Sika im Keller, Holcim im Hoch: Zwischen den wichtigsten Schweizer Bauriesen öffnet sich die SchereSika ist der gefallene Star am Aktienmarkt. Jetzt gibt es Hoffnung auf eine Wende zum Besseren. Aber der Zementkonzern Holcim ist in der Gunst der Anleger weit enteilt.29.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEndlich blauer Himmel: Sika hofft auf eine Trendwende.Walter Bieri / KeystoneUnzählige Mittel zum Kleben, Binden und Dichten stellt Sika her. Nur ein Produkt hat der in Baar ansässige Produzent von Bauchemie nicht im Programm: ein Mittel, das den eigenen Aktienkurs an der Decke hält. Das ist ein Jammer, denn die Anleger hätten es gebraucht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der frühere Börsenliebling ist tief gefallen. Im Herbst 2024 setzten die Sika-Aktien zu einem Sinkflug an, der seither weit über einen Drittel der Marktkapitalisierung ausradiert hat. Ende März dieses Jahres fielen die Titel auf den tiefsten Stand seit Anfang 2020. Dass sich die Aktien seither etwas berappelt haben, war eine der in letzter Zeit seltenen guten Nachrichten.Zieht sich Sika selbst aus dem Sumpf?Eine andere gute Nachricht kam am Dienstag. Es wächst die Hoffnung, dass Sika vor einer Wende steht. Der Umsatz des Konzerns ist im zweiten Quartal im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum um knapp 6 Prozent gewachsen – jedenfalls organisch, wie es an der Börse heisst: ohne den Ergebnisbeitrag von zugekauften Firmen und in den Währungen der jeweiligen Länder, also ohne Einbezug des starken Frankens.Das bedeutet: Sika hat allein aus eigener Kraft mehr verkauft. Das war dem Konzern seit Herbst 2025 nicht mehr gelungen. Die Rückkehr zu diesem organischen Wachstum sei der entscheidende Punkt, schreibt die Bank Vontobel. Das sahen auch die Investoren so. Die Sika-Aktien sprangen um 10 Prozent hoch auf 177 Franken.Doch der Weg zu alter Stärke bleibt lang. Rechnet man den unerbittlich starken Franken hinein, ist Sikas Umsatz im ersten Halbjahr noch um 1,5 Prozent auf 5,6 Milliarden Franken gesunken. Und ein immens wichtiger Markt schwächelt weiterhin: Chinas Immobilienkrise belastet seit geraumer Zeit die Baubranche. 2025 verlor Sika dort so viel Umsatz, dass dies die Zugewinne im Rest der Welt auffrass.Mittlerweile haben die Vorzeichen beim Wachstum gedreht. Der Rest der Welt fällt nun stärker ins Gewicht als China. Aber rund läuft es vielerorts trotzdem nicht. Neben dem bekannten Boom bei Datenzentren gibt es viel Schatten: Der Wohnungsbau in den USA darbt, und auch am Wohnungsmarkt in Deutschland ist keine Wende eingetreten. Selbst die Mittel aus dem deutschen Sondervermögen zum Aufbau der Infrastruktur werden zögerlicher eingesetzt als erhofft.Holcim kommt besser durch den BauabschwungTrotzdem haben sich manche Firmen deutlich besser geschlagen als Sika. Zum Beispiel der in Zug beheimatete Zementriese Holcim. Lange stand er am Aktienmarkt im Schatten von Sika. Mitte 2024 hat sich das Blatt gedreht. Mittlerweile ist Holcim an der Börse rund 42 Milliarden Franken wert. Sika bringt es noch auf 28 Milliarden Franken.Und das, obwohl Holcim schon freiwillig leichter geworden ist. Ende Juni 2025 hat das Unternehmen sein Nordamerika-Geschäft unter dem Namen Amrize abgespalten. Es war das letzte grosse Projekt des Firmenchefs und Verwaltungsratspräsidenten Jan Jenisch, der diese Rollen nun bei Amrize übernommen hat.Im Vorfeld der Abspaltung hatte Holcims Aktienkurs stark angezogen. Doch auch nach der Trennung, die den Konzern rund 40 Prozent der damaligen Marktkapitalisierung kostete, legten die Titel weiter zu. Gemessen am erwarteten Gewinn sind sie jetzt deutlich teurer, als man es in der Vergangenheit von Holcim gewohnt war – aber immer noch etwas günstiger als Aktien von Sika.Ein Grund für Holcims Aufholjagd: Anders als Sika ist Holcim im vergangenen Jahr noch organisch gewachsen. In Osteuropa liefen die Geschäfte gut, in Lateinamerika sehr gut. Holcim verkauft auch immer mehr Zement und Beton, die klimafreundlicher hergestellt werden als die Standardvarianten. Der Konzern hat kein grosses Geschäft in China. Stattdessen expandiert der Jenisch-Nachfolger und CEO Miljan Gutovic in die Produktion hochwertiger Baustoffe, etwa Dachmaterial.Holcim kauft, wenn es billig istAnalysten sind positiv gestimmt. Wenn der Zementriese am Freitag die Zahlen für das erste Halbjahr präsentiert, erwartet die UBS ein organisches Wachstum bei Umsatz und Betriebsergebnis am oberen Ende der von Gutovic ausgegebenen Zielspanne. Auch in einem herausfordernden Umfeld liefere der Firmenchef, was er verspreche, lobte die Helvetische Bank Ende April.Grau sind die Türme, nicht das Geschäft: Holcim-Zementwerk im Siggenthal.KeystoneBeide Konzerne kaufen regelmässig kleine Firmen zu – und manchmal auch grosse. Dabei kommt es auf das Timing an: Sika gleiste 2021 den Kauf von MBCC auf, dem ehemaligen Bauchemie-Geschäft der deutschen BASF, und zahlte dafür 5,5 Milliarden Franken. Gemessen an der Ertragskraft von MBCC galt das als teuer. Der Kauf wurde erst 2023 vollzogen, die folgende Integration war langwierig. Als die Baukonjunktur schwieriger wurde, war Sika stark mit sich selbst beschäftigt.Hingegen versuchte Miljan Gutovic, den Gegenwind zu nutzen. Im Herbst 2025 kündigte Holcim den Kauf von Xella an, einem deutschen Hersteller von Wand- und Dämmbaustoffen. Xella kostete 1,9 Milliarden Euro und war im Verhältnis zum Betriebsgewinn billiger als MBCC für Sika. Kein Wunder, der Kauf fand in der Talsohle statt. Das Timing sei gut, denn im deutschen wie auch im europäischen Wohnungsbau könne es nur noch aufwärtsgehen, kommentierte die Helvetische Bank.Sika droht Ärger mit der EUDerweil stemmte sich Sika mit einem im Herbst lancierten Sparprogramm gegen den Abschwung. Kritiker werfen dem CEO Thomas Hasler vor, er habe zu spät reagiert. Es wurde gar spekuliert, durch den Zerfall des Aktienkurses könnte Sika zu einem Übernahmekandidaten werden – eine traumatische Vorstellung für den Konzern, der 2018 mit grossen Mühen den Kauf durch den französischen Konkurrenten Saint-Gobain abgewehrt hatte.Sollte nun die Kehrtwende beim Aktienkurs geschafft sein, dürfte diese Gefahr schwinden. Ein anderes Problem kann Sika auf diese Weise aber nicht lösen: Der Konzern ist ins Visier der EU-Kommission geraten, so wie weitere europäische Bauchemiehersteller. Sie untersucht mögliche Kartellabsprachen bei chemischen Zusatzstoffen für Zement, Beton und Mörtel in den Jahren 2021 und 2022.Bereits 2023 hatten die EU-Ermittler Büros unter anderem von Sika durchsucht. Wie die Kommission unlängst mitteilte, hat sie nun Beweise für Preisabsprachen in Frankreich, Deutschland und Spanien zusammengetragen. Die Firmen können sich jetzt dazu äussern. Im Extremfall drohen ihnen Strafen von bis zu einem Zehntel des weltweiten Umsatzes. Das wäre ein deutlicher Rückschlag für jede Erholung.Passend zum Artikel
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