Hinter der Headline

Holcim wird oft noch als energieintensiver Zementkonzern wahrgenommen. Doch mit alternativen Brennstoffen und CO₂-ärmeren Produkten ist der Konzern widerstandsfähiger geworden. Besonders das Potenzial des Recyclinggeschäfts wird unterschätzt. Auch die Aktien des Baustoffkonzerns Holcim gerieten im Zuge des Kriegs am Persischen Golf unter Druck – vor allem wegen der allgemeinen Unsicherheit über die Folgen für Konjunktur und Weltwirtschaft, weniger jedoch wegen steigender Energiepreise.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dies erstaunt nicht. Holcim hat seine Strategie seit 2020 konsequent verändert und vorangetrieben. Die höhere Widerstandskraft gegenüber Energiepreisschocks ist dabei ein Teil der Geschichte. Rund 75% der Energiekosten für das laufende Jahr waren bereits abgesichert, als der Krieg eskalierte. Zudem nutzt Holcim über seine Abfallverwertungseinheit Geocycle in hohem Umfang alternative Brennstoffe. Rund die Hälfte der Werke nutzt inzwischen nicht rezyklierbare Materialien als Brennstoff.Konzernweit erhöhte Holcim die Thermal Substitution Rate von 28% im Jahr 2022 auf 39% im Jahr 2025. Diese misst das Verhältnis des thermischen Energieeinsatzes aus alternativen Brennstoffen zum gesamten thermischen Energieverbrauch in den Werken. Gleichzeitig sanken die Brennstoff- und Stromkosten gemessen am Nettoumsatz um 3 Prozentpunkte. In Europa erreichte der Anteil alternativer Brennstoffe im ersten Quartal 70%, vierzehn Zementwerke liegen bereits bei 80 bis 100%.Holcim nutzt Abfallströme jedoch nicht mehr bloss als Ersatzbrennstoff, sondern zunehmend auch als Rohstoffquelle. Genau dort setzt Ecocycle an – und genau darin liegt ein Teil des Geschäftsmodells, den der Markt bislang noch wenig versteht, der aber ebenfalls margentreibend wirkt.Ecocycle wird unterschätztEcocycle wird am Markt noch unterschätzt, sowohl als Wachstumstreiber als auch als renditeträchtiges Geschäftsfeld. Dabei liegt ein zentraler Treiber auf der Hand.Der regulatorische Rückenwind nimmt zu. Ab 2030 sollen EU-Mitgliedstaaten die Deponierung von Abfällen, die sich für Recycling oder andere Verwertung eignen, möglichst beschränken. Ein direktes Deponieverbot für Bau- und Abbruchmaterialien ist das zwar nicht. Separat für das Recycling gesammelte Fraktionen dürfen jedoch bereits heute grundsätzlich nicht deponiert werden. Darunter können auch Bau- und Abbruchmaterialien fallen.Die Marschrichtung ist klar. Deponieraum ist begrenzt und wird kostspieliger. Entsprechend gewinnen Recycling, Wiederverwendung und die lokale Aufbereitung von Bau- und Abbruchmaterialien an Bedeutung. Das Recycling Center Ostschweiz RCO in Uzwil. Quelle: ZVG Ein Beispiel dafür, wohin die Reise geht, ist die Baustoffrecyclinganlage RCO in Niederstetten bei Uzwil, die Holcim gemeinsam mit Zürcher Kies und Transport betreibt. Dort können Baustoffe bis zu 95% rezykliert werden. Verarbeitet werden Beton- und Mischabbruch, Aushub sowie Gleisschotter. Der Einzugsradius beträgt per Lastwagen rund 30 Minuten, per Bahn auch mehr. Das Werk verarbeitet rund 160’000 Tonnen Material pro Jahr – das entspricht etwa 6400 Lastwagenladungen – und produziert normierte Produkte für die Betonherstellung und den Gleisbau. Eisen gelangt ins Stahlrecycling, bestimmte Reststoffe können im Zementwerk verwertet werden.Holcim hat WachstumsambitionenHolcim hat 2025 über 8 Mio. Tonnen Bau- und Abbruchmaterialien rezykliert und damit 490 Mio. Fr. Umsatz erzielt. Bis 2030 will der Konzern das Volumen auf mehr als 20 Mio. Tonnen und den Umsatz auf über 800 Mio. Fr. steigern. «Dieses Business befindet sich noch in der Anfangsphase», sagte CEO Miljan Gutovic im Februar bei der Präsentation des Gesamtjahres 2025.«Holcim war bei Zielsetzungen stets sehr vorsichtig. Zudem hatte CEO Miljan Gutovic immer den Anspruch, die Erwartungen zu übertreffen. Deshalb würde es mich nicht überraschen, wenn die Ziele für 2030 übertroffen werden», sagt Sven Edelfelt, Analyst bei Oddo BHF.Bereits heute betreibt Holcim 109 Hubs für zirkuläres Bauen, meist in oder nahe grosser Ballungsräume und in unmittelbarer Nähe eigener Werke. Damit sichert sich der Konzern Zugang zu hochwertigen Materialströmen aus Rückbau und Bauabfällen. Die aufbereiteten Materialien können anschliessend in Beton-, Fertigteil-, Mörtel- und Zementwerken weiterverwendet werden – aus altem Baumaterial entsteht neues.Produkte mit Ecocycle-Anteil enthalten mindestens 10% und bis zu 100% rezyklierte Bau- und Abbruchmaterialien. Eingesetzt werden sie unter anderem in CO₂-ärmeren Zementformulierungen, in Beton mit rezyklierten Zuschlagstoffen, in Fertigteilen, Mörtel oder im Strassenbau.Strategisch setzt Holcim auf vier Hebel. Erstens baut der Konzern lokale Circular Construction Hubs aus – organisch und durch Übernahmen. Zweitens arbeitet Holcim an der Anpassung von Baunormen, damit höhere Recyclinganteile zugelassen werden. Drittens soll Ecocycle in weiteren Ländern und Produktgruppen skaliert werden. Viertens setzt Holcim auf neue Technologien, Digitalisierung und künstliche Intelligenz, um Bau- und Abbruchmaterialien hochwertiger aufzubereiten. Ecocycle ist derzeit in zwölf Ländern verfügbar – neun in Europa, zwei in Lateinamerika und eines in Asien –, weitere Markteinführungen sind geplant.Nachhaltigkeit ist lukrativDie strukturellen Treiber sind stark: Engpässe bei Entsorgungskapazitäten, strengere Regulierung und steigende Recyclingquoten unterstützen das zirkuläre Bauen. Holcim hat diese Nische früh erkannt und gut besetzt. Unterschätzt wird von Investoren vor allem die Wirtschaftlichkeit.Auch Edelfelt sieht Ecocycle als margenträchtiges Geschäft. Konkrete Zahlen legt Holcim zwar nicht offen, er schätze die Ebit-Marge aber auf über 20%, vermutlich auf 20 bis 25%.Die Ertragslogik ist mehrstufig. Holcim verdient zunächst an der Entsorgung und Aufbereitung von Bau- und Abbruchmaterialien. Verwertbare Stoffe werden verkauft, mineralische Bestandteile fliessen in eigene Produkte ein. Nicht stofflich nutzbare Reststoffe können teilweise energetisch verwertet werden. Asche und mineralische Rückstände lassen sich wiederum in Baustoffe einbringen. Holcim verdient damit nicht nur am angelieferten Material, sondern auch an dessen Weiterverarbeitung. Und grundsätzlich kann das Modell hohe Skaleneffekte entfalten.Wettbewerber wie Heidelberg Materials sind ebenfalls in diesem Feld aktiv. Holcim verfügt vor allem gegenüber kleineren Marktteilnehmern über strukturelle Vorteile. «Dafür braucht es Kapazitäten, Kapital, Technologie, regulatorisches Know-how und Absatzkanäle für die wiedergewonnenen Materialien», sagt Illya Lebedynets, Fondsmanager bei DWS. Viele kleinere, familiengeführte Unternehmen dürften solche Kreislaufmodelle kaum in gleicher Breite aufbauen können. Für Holcim eröffnet das zusätzliche Konsolidierungsmöglichkeiten – gerade in fragmentierten Märkten wie Deutschland.Auch die Markteintrittsbarrieren sind hoch. Die Erteilung von Recyclinggenehmigungen dauert im Durchschnitt drei bis vier Jahre, teilweise sogar länger.Es ist nicht nur Ecocycle«Das Ecocycle-Geschäft ist ein Element auf dem Weg zur Dekarbonisierung. Dazu gehören auch Zement mit geringerem Klinkeranteil, Transportbeton mit vermehrtem Einsatz von kalziniertem Ton sowie alternative Brennstoffe», betont Edelfelt von Oddo BHF.CO₂-reduzierte Holcim-Produkte wie Ecopact und Ecoplanet haben sich deutlich schneller durchgesetzt als ursprünglich erwartet. Bis 2030 sollen Ecopact und Ecoplanet jeweils rund 50% des Umsatzes in ihren Segmenten ausmachen. Derzeit liegen die Werte bei 31 respektive 39%.«Diese Produkte erzielen gegenüber konventionellen Baustoffen eine Prämie. In regulatorisch intensiven Ländern kann sie bis zu 25 bis 30% betragen», sagt Lebedynets. Zugleich sinken durch neue Produktformulierungen teilweise die Kosten. Steigende Preisprämien bei tieferen Kosten schaffen Spielraum für höhere Margen.Auch die Nachfrage dürfte strukturell gestützt bleiben. Zwar steht ESG in der Investment Community derzeit weniger im Vordergrund. Bei staatlich finanzierten Infrastrukturprojekten werden die CO₂-Anforderungen jedoch nicht gelockert, sondern eher verschärft. Oft müssen bereits heute bestimmte Anteile ökologisch sauberer Produkte eingesetzt werden. Das spricht dafür, dass Holcim mit Ecopact, Ecoplanet und Ecocycle weiter wachsen kann.Bewertung braucht EinordnungTrotz dieser strukturellen Treiber wird die Bewertung von Holcim teilweise kritisch gesehen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis der Konsensschätzungen für die nächsten zwölf Monate liegt derzeit bei 17, und der Unternehmenswert (EV) entspricht dem gut Zehnfachen des Ebitda. Beides liegt klar über dem Zehnjahresdurchschnitt.Historische Vergleichswerte helfen jedoch nur bedingt, weil Holcim heute ein völlig anderes Unternehmen ist als vor zehn Jahren. Damals war der Konzern stärker in Schwellenländern engagiert, unter anderem in Indien. Dieses Geschäft ist inzwischen verkauft.Entscheidend ist die weitere Profitabilitätsentwicklung. Wenn das europäische Geschäft bis 2030 eine Ebit-Marge von über 20% erreichen kann, verdient ein solches Unternehmen schlussendlich auch eine höhere Bewertung. 2025 lag die Ebit-Marge bei 17%.Auch für The Market bleibt Holcim mit der eingeschlagenen Strategie ein Titel mit Potenzial. In Schwächephasen bietet sich die Aktie für langfristig orientierte Anleger zum Kauf an.