thema, schaue ich den Menschen im „D-Zügle“ beim Trinken zu, ist aktueller denn je. Das lyrische Ich in „Biervampir“ schildert von einem Tatendrang, der durch einen großen Durst nach Bier entsteht. Der Biervampir, so heißt es im Song, geht nach draußen, um Keller aufzubrechen, um dort sehr viel Bier zu trinken. Der Refrain beendet das Lied. „Oh, ich bin der Biervampir / Oh ich bin der Biervampir / Oh ich bin der Biervampir/ Oh, ich bin der Bier“, singen Normahl.Lesen Sie auchUnd wie ich das höre und den schwofenden Mann im „D-Zügle“ sehe, denke ich, dass das vielleicht die einzige Möglichkeit ist, den ganzen Wahnsinn auszuhalten, die Amokläufe, die ballistischen Raketen aus dem Iran und Russland. Und die allgemeine Beschissenheit der Dinge. Ich glaube, die kosmopolitisch-urbane Verheißung von Wellness, Yoga und Achtsamkeit ist einfach nur Betrug. Ein Nachmittag im „D-Zügle“ hingegen ist die Antwort auf alle Fragen, die man sich nie gestellt hat.