Düsseldorf. Die Kühlregale des Discounters Lidl im Düsseldorfer Stadtteil Angermund waren Ende Juni mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Bei Temperaturen um 38 Grad hatten die Kühlaggregate kapituliert. Kunden konnten weder frisches Fleisch, Milch, Käse noch Joghurt kaufen. Das Personal musste Ware säckeweise entsorgen. Lidl bestätigte die technische Störung: Punktuelle Ausfälle seien nicht auszuschließen.Überlastete Kühlaggregate in Supermärkten sind kein Einzelfall in diesen Tagen, ein sichtbares Symptom für die großen Herausforderungen, die Hitzesommer mit 40 Grad im Schatten für die deutsche Ernährungsbranche und Landwirtschaft mit sich bringen.Bei den Ernten gibt es bereits Einbußen. Und auch die Milchmenge sinkt. Werden die Lebensmittelpreise durch den Klimawandel steigen? Und wie kann die Branche mit smarten Technologien gegensteuern?Experten halten drei oder vier Hitzeperioden mit Temperaturen in dieser Höhe pro Jahr für möglich. Die Schäden könnten sich demnach auf mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr summieren. Allein die Hitze in den letzten beiden Juniwochen kostete die deutsche Wirtschaft 6,32 Milliarden Euro. Besonders betroffen sind Produktion und Handel – und die Ernährungsbranche.Für Hersteller von Tiefkühlkost wie Frosta verursachen die hohen Temperaturen deutlich höhere Kosten bei Lagerung und Transport. „Umso wichtiger sind unsere Investitionen in eigene, erneuerbare Energiequellen“, sagt Frosta-Chef Felix Ahlers.Erbsenernte bei Frosta in Sachsen: „Temperaturen über 30 Grad sind purer Stress für die Pflanzen.“ Foto: dpaDer 7,5 Hektar große Solarpark von Frosta in Lommatzsch/Sachsen geht im Herbst in Betrieb und wird den gesamten Strombedarf des Gemüsewerks decken. Am Stammsitz in Bremerhaven gab es während der Junihitze viel Wind, sodass die firmeneigene neue Windkraftanlage den höheren Energiebedarf fast decken konnte.Auch für den Gemüseanbau sind Hitzewellen eine große Herausforderung. „Die Kosten durch die Bewässerung sind entsprechend hoch“, sagt Ahlers. Der allergrößte Teil von Frostas Erbsenfeldern in Sachsen kann jedoch nicht bewässert werden. Deshalb ist die diesjährige Ernte deutlich kleiner als sonst. „Bereits Temperaturen über 30 Grad sind purer Stress für die Pflanzen“, sagt der Frosta-Chef.Bewässerung kann die durch Hitze verursachte Trockenheit regional abmildern, steht jedoch nur auf einem kleinen Teil der Felder zur Verfügung. 2022 wurden mit rund 554.000 Hektar laut Statistischem Bundesamt etwa 3,3 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Freilandfläche bewässert – fast die Hälfte mehr als noch 2009.„Die Möglichkeiten zur Bewässerung sind durch Infrastruktur, Wasserverfügbarkeit, Genehmigungen und hohe Kosten allerdings begrenzt“, erklärt der Deutsche Bauernverband. Etwa zwei Drittel der Betriebe mit Bewässerung beregnen ihre Flächen, die sparsamere Tröpfchenbewässerung nimmt deutlich zu.Hitzestress führt zu schlechteren ErntenDoch Bewässerung allein hilft bei großer Hitze nur bedingt. „Hohe Temperaturen führen selbst bei ausreichender Wasserversorgung zu Ertrags- und Qualitätsverlusten, da Pflanzen unter Hitzestress leiden“, stellt der Bauernverband klar. Hinzu kommen Schäden durch hitzebedingte Extremwetter wie Hagelstürme oder Starkregen.18ProzentEinbußen drohen bei der deutschen Rapsernte.Der Bauernverband rechnet mit deutlichen Ertragseinbußen bei wichtigen Ackerpflanzen. Denn die Junihitze belastete die Kulturen während der wichtigen Kornreife. Regionen, in denen die Ernte von Winterweizen bereits weit fortgeschritten ist, melden Ertragsrückgänge von bis zu 15 Prozent. Beim Raps drohen Einbußen von bis zu 18 Prozent.Wirtschaftliche Folgen Die Hitze wird zum Milliardenrisiko für den Standort Deutschland Auch Betriebe mit Grünland und Futteranbauflächen sind in vielen Regionen in Sorge. Dürre beeinträchtigt die Versorgung der Tiere im kommenden Winter. Bei Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln ist die Lage aktuell angespannt, sie brauchen dringend ausreichende Niederschläge.Beregnungsanlage: Nur drei Prozent der Freilandflächen werden bewässert. Foto: Philipp von Ditfurth/dpaDer Klimawandel hat die Vegetationsphasen spürbar verschoben. Die Ernte startet in Deutschland im Schnitt deutlich früher. „Die Verschiebung klimatischer Bedingungen sorgt dafür, dass der Anbau bestimmter Obst- und Gemüsesorten je nach Kultur und Region schwierig oder unmöglich wird. Für einige Kulturen können in nördlicheren Gegenden künftig bessere Anbaubedingungen herrschen“, sagt Katharina Erfort, Konsumgüterexpertin der Lieferkettenberatung Inverto. „Eine Umstellung erfordert Investitionen.“Bauern nutzen Vlies und hitzetolerante SortenBauernpräsident Joachim Rukwied sagt: „Wir Bauern nehmen die Klimaveränderung schon lange wahr und haben bereits vor Jahren unsere Anbaumethoden angepasst.“ Dazu zählen etwa wassersparende Aussaat ohne Pflügen, häufige Fruchtwechsel, Zwischenfrüchte und eine diversere Sortenauswahl. Rudwiek: „Wir setzen auf die modernen Züchtungsmethoden, um zügig trockenheits- und hitzetolerante Pflanzensorten zu erhalten.“Greentech-Serie „Fünf-Sterne-Hotel für Erdbeeren“ – Vertikale Landwirtschaft erhöht Ernte-Ertrag deutlich „Immer mehr Landwirte nutzen Planen und Vlies auf den Feldern, die gegen Hitze schützen“, sagt Konsumgüterexpertin Erfort. Weiße Agrarfolien strahlen das Sonnenlicht ab und senken die Temperatur am Boden. Auch vor Hagel und Starkregen bieten sie Schutz. Vlies am Boden schützt das Erdreich vor dem Austrocknen.Nedialko Nedialkov, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Allianz Global Investors, hält bei der Bewältigung des Klimawandels Technologie für aussichtsreich. „Eine der größten Chancen liegt in der Präzisionslandwirtschaft und Automatisierung.“ Damit meint er etwa kameragestützte Einzelpflanzenbehandlung oder Datenanalyse zur effizienteren Bewirtschaftung.Solarmodule beschatten AnbaupflanzenAuch Photovoltaikanlagen auf den Feldern (Agri-PV) erzeugen nicht nur Strom, sondern spenden Schatten. So bleiben Böden länger feucht. „Neben einer effizienteren Landnutzung kann Agri-PV zu einer Senkung des Wasserverbrauchs in der Landwirtschaft beitragen“, schreibt das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme.Agri-Photovoltaik: Apfelbäume sind vor Hitze und Hagel geschützt. Foto: IMAGO/Jochen TackAllerdings schmälern die Paneele die Ernten, weil die Sonneneinstrahlung geringer ist. In Zeiten von Hitzewellen, Hagel und Starkregen kann sich dieser Nachteil aber in einen Vorteil wandeln. Nicht nur Obst, Beeren, Gemüse und Getreide wachsen geschützter unter Agri-PV. Auch Tiere wie Rinder, Schafe und Hühner finden darunter Schatten und Kühle.Für Tiere ist die Hitze eine besondere Belastung. Viehtransporte sind nach deutschem Recht ab 30 Grad nur noch eingeschränkt möglich. Transporte zu Schlachthöfen dürfen an solchen Tagen nicht länger als viereinhalb Stunden dauern. „Wenn Transporte wetterbedingt eingeschränkt werden, können Tiere länger im Stall bleiben als geplant“, erklärt der Bauernverband. Auf einen deutschlandweiten „Schweinestau“ wie zu Coronazeiten gibt es aber aktuell keine Hinweise. Regionale Engpässe sind laut Verband bei längeren Hitzeperioden aber möglich.Rekordhitze brachte Rekordrückgang bei MilchVor allem Milchbauern kämpfen um jedes Grad Kühlung im Stall. Bereits ab 20 Grad geraten Milchkühe laut Bauernverband in Hitzestress. Ventilatoren, Wasserverneblung und „Kuhduschen“ sorgen für Abkühlung im Stall. Digitale „Fitness-Tracker“ schlagen Alarm, wenn die Kuh sich hitzebedingt weniger bewegt oder wiederkäut. Bei Hitze fressen Milchkühe weniger und geben auch weniger Milch. In den beiden letzten Juniwochen gab es den stärksten Rückgang bei der Milchanlieferung an die Molkereien seit Jahren. Sie lag laut Bauernverband sieben Prozent niedriger als in der Kalenderwoche davor.Abkühlung durch Wassernebel: Bei Hitze geben Kühe weniger Milch. Foto: Philipp von Ditfurth/dpaGleichzeitig sinkt bei Hitze der Fett- und Eiweißanteil in der Milch. „Diese Effekte wirken noch länger nach, sodass sich die Milchleistung nach einer Wetterberuhigung nicht unmittelbar wieder erholt“, hebt das Deutsche Milchkontor (DMK) hervor. DMK ist Deutschlands größte Molkerei mit Marken wie Milram und Oldenburger.Trotz knapperer Milchmenge sieht DMK derzeit keine allgemeinen Einschränkungen bei Produktion, Abholung oder Auslieferung. Allerdings verursachten hohe Temperaturen einen erhöhten Energiebedarf für Kühlung, Belüftung und Lagerung. „Die Zeitfenster für den Transport von Milchprodukten sind eng getaktet und lassen wenig Spielraum“, sagt Björn Börgermann, Hauptgeschäftsführer des Milch-Industrieverbands.Für die Milchbauern bringt die sinkende Milchmenge infolge der Hitze auch Vorteile: „Seit zwölf Monaten gibt es zu viel Milch auf dem Markt. Die Preise sind verfallen“, sagt Hans Foldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter. Foldenauer sagt: „Der Wettergott bringt endlich die dringend benötigte Entspannung auf dem Milchmarkt.“ Sprich: höhere Preise für Milchbauern.Kurzfristige Preisschwankungen möglichTrotz weitreichender Hitzefolgen sehen Branchenkenner wie Erfort vorerst keine strukturellen Engpässe bei der Lebensmittelversorgung – und auch noch keine Preisschübe durch den Klimawandel, im Jargon auch „Climateflation“. „Kurzfristige Preisschwankungen einzelner Produkte sind jedoch möglich“, sagt Erfort. Die Erzeugerpreise für pflanzliche und tierische Produkte waren zuletzt spürbar gesunken. Sie lagen im Mai – vor den aktuellen Hitzewellen – um fast 14 Prozent unter den Preisen im Vorjahr, ermittelte das Statistische Bundesamt. Verwandte Themen DeutschlandSachsenLidlOb die Bauern ihre Mehrkosten komplett an die Lebensmittelverarbeiter und die Supermärkte weitergeben können, ist fraglich. In einem Gutachten stellte die Monopolkommission fest: Selbst wenn die Lebensmittelpreise in deutschen Supermärkten in den vergangenen Jahren gestiegen sind – Landwirte am Anfang der Lieferkette haben kaum davon profitiert.
Ernährung: So kämpft die Lebensmittelbranche gegen die Hitze
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