GastkommentarJohannes WatoDie Chancen einer Mittelmacht – wie Indonesien zwischen den Grossmächten die geopolitische Balance zu halten suchtErst langsam dämmert dem Westen, wie sehr Indonesien als bevölkerungsreichster Staat Südostasiens und wirtschaftliches Schwergewicht Beachtung verdient. Gegenüber China und den USA versucht das Land eine Gratwanderung in strategischer Autonomie.29.07.2026, 05.27 Uhr5 LeseminutenIndonesien verfolgt eine freie und aktive Aussenpolitik – ohne starkes Militär geht das nicht. – Vereidigung von jungen Offizieren, Jakarta 2026.Mast Irham / EPAWährend die Vereinigten Staaten und die Volksrepublik China im Indopazifik um Einfluss ringen, wagt Indonesien einen riskanten Balanceakt: wirtschaftliche Nähe ohne strategische Abhängigkeit, ein Test der Grenzen eigener Autonomie. Der Indopazifik ist längst kein loses Geflecht regionaler Spannungen mehr, sondern ein strukturelles Machtfeld, in dem sich sicherheitspolitische, wirtschaftliche und normative Ebenen durchdringen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für viele Staaten der Region bedeutet dies: Neutralität wird schwieriger, strategische Loyalitäten werden offen oder verdeckt eingefordert. Indonesien nimmt in diesem Spannungsfeld eine Sonderrolle ein, geografisch im Zentrum, politisch jedoch um Abstand bemüht. Die zentrale Frage lautet nicht, welchem Lager Jakarta angehört, sondern ob es ihm gelingt, strategische Autonomie unter den Bedingungen wachsender Systemkonkurrenz zu behaupten.Strukturprägender AkteurAls bevölkerungsreichster Staat Südostasiens und wirtschaftliches Schwergewicht innerhalb der Asean verfügt Indonesien über erhebliches politisches, demografisches und geostrategisches Gewicht. Mit über 270 Millionen Einwohnern, einer zunehmend diversifizierten Wirtschaft und der Kontrolle zentraler maritimer Engpässe ist das Land längst ein strukturprägender Akteur der Region. Gleichzeitig ist Indonesien tief in globale Wertschöpfungsketten eingebunden und damit unvermeidlich von externen Partnern abhängig, besonders ausgeprägt im Verhältnis zu China.Massgeblich bleibt die aussenpolitische Doktrin der «politik bebas dan aktif», der freien und aktiven Aussenpolitik.Diese Abhängigkeit beschränkt sich nicht auf Handelsvolumina, sondern reicht in industriepolitische, technologische und infrastrukturelle Kernbereiche hinein. Gerade diese Konstellation zwingt Jakarta zu einer Aussenpolitik der feinen Justierung: offen genug für Kooperation, aber wachsam gegenüber strategischer Vereinnahmung.China ist heute Indonesiens wichtigster Handelspartner und einer der zentralen Investoren. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der bilaterale Handel vervielfacht, während chinesische Direktinvestitionen vor allem in Infrastruktur, Energie, Rohstoffverarbeitung und Industrieproduktion stark zugenommen haben. Projekte im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative, vom Eisenbahnbau über Industrieparks bis zur Nickelverarbeitung, haben die wirtschaftliche Verflechtung weiter vertieft.Für Indonesien sind diese Investitionen essenziell, um Industrialisierung, lokale Wertschöpfung und infrastrukturelle Modernisierung voranzutreiben. In einer Phase globaler wirtschaftlicher Unsicherheit erscheint chinesisches Kapital daher weniger als geopolitische Option denn als wirtschaftliche Notwendigkeit.Diese ökonomische Nähe ist jedoch politisch sensitiv. In Jakarta besteht ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass wirtschaftliche Abhängigkeiten langfristig in strategische Verwundbarkeit umschlagen können. Entsprechend bemüht sich die indonesische Regierung, chinesische Investitionen stärker zu regulieren, lokale Wertschöpfung zu erzwingen und Technologietransfers einzufordern. Wirtschaftliche Öffnung wird somit zunehmend an industriepolitische Bedingungen geknüpft, ein stilles, aber klares Signal, dass Kooperation nicht mit Kontrollverlust gleichzusetzen ist.Gleichzeitig zieht Jakarta eine klare sicherheitspolitische Grenze. Die indonesische Regierung vermeidet konsequent jede Form formaler Allianz mit Peking. Massgeblich bleibt die aussenpolitische Doktrin der «politik bebas dan aktif», der freien und aktiven Aussenpolitik. Sie erlaubt Zusammenarbeit mit allen relevanten Akteuren, schliesst jedoch exklusive Bündnisse und strategische Abhängigkeiten ausdrücklich aus. China wird als wirtschaftlicher Partner akzeptiert, nicht jedoch als politischer oder militärischer Schutzgarant. Diese Trennung ist kein semantisches Detail, sondern Kern indonesischer Souveränitätsvorstellung.Bewusste AmbivalenzDiese bewusste Ambivalenz ist Ausdruck weder von aussenpolitischer Unsicherheit noch von taktischer Unentschlossenheit. Sie ist Teil einer langfristig angelegten Strategie, die Risiken streut und Handlungsspielräume maximiert. Indonesien verfolgt kein Entweder-oder, sondern ein kalkuliertes Sowohl-als-auch. Gerade in einer Welt zunehmender Blockbildung wird diese pragmatische Offenheit zu einem zentralen Instrument staatlicher Resilienz.Am deutlichsten tritt dieser Balanceakt im Südchinesischen Meer zutage. Zwar ist Indonesien kein formeller Anspruchsteller in den dortigen Territorialkonflikten, doch überschneiden sich chinesische Aktivitäten faktisch mit der indonesischen ausschliesslichen Wirtschaftszone rund um die Natuna-Inseln. Chinesische Fischerei und maritime Präsenz werden in Jakarta als Verletzung souveräner Rechte wahrgenommen. Indonesiens Reaktion ist jedoch bewusst kontrolliert: keine militärische Eskalation, sondern diplomatische Proteste, der Ausbau maritimer Überwachung und die konsequente Berufung auf das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (Unclos).Diese Vorgehensweise folgt einer klaren Logik. Jakarta will Rechtsnormen stärken, ohne in eine sicherheitspolitische Eskalationsspirale hineingezogen zu werden. Indonesien setzt damit auf institutionelle Absicherung statt symbolische Machtdemonstration, ein Ansatz, der seiner Rolle als ordnungspolitischer Akteur entspricht.Bemerkenswert ist, dass diese sicherheitspolitischen Spannungen bislang keine ernsthaften Auswirkungen auf die wirtschaftliche Kooperation mit China hatten. Indonesien trennt Sicherheits- und Wirtschaftsfragen bewusst voneinander und vermeidet eine Politisierung ökonomischer Beziehungen. In einer zunehmend konfrontativen internationalen Ordnung ist dies eher die Ausnahme als die Regel. Für Jakarta ist diese Trennung jedoch funktional: Sie bewahrt wirtschaftliche Stabilität und reduziert zugleich Eskalationsrisiken.Weder Aukus noch QuadIndonesiens Streben nach strategischer Autonomie beschränkt sich nicht auf das Verhältnis zu China. Parallel dazu intensiviert Jakarta die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten, Japan, Australien und Indien, etwa durch gemeinsame Militärübungen, Ausbildungsprogramme und Kapazitätsaufbau. Diese Kooperationen dienen primär der Abschreckung und der Verbesserung eigener Fähigkeiten, nicht jedoch der Bündnisbildung. Entsprechend lehnt Indonesien eine Mitgliedschaft in exklusiven Militärformaten wie Aukus oder Quad ab, die als potenziell destabilisierend für die regionale Ordnung wahrgenommen werden und den strategischen Handlungsspielraum einschränken könnten.Stattdessen setzt Jakarta auf umfassende Diversifizierung. Wirtschaftlich werden Partnerschaften mit der Europäischen Union, Südkorea und dem Nahen Osten systematisch ausgebaut. Politisch nutzt Indonesien multilaterale Foren wie Asean und die G-20, um eigene Interessen einzubringen und normative Gestaltungsspielräume zu sichern. Sicherheitspolitisch investiert das Land verstärkt in den Ausbau eigener Verteidigungsfähigkeiten und der nationalen Rüstungsindustrie. Strategische Autonomie soll nicht nur postuliert, sondern institutionell und materiell unterlegt werden.Ein zentrales Instrument dieser Strategie ist der von Indonesien massgeblich vorangetriebene Asean Outlook on the Indo-Pacific (AOIP). Dieser Ansatz setzt auf Inklusivität, Dialog und wirtschaftliche Kooperation statt auf militärische Abschreckung und Blockbildung. Der AOIP versteht sich nicht als Gegenentwurf zu China oder dem Westen, sondern als regionaler Ordnungsrahmen, der Konkurrenz einhegt und Eskalationslogiken begrenzt.Damit positioniert sich Indonesien nicht nur als souveräner Nationalstaat, sondern auch als ordnungspolitischer Akteur. Gerade für kleinere Asean-Staaten bietet dieser Ansatz eine realistische Alternative zur erzwungenen Parteinahme. In einer Zeit zunehmender geopolitischer Polarisierung wird strategisches Non-Alignment zunehmend zu einem politischen Vermögenswert und zu einem Stabilitätsfaktor für die Region insgesamt.Indonesien steht heute nicht zwischen den Fronten der Grossmächte, sondern auf einer schmalen Linie strategischer Autonomie. Das Verhältnis zu China ist weder von Unterordnung noch von Konfrontation geprägt, sondern von nüchterner, interessengeleiteter Kooperation. Diese Politik ist fragil, aber bewusst gewählt.Der Balanceakt ist für Jakarta riskant, aber realistisch betrachtet alternativlos. Es ist Indonesiens Fähigkeit zur eigenständigen Positionierung, die über seine langfristige Souveränität entscheidet. Der Erfolg dieser Strategie wird nicht nur Indonesiens Rolle im Indopazifik definieren, sondern auch global darüber entscheiden, ob mittlere Mächte künftig mehr darstellen können als blosse Spielbälle globaler Rivalität.Johanes E. S. Wato ist Doktorand an der International Graduate School of Oriental and Asian Studies (Bigs-Oas) der Universität Bonn.Passend zum Artikel
Chancen einer Mittelmacht – Indonesiens Gratwanderung in strategischer Autonomie
Erst langsam dämmert dem Westen, wie sehr Indonesien als bevölkerungsreichster Staat Südostasiens und wirtschaftliches Schwergewicht Beachtung verdient. Gegenüber China und den USA versucht das Land eine Gratwanderung in strategischer Autonomie.










