Es ist ein stiller Montagnachmittag Unter den Linden, ich sitze in der Hotelbar des Adlon und sehne mich meiner dritten Bloody Mary entgegen. Seit einer Stunde warte ich auf einen wichtigen Anruf, doch jedes Mal, wenn mein Telefon klingelt, ist es nur mein Sponsor von den Anonymen Alkoholikern, der wissen will, wie weit ich mit dem fünften der Zwölf Schritte bin: „Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.“
Dilettantischer Heilweg
Natürlich würde er mir gehörig die Leviten lesen, könnte er sehen, wie es um meine Abstinenz bestellt ist. Aber der Montag ist ein wichtiger Tag im Leben eines Trinkers. Am Montag gibt man der ganzen Woche ihre Prägung. Es ist daher unangebracht, sich in halbherzigen guten Vorsätzen zu suhlen. Sieg oder Tod! Außerdem bin ich Katholik, und sollte mir tatsächlich mal so etwas Unwahrscheinliches wie ein Fehler unterlaufen, gehe ich eben beichten und der Priester erteilt mir Absolution. Genau deshalb zahle ich schließlich Kirchensteuer. Da können die Anonymen Alkis einpacken mit ihrem dilettantischen Heilsweg.
Die dritte Bloody Mary kommt. Genau wie ihre Vorgängerinnen schmeckt sie sehr gut. Außer mir sind an der illustren Bar nur ein paar andere anwesend. Ich fühle mich so sicher wie in Abraham Lincolns Schoß. Gerade als der Barmann mir die horrende Rechnung präsentiert, läutet das Handy, und diesmal ist es der Anruf, wegen dem ich derart auf Kohlen sitze. Ich notiere mir die durchgegebene Adresse und humple zum Ausgang. Humpeln (Synonym: hinken) bezeichnet einen ungleichmäßigen, mühsamen oder schwankenden Gang.







